Unter dem Deckmantel der Neutralität codiert die Studie über die Ausrichtung der Gaza-Solidarität den Antisemitismus von einem Gewaltphänomen in eine bloß äußerliche Zuschreibung um.
Kamil Majchrzak
Das Papier mit dem Titel All Eyes on Gaza/Zusammen für Gaza. Profil der Solidaritätsproteste am 27. September 2025 ist eine gemeinsame Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), des Zentrums für Konfliktforschung (Philipps-Universität Marburg) und des INTERACT Zentrums der Freien Universität Berlin unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und kommt zu dem Schluss, dass die bislang größte antiisraelische und weitgehend antisemitische Demonstration vom 27. September 2025 in Berlin »deutlich bürgerlich-zivilgesellschaftlich geprägt« war. In der dreiteiligen Mena-Watch-Reihe unterzieht der Autor die Ergebnisse einer kritischen Prüfung.
Die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit einer Studie entscheidet sich nicht nur an den Daten, sondern auch an der Qualität ihrer Quellen. Das Literaturverzeichnis des hier untersuchten Working Papers All Eyes on Gaza / Zusammen für Gaza umfasst 56 Einträge, darunter selbstreferentielle zu den Autoren selbst. Auf den ersten Blick vielfältig, bei genauerer Betrachtung jedoch auffällig unausgewogen.
Ein Teil der Referenzen stammt aus der anerkannten Bewegungs- und Protestforschung, etwa Donatella Della Porta, Marco Giugni oder Holly McCammon. Deren Arbeiten gelten methodisch als solide und bilden ein verlässliches theoretisches Fundament. Doch daneben finden sich zahlreiche Quellen, die weder wissenschaftlich geprüft noch politisch neutral sind: Berichte von NGOs, die in der Fachwelt wegen methodischer und juristischer Verzerrungen umstritten sind, aktivistische Texte der Polit-Sekte »Palästina Spricht« oder parteinahen Verlagen wie Manifest sowie journalistische Artikel, die als Belege wissenschaftlicher Aussagen verwendet werden.
Unsachliche Mischung
Diese Mischung verwischt die Grenze zwischen Forschung und Aktivismus. Politische Reports wie etwa der Bericht Anatomy of a Genocide (UNHRC 2024) der bekannt antiisraelischen UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese oder die vielkritisierte Broschüre ›You feel like you are subhuman‹. Israel’s Genocide Against Palestinians in Gaza von Amnesty International werden in der Studie nicht als Positionierungen, sondern als sachliche Autoritäten zitiert. Das ist nicht nur problematisch, weil weder Albanese noch Amnesty die Kriegssituation im Gazastreifen sachlich darstellen. Vielmehr werden weder die Hamas noch deren Unterstützer erwähnt, ebenso wenig wie deren Verbrechen an der Zivilbevölkerung wie etwa der Missbrauch ziviler Infrastruktur oder von Zivilisten als Schutzschilde.
Noch deutlicher wird die Verzerrung bei explizit aktivistischen Texten wie Fabian Goldmanns Staats(räson)funk (Manifest Verlag 2025), Peter Ullrichs Autoritärer Anti-Antisemitismus (Berlin Review 2025) oder bei Beiträgen aus der entwicklungspolitischen Zeitschrift Peripherie und von der Polit-Sekte »Palästina Spricht«, die dezidiert parteiliche Sichtweisen im Nahostdiskurs vertreten.
Solche Texte können allenfalls Gegenstand einer Diskursanalyse sein, nicht aber Quelle empirischer Evidenz. Dass sie gleichrangig neben Fachliteratur zitiert werden, deutet auf eine Verschiebung der politischen Symmetrie hin: Die Grenze zwischen wissenschaftlicher und aktivistischer Autorität wird aufgehoben. Dass mit Bundesmitteln geförderte Institutionen wie das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) ihrer Studie durch Pamphlete von Polit-Sekten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, Glaubwürdigkeit verleihen möchte, sollte durch entsprechende Stellen untersucht werden.
Auffällig ist zugleich, was fehlt, zum Beispiel Standardwerke der Antisemitismus-, Israel- und Konfliktforschung oder Literatur etwa von Karin Stögner, Samuel Salzborn, Lars Rensmann, Monika Schwarz-Friesel, Ingo Elbe, Deborah Lipstadt, Stephan Grigat und anderen. Diese Leerstelle ist nicht zufällig, sondern symptomatisch: Kritik an israelbezogenem Antisemitismus bleibt ausgeblendet, während israelkritische oder delegitimierende Narrative überrepräsentiert sind. Das hängt auch mit der impliziten Ablehnung der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zusammen.
Die Quellenlage spiegelt damit ein geschlossenes Weltbild, das Palästina als moralisches Opfer und Israel als strukturellen Täter rahmt – und diese Folie wird auf die Untersuchung übertragen.
Stille Normalisierung
Seit dem 7. Oktober 2023 wurden Universitäten in Berlin und anderen Städten wiederholt gewaltsam besetzt, Hörsäle mit Parolen beschmiert, Gebäude verwüstet. An der Freien Universität Berlin stürmten Besetzer im Oktober 2024 das Präsidium; Wände wurden mit Hamas-Symbolen und antisemitischen Parolen besprüht, Mitarbeiter angegriffen. An der Humboldt-Universität entstand im heurigen April ein Sachschaden von rund 100.000 Euro; ein Hörsaal blieb monatelang unbenutzbar. Und doch überwogen in der öffentlichen Reaktion nicht Empörung und klare Positionierungen gegen die antisemitische Gewalt, sondern Verständnis und Vorsicht.
Als im Mai 2024 an der Freien Universität Berlin Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Volksverhetzung dokumentiert wurden und jüdische Studenten über Bedrohungen und antisemitische Parolen berichteten, unterzeichneten etwa hundert Dozenten von mehreren Berliner Hochschulen ein Statement von Lehrenden an Berliner Universitäten, in dem es heißt: »Unabhängig davon, ob wir mit den konkreten Forderungen des Protestcamps einverstanden sind, stellen wir uns vor unsere Studierenden und verteidigen ihr Recht auf friedlichen Protest, das auch die Besetzung von Uni-Gelände