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Antisemitische Geiselnahmen und Entführungen (Teil 1)

Heute eine der Ikonen der antisemitischen BDS-Bewegung: Flugzeugentführerin Leila Khaled
Heute eine der Ikonen der antisemitischen BDS-Bewegung: Flugzeugentführerin Leila Khaled (© Imago Images / ZUMA Wire)

Angesichts der Geiselnahme in einer Synagoge in Texas zeigt sich, dass antisemitisch motivierte Entführungen und Geiselnahmen zur Gegenwart gehören wie das Judenghetto zum Mittelalter.

Die Geiselnahme in der Synagoge Beth Israel in Colleyville (Texas), bei der der mit einer Pistole bewaffnete Täter während des Sabbat-Gottesdienstes den Rabbiner und drei weitere Menschen unter Gewaltandrohung festhielt, um eine Judenhasserin freizupressen, ehe er nach zehn Stunden von einem Geiselbefreiungsteam des FBI getötet wurde, war die jüngste Tat in einer langen Kette von antisemitisch motivierten Geiselnahmen und Entführungen von Juden.

Ein Blick auf Entführungen von Juden – bei denen die Opfer manchmal mit dem Leben davonkamen, manchmal ermordet wurden – der letzten 50 Jahre zeigt, dass antisemitisch motivierte Entführungen und Geiselnahmen zur Gegenwart gehören wie das Judenghetto zum Mittelalter.

1968: Entführung von El-Al-Flug 426

Am 23. Juli 1968 entführen Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) den El-Al-Flug 426 auf dem Weg von Rom nach Tel Aviv und steuern das Flugzeug nach Algerien. Es ist die erste und einzige erfolgreiche Entführung eines El-Al-Flugzeugs.

Kurz nach dem Start, als das Flugzeug entlang der Westküste Italiens flog und Neapel passiert, stürmen zwei Männer mit Gewehren ins Cockpit. Die Entführer haben Anweisung, es zum Flughafen Dar El-Beida in Algier umzuleiten, wo es zwei Stunden später tatsächlich landet. Dort wird es algerischen Beamten übergeben.

Innerhalb von 24 Stunden werden alle nicht-israelischen Passagiere, 23 Personen, zurück nach Rom geflogen und freigelassen. Am 27. Juli werden die zehn verbliebenen Frauen, Passagiere und Flugbegleiterinnen, und die drei Kinder, die ebenfalls an Bord gewesen waren, freigelassen.

Zwölf israelische Männer – sieben Besatzungsmitglieder und fünf Passagiere, zwei davon Angestellte der Fluggesellschaft – bleiben Gefangene der algerischen Regierung. Zunächst fordert die PFLP mit algerischer Unterstützung die Freilassung von mehr als 1.000 Gefangenen durch Israel.

Erst Ende August wird nach der Verhängung eines weltweiten Boykotts Algeriens durch den internationalen Pilotenverband eine Einigung erzielt, bei der Israel 16 palästinensische Gefangene freilässt. Israel nennt den Schritt eine »humanitäre Geste«. Am 1. September 1968 werden die zwölf israelischen Geiseln nach Rom geflogen und dann innerhalb weniger Stunden weiter nach Tel Aviv.

1969: Entführung von TWA-Flug 840

Ein Jahr später entführen erneut PFLP-Terroristen – Leila Khaled, die heutzutage Propaganda für die Anti-Israel-Boykottkampagne BDS macht, und ihr Komplize Salim Issawi – ein Flugzeug auf dem Weg von Rom nach Tel Aviv, diesmal ein amerikanisches, und steuern es nach Damaskus.

Khaled hat während der Entführung eine entsicherte Handgranate in der Hand, die explodieren würde, ließe sie sie fallen. Der mögliche Tod der Passagiere, der Besatzung und auch ihr eigener werden also von Khaled und ihrem Komplizen in Kauf genommen.

