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»Wir erleben eine Welle des Antisemitismus, wie sie seit der Inquisition beispiellos ist«

»Antisemitismus wie seit der Inquisition nicht mehr«: Der Journalist Elías Levy Benarroch
»Antisemitismus wie seit der Inquisition nicht mehr«: Der Journalist Elías Levy Benarroch (Quelle: privat)

Im Gespräch mit Elisa Mercier schildert der Spanienkorrespondent des israelischen Senders KAN-Reshet Bet, Elías Levy Benarroch, den Antisemitismus in Spanien, der sich manifest gegen Israel wendet.

Elisa Mercier (EM): Die spanische Regierung hat ein Waffenembargo gegen Israel und Sanktionen gegen israelische Politiker verhängt. Premierminister Pedro Sánchez erklärte kürzlich, Spanien könne die israelische Offensive nicht stoppen, denn es verfüge über keine Atombomben. Nun äußerte er Verständnis für die massiven Proteste gegen das Radteam Israel-Premier Tech bei der Vuelta a España. Wie interpretieren Sie das?

Elías Levy Benarroch (EB): Viele Spanier halten Pedro Sánchez für einen Antisemiten, ebenso wie Außenminister José Manuel Albares. Ich vertrete eine etwas andere Position und befasse mich nicht damit, ob Sánchez antisemitisch ist oder nicht. Natürlich besteht aber kein Zweifel daran, dass die Regierung Antisemitismus erzeugt und verbreitet und es ist klar, dass die Haltung der Regierung gegenüber Israel schrecklich und inakzeptabel ist.

Hinzu kommt: Ein großer Teil der spanischen Medien kritisiert diese Ausfälle nicht, sondern verstärkt sie und schürt die feindselige Rhetorik gegenüber Israel und damit auch gegenüber Juden.

Gravierend ist auch, dass Sánchez den Antisemitismus in Spanien im Gegensatz etwa zu Emmanuel Macron in Frankreich oder Friedrich Merz in Deutschland nie öffentlich verurteilt hat. Dieses Schweigen schürt den Antisemitismus. Wir erleben eine Welle des Antisemitismus, wie sie seit der Inquisition und der Rückkehr der Juden nach Spanien Ende des 19. Jahrhunderts beispiellos ist.

EM: Sie erwähnten, dass Sie Pedro Sánchez anders einschätzen. Können Sie das erklären?

EB: Ich bin Journalist. Ich analysiere die Fakten und bewerte Sánchez in erster Linie aus strategischer und politischer Sicht. Was er persönlich ist oder nicht, ist für mich irrelevant. Spanien hat als souveräner Staat das Recht, nach eigenem Ermessen zu handeln. Aber ist das politisch klug? Sánchez verleiht unter dem Vorwand, die Rechte der Palästinenser zu verteidigen, einer Terrororganisation politische Legitimität. Er verurteilt Israel, kritisiert jedoch kaum Terroristen, die ein Massaker begangen haben und Geiseln halten.

Ein solches Verhalten ist ein Verrat an bestimmten Werten, die Sánchez mit Israel teilt, die er aber für seine persönlichen politischen Interessen zu opfern bereit ist. Würde er wirklich eine Zwei-Staaten-Lösung anstreben, sollte Sánchez sich stärker auf die Bekämpfung des islamistischen Radikalismus konzentrieren. Spanien litt jahrelang unter dem Terrorismus der ETA und war selbst Opfer dschihadistischer Anschläge, die viele Tote und Verletzte forderten.

Antisemitismus in der Alltagskultur

EM: Schauen wir auf den Antisemitismus im Alltag: Aktivisten protestierten bei der Vuelta a España massiv gegen das Radteam von Israel Premier Tech. Israelische Spieler zogen sich nach der Ankündigung von Protesten von einem internationalen Schachturnier zurück. Der Fußballspieler Manor Solomon wurde vor seinem Debüt beim FC Villarreal in den sozialen Medien mit Heinrich Himmler verglichen. Wie denken Sie darüber?

EB: Es ist Teil eines transversalen und historischen Phänomens. Seit der Vertreibung der Juden im Jahr 1492 gab es jahrhundertelang praktisch keine Juden in Spanien. Dennoch hat sich der Antisemitismus erhalten und ist Teil der spanischen Kultur und Folklore. Auf Volksfesten werden noch immer Plakate und Puppen mit antisemitischen Zügen gezeigt. Comics und Fernsehserien sind voll von Witzen und abfälligen Bemerkungen über Juden, die als normal gelten.

Diese Verbindung von Antisemitismus mit der Alltagskultur zeigt sich auch im Sport, der in Spanien sehr beliebt ist. Welche Bedeutung hat Manor Solomons Herkunft für seine Karriere bei Villarreal? Es stimmt, dass er vor dem Gaza-Krieg in der israelischen Armee gedient hat, aber einerseits ist dies Pflicht in Israel, andererseits hat er dort vor allem Fußball gespielt. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft diskriminiert werden; es ist gesetzlich verboten. In Spanien gibt es jedoch nur ein sehr geringes Bewusstsein für Diskriminierung und Antisemitismus. In diesem Bereich hinkt das Land dem Rest Europas weit hinterher.

