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Anschlag in Wien: Kritik an den beiden Lebensrettern

Bei dem Anschlag in Wien zerstörtes Autofenster. (© imago images/PEMAX)
Bei dem Anschlag in Wien zerstörtes Autofenster. (© imago images/PEMAX)

In sozialen Medien werden zwei der Helden des Anschlags in Wien einer Gesinnungsprüfung unterzogen – und für nicht sauber befunden.

Deniz Yücel, welt.de

Niemand, außer vielleicht Angehörige von Spezialkräften oder ausgebildete Personenschützer, kann von sich mit Gewissheit sagen, wie er sich verhalten würde, wenn er sich plötzlich inmitten eines terroristischen Anschlags wiederfände. Ob er die richtigen Entscheidungen treffen würde, ob er gar sein eigenes Leben riskieren würde, um anderen Menschen zu helfen.

Die jungen Austro-Türken Recep Tayyip Gültekin und Mikail Özen haben genau das getan. Sie haben Mut und Anteilnahme bewiesen und am Wiener Schwedenplatz einen Polizisten gerettet, der von einem Attentäter angeschossen worden war, und einer älteren Frau geholfen, sich in Sicherheit zu bringen. Gültekin wurde selber dabei verletzt. Und die beiden Kampfsportler wurden für ihr Verhalten als Helden gefeiert. „Wir türkischstämmige Muslime verabscheuen jegliche Art von Terror“, sagte Özen noch am Abend in einem Handyvideo in tiefstem Wienerisch. „Wir stehen zu Österreich, wir stehen für Wien, wir respektieren Österreich.“ (…)

Doch auch die Wiener Helden stehen nun in der Kritik. In den sozialen Medien kursieren Screenshots von ihren früheren Äußerungen auf Facebook oder Instagram, die sie als glühende türkische Nationalisten, womöglich gar als Anhänger der rechtsextremistischen Grauen Wölfe zeigen. Die verstörendste Äußerung soll von Recep Tayyip Gültekin stammen – ein Facebook-Eintrag vom 19. Dezember 2016 nämlich, dem Abend also, als der islamistische Attentäter Anis Amri auf dem Breitscheidplatz in Berlin zwölf Menschen ermordete: „Mir tut es überhaupt ned leid, was in Berlin passiert ist.“

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Keine Frage, das ist abstoßend und widerlich. Und es zeigt, dass die islamistischen Mörder auch in Europa bei weitaus mehr Menschen auf Verständnis oder Sympathien stoßen als nur in kleinen dschihadistischen Zirkeln und Internetforen. Politisch und soziologisch ist das allemal relevant. Aber als es darauf ankam, haben dieselben jungen Männer dem Attentäter nicht applaudiert, sondern sich unter Einsatz ihres eigenen Lebens entgegenstellt.

Niemandem ist zu wünschen, dass er jemals eine ähnliche Situation erlebt. Aber Leute in sozialen Medien, die nun auftrumpfend die fraglichen Facebook-Einträge vorzeigen – Leute ganz verschiedener politischer Couleur übrigens, von denen einige sich nicht einmal trauen, auf Twitter ihren echten Namen zu benutzen und von denen man nicht sagen kann, ob sie jemals im Leben etwas riskiert haben –, klingen schwer moralistisch, sind tatsächlich aber unanständig. (…)

Um das mit einer drastischen Analogie zu verdeutlichen: Wenn man vom deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Stalinisten und Deutschnationalen abzieht, bleibt nicht mehr allzu viel übrig. Und es ist ein Glück, dass die Bauernjungen aus Kansas, die 1944 in der Normandie landeten, und die Fabrikarbeiter aus Leningrad, die 1945 Auschwitz befreiten, keine Instagram-Accounts hinterlassen haben. Sonst könnten Bescheidwisser aller Art mal flugs nachschauen, was diese Männer, sagen wir, über Rassentrennung oder Stalin dachten, um sodann ihren persönlichen Einsatz und ihre Verdienste für die Menschheit mit einem Tweet beiseitezuwischen.

(Aus dem Kommentar „Erdogan und die Helden von Wien“, der auf welt.de veröffentlicht wurde.)

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