Wie es ihr gelingt, ihr Gewissen auszuschalten und zur Terrormaschine zu werden, zeigt Khaled an zwei Stellen ihrer Anfang der 1970er Jahre veröffentlichten Memoiren (Mein Volk soll leben), wo sie beschreibt, wie sie unmittelbar vor den Flugzeugentführungen die anderen Passagiere – also ihre späteren Opfer, die sie vielleicht töten wird – beobachtet oder sich sogar mit ihnen unterhält.

So sieht Leila Khaled, als sie am Morgen des 29. August 1969 an Bord von TWA-Flug 840 ist und sich darauf vorbereitet, das Flugzeug mitsamt seinen Passagieren und Crewmitgliedern zu entführen, ein Mädchen:

»Einige Sitze weiter saß ein kleines Mädchen mit einem Button an seinem Kleid, der fröhlich verkündete: ›Make friends‹.«

Khaled gibt vor, dass ihr der mögliche Mord an dem Mädchen Gewissensbisse bereitet habe – aber nur vorübergehend:

»Diese Botschaft [auf dem Button; S.F.] brachte mich auf und zwang mich, daran zu denken, dass dieses kleine Mädchen, das dort mit seiner Schwester spielte, kein Verbrechen gegen mich oder mein Volk begangen hatte. Es wäre grausam gewesen, ihr Leben durch die Entführung eines Flugzeuges zu gefährden … ein Flugzeug, das während unseres Entführungsversuchs explodieren oder von israelischem Flakfeuer zerrissen werden konnte, sobald wir in ›israelischen Luftraum‹ kämen.«

Schnell gelingt es Khaled, dieses lästige Gefühl in seine Schranken zu weisen:

»Während diese Gewissensbisse an mir nagten, spielte sich die ganze Geschichte Palästinas und seiner Kinder noch einmal vor meinen Augen ab. Vom ersten Tag meines Exils an stand mir alles deutlich vor Augen.

Ich sah mein Volk heimatlos, hungrig und barfuß. Die zweimal ›vertriebenen‹ Kinder vom Baganlager in der Nähe von Amman schienen gedemütigt vor mir zu stehen und zu sagen: ›Auch wir sind Kinder, und auch wir sind Teil der menschlichen Rasse.‹ Die Vorstellung gab mir wieder Kraft.

Ich sagte mir: ›Welches Verbrechen haben ich und mein Volk begangen, um das Schicksal, das wir erlitten haben, zu verdienen?‹ Die Antwort war: ›Keines.‹ Das Unternehmen musste ausgeführt werden. Es darf keinen Zweifel oder Rückzug geben. Meine Kinder hatten gesprochen.«

In einer geradezu shakespeareschen Szene hört Leila Khaled also eingebildete Stimmen von Kindern, die sie zum Verbrechen auffordern. Sentimentale Gedanken an das Wohlergehen unschuldiger Menschen dürfen ihr »Unternehmen nicht einschränken«, so Khaled:

»Die Tat musste vollbracht werden. Es gab keine Umkehr.«

Am Abend des 29. August 1969 explodiert auf der Landebahn des Flughafens Damaskus die Boeing 707 der amerikanischen Fluggesellschaft TWA. Beim ersten Versuch war die Sprengung missglückt.

Leila Khaleds Komplize Salim Essawai, mit dem zusammen sie das Flugzeug mit 113 Personen an Bord auf dem Flug von Rom nach Athen in ihre Gewalt gebracht hatte, klettert noch einmal in die Maschine. Als er wieder an der Luke erscheint, winkt er Leila Khaled zu, beide gehen in Deckung. Das Flugzeug explodiert und brennt aus. Für Khaled ist es ein »Freudenfeuer«.

1970: Die Dawson’s-Field-Entführungen

Am 6. September 1970 entführt die PFLP drei Passagierflugzeuge, ein viertes drei Tage später. Eines leitet sie nach Kairo, zwei auf den abgelegenen jordanischen Flugplatz Dawson’s Field (darunter eine Maschine der Swissair), in einem Gebiet, in dem die PLO eine Art Staat im Staat geschaffen hat.

Dort trennen die Kidnapper die nichtjüdischen Passagiere von den jüdischen und lassen die nichtjüdischen am 11. September frei. Die Juden behalten sie als Geiseln und fordern die Freilassung von Terroristen, die in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Großbritannien inhaftiert sind.