EM: Widerspricht das nicht der Tatsache, dass 2015 ein Gesetz verabschiedet wurde, das es sephardischen Juden unter bestimmten Bedingungen ermöglicht, die spanische Staatsbürgerschaft zu erhalten? Ist das nicht ein positives Zeichen?

EB: Dieses Gesetz war das Ergebnis eines langen Prozesses. Der damalige Justizminister, der Konservative Alberto Ruiz-Gallardón, förderte es und setzte es schließlich um. Es war eine großzügige Geste der Wiedergutmachung für die im 15. Jahrhundert vertriebenen Juden und deren Nachfahren. Dank dieses Gesetzes erhielten Zehntausende Menschen die spanische Staatsbürgerschaft. In Spanien herrscht jedoch eine gewisse Dualität: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit (dem »toten Juden«) ist sowohl mit Anerkennung als auch mit Reue verbunden. Bei den heutigen Juden ist die Situation jedoch ganz anders, und bestimmte gängige Narrative driften in den Antisemitismus ab.

EM: Wie gehen Juden in Spanien mit der aktuellen Situation um?

EB: Es ist schwierig. Wenn ich zum Beispiel in Restaurants oder Hotels reserviere, verwende ich nicht meinen ersten Nachnamen Levy, sondern den meiner Partnerin. Sonst riskiere ich, abgelehnt oder als »Zionist« beschimpft zu werden.

Dieser Begriff ist zu einer normalen Beleidigung geworden. Die Dämonisierung des Zionismus und Israels hat sich in der Gesellschaft enorm verbreitet. Jüdische Gemeinden und Organisationen kritisieren das scharf. Aber wir sehen kaum Demonstrationen, auch, weil die jüdische Gemeinde in Spanien klein ist: etwa 40.000 Menschen, verteilt auf sechzehn Städte. Anders als in anderen Ländern konzentriert sich die Unterstützung nicht auf eine große Hauptstadt.

Antisemitismus und Antizionismus

EM: Welche Unterstützung erhalten Sie von Nichtjuden in Spanien?

EB: Es gibt viele Unterstützer. Ihre Motivationen sind vielfältig: Manche sind religiös, andere politisch, weil Israel als Bastion gegen den Islamismus betrachtet wird. Sie kommen meist aus rechten Lagern. Trotz dieser Unterstützungsbekundungen bleibt die Regierung jedoch defensiv und schweigt. Ein Beispiel: Nach einem Anschlag an einer Bushaltestelle in Jerusalem, bei dem ein junger spanischer Jude getötet wurde, gab es kaum offizielle Reaktionen, und jene, die es gab, waren »formalistisch«.

EM: Spanien wird von der sozialistischen PSOE und radikalen linken Parteien wie Podemos und Sumar regiert. Was ist mit der Linken passiert?

EB: Es gibt auch Linke, die nicht im traditionellen Sinn antisemitisch sind, aber doch gemäß der IHRA-Erklärung, die präzise Parameter für antisemitische Implikationen des Antizionismus festlegt, als antisemitisch gelten könnten.

In den von Ihnen genannten Parteien glaubt die Mehrheit nicht an den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Antizionismus und meint, die Forderung nach Israels Auflösung als Staat stelle keinen Antisemitismus dar. Die bedingungslose Unterstützung der Palästinenser ist oft mit höchst problematischen Positionen gegenüber Israel verbunden. So sprach etwa Yolanda Díaz, Vizepräsidentin in Sánchez’ Regierung, nur wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 bereits von »Massakern« und »Völkermorden« – und meinte Israel damit und nicht die Hamas. Die antizionistische Rhetorik der hohen Funktionäre dieser Parteien grenzt häufig an Antisemitismus.

EM: Könnte Sánchez’ sehr negative Haltung gegenüber Israel auch durch seine Koalitionspartner und interne Probleme erklärt werden?

EB: Ja. Sánchez braucht seine radikal linken Partner, um an der Macht zu bleiben, und passt daher seine Außenpolitik an sie an, insbesondere mit symbolischen Gesten und der Billigung von Entscheidungen, die eher der Ideologie dieser Parteien als der der traditionellen PSOE entsprechen, obwohl sich auch die PSOE verändert.

Hinzu kommt, dass seine Härte gegenüber Israel von innenpolitischen Problemen ablenkt. Sánchez sieht sich mit schwerwiegenden Korruptionsvorwürfen konfrontiert, in die seine Frau, sozialistische Politiker und ihm nahestehende Personen verwickelt sind. Und jedes Mal, wenn ein neuer Korruptionsskandal ans Licht kommt, reagiert Sánchez mit Angriffen auf Israel. Im Internet findet sich eine Zeitleiste, die den Zusammenhang zwischen Sánchez’ massiven öffentlichen Angriffen auf Israel und der Veröffentlichung großer Skandale zeigt. Es handelt sich um eine klare Ablenkungsstrategie, um die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf andere Bereiche zu lenken.

Elías Levy Benarroch ist spanischer Journalist, Autor und Herausgeber der Website Enfoque Judío sowie Spanienkorrespondent des israelischen Senders KAN-Reshet Bet.

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