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, sprengen sie vor der versammelten internationalen Presse die beiden Flugzeuge in die Luft. Zur Liste der Terroristen, die freigepresst werden sollen, wird kurzfristig ein weiterer Name hinzugefügt: der von Leila Khaled.

Sie war festgenommen worden beim Versuch der Entführung des vierten Flugzeugs. Es war der Flug El Al 219 von Amsterdam nach New York. Diesmal waren bewaffnete israelische Flugsicherheitsbegleiter an Bord. Sie überwältigten Khaled und erschossen Patrick Arguello, ihren nicaraguanischen Komplizen.

Dass Leila Khaled im September 1970 die Boeing mit 155 Menschen an Bord – darunter viele Kinder – nicht in die Luft sprengte, lag einzig daran, dass ihre Handgranate nicht zündete. Im Spiegel erschien damals folgender Bericht:

»Das Mädchen [Leila Khaled; S.F.] hat zwei Handgranaten in den Händen. Der Mann trägt eine Granate bei sich, mit der Rechten zieht er eine Pistole und schlägt damit gegen die Tür der Pilotenkanzel. Durch einen Sehschlitz erkennt Kapitän Uri Bar Lev die Guerillas, er informiert London und bittet um freien Luftraum.

Steward Schlomo Vider hebt die Hände. Der Luftpirat schlägt ihm die Pistole ins Gesicht, im Fallen zieht Vider seinen Angreifer mit zu Boden. Ein Schuss löst sich und reißt einer Stewardess ein Tablett aus der Hand. Drei weitere Schüsse treffen Schlomo Vider, doch er hält fest.

Ein Mann springt aus seinem Sitz, wirft seinen Gin Tonic zu Boden und greift sich die Handgelenke der Entführerin mit den Handgranaten. Die Boeing 707 geht plötzlich zum Sturzflug über. Der Mann und die Frau werden zu Boden gerissen.

Florence Krasner, 41, sagt zu Sohn Jimmy, 9: ›Ich liebe dich, es tut mir leid, dass ich dir kein längeres Leben geben konnte.‹ Zu ihrem Vater Harry, 72, gewendet, sagt sie: ›Du musst weiter beten.‹ Am Boden vor der Kabine kämpft die Entführerin verbissen. ›Ich jage das Flugzeug In die Luft‹, droht sie. Der Mann antwortet: ›Gut, aber dann gehen wir zusammen.‹

Inzwischen fliegt die El-Al-Boeing wieder ruhig. Flugkapitän Uri Bar Lev dreht zurück nach London, dann stürzt er aus dem Cockpit. Wieder ein Schuss. Die Kugel tötet den Luftpiraten. Eine geschärfte Handgranate kullert durch die Kabine der ersten Klasse. Nach spätestens fünf Sekunden muss sie explodieren. Nichts geschieht.

Mehrere Männer prügeln jetzt auf die Entführerin ein, die sich nicht ergibt. Schließlich wird sie mit Gürteln und Krawatten gebunden. Nicht einmal zehn Minuten hat der Kampf in der Kabine gedauert. Um 14.05 Uhr landet die Boeing auf dem Londoner Flughafen Heathrow.«

Die Londoner Polizei behandelt Leila Khaled nach deren eigener Aussage »wie einen offiziellen Staatsgast«. Israel verlangt ihre Auslieferung. Doch der britische Ministerpräsident Edward Heath lässt Khaled schon eine Woche später, am 13. September, frei – obwohl sich Großbritannien im Tokio-Abkommen von 1963 verpflichtet hatte, Erpressungen von Flugzeugentführern nicht nachzugeben.

Zur selben Zeit werden Terroristen aus deutschen und Schweizer Gefängnissen entlassen, im Gegenzug für die Freilassung der jüdischen Geiseln in Jordanien. Leila Khaled sah in dem Nachgeben von Edward Heath einen Sieg, der sie darin bestärkte, dass Terrorismus der richtige Weg sei:

»Der Erfolg, den wir mit der Taktik hatten, Flugzeuge zu entführen, unsere Forderungen zu stellen und unsere Forderungen erfolgreich umsetzen zu lassen, gab uns den Mut und das Vertrauen, mit unserem Kampf weiterzumachen.«

1972: Geiselnahme von München

Am 5. September 1972 ermorden palästinensische Terroristen elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft: die Gewichtheber David Mark Berger, Josef Romano und Zeev Friedman, den Ringer-Kampfrichter Yossef Gutfreund, die Ringer Eliezer Halfin und Mark Slavin, den Fechttrainer André Spitzer, den Leichtathletiktrainer Amitzur Schapira, den Schützentrainer Kehat Shorr, den Gewichtheber-Kampfrichter Yakov Springer und den Ringer-Trainer Mosche Weinberg.

Zudem wird der deutsche Polizist Anton Fliegerbauer bei der missglückten Geiselbefreiung am Olympia-Flughafen Fürstenfeldbruck getötet.

Acht Palästinenser, die im Auftrag von Jassir Arafats Fatah/Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) handeln, sich aber aus Publicity-Gründen offiziell zu Mitgliedern einer fiktiven Terrororganisation namens Schwarzer September erklären, brechen am 5. September 1972 in das Athletendorf der Olympischen Spiele in München ein.

Die Terroristen nehmen israelische Athleten und Trainer in deren Zimmern als Geiseln, ermorden zwei auf der Stelle und schließlich auch die restlichen neun, als die deutsche Polizei bei dem Versuch scheitert, die Geiseln zu retten und die Terroristen auf dem Flughafen in der Nähe von München zu überwältigen. Bei der Vorbereitung der Tat erhielt die PLO Hilfe von deutschen Neonazis.

Das erklärte Ziel des Verbrechens ist es, Terroristen aus dem Gefängnis freizupressen: Palästinenser aus israelischer Haft, dazu den Japaner Kozo Okamoto von der Japanischen Roten Armee, der am Massaker am Flughafen Lod-Tel Aviv beteiligt war, sowie die beiden deutschen RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader.

Als im Moment der Polizeiaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck klar wird, dass dieses Ziel nicht erreicht werden kann, wirft einer der Täter eine Handgranate in den Hubschrauber, in dem sich Leichtathletiktrainer Amitzur Schapira und vier weitere Geiseln befinden und bringt ihn zur Explosion.

Man sieht hier, wie der Terrorist anstelle des ursprünglichen Ziels ein anderes Ziel wählte: so viele jüdische Geiseln töten wie möglich. Noch heute preist die Fatah den Mord als »Qualitätsoperation«.

1974: Das Massaker von Ma’alot

Im Mai 1974 dringen drei bewaffnete Terroristen der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) aus dem Libanon nach Israel ein. Kurz darauf greifen sie einen Lieferwagen an, töten zwei israelisch-arabische Frauen und verletzen eine dritte. Dann dringen sie in ein Wohnhaus in der Stadt Ma’alot ein, wo sie ein Ehepaar und ihren vierjährigen Sohn töten.

Von dort gehen sie zur Grundschule Netiv Meir, wo sie am 15. Mai 1974 mehr als 115 Personen (darunter 105 Kinder) als Geiseln nehmen. Die meisten Geiseln sind Schüler eines Gymnasiums, die während einer Exkursion in Ma’alot übernachtet haben. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von 23 palästinensischen Terroristen aus israelischen Gefängnissen, anderenfalls würden sie die Schüler töten.

Am zweiten Tag der Geiselnahme stürmen Spezialkräfte das Gebäude. Die Geiselnehmer töten Kinder mit Granaten und automatischen Waffen. Am Ende sind 25 Geiseln tot, darunter 22 Kinder; 68 weitere werden verletzt.

Im hier erschienenen zweiten Teil geht es u. a. um die Flugzeugentführung nach Entebbe und die damit einhergehende Selektion der Passagiere in Juden und Nicht-Juden. Der dritte Teil handelt von der Frage, was antisemitische Geiselnehmer antreibt, Juden als Gefangene nehmen und so viele wie möglich töten zu wollen, bevor sie selbst als »Märtyrer« sterben?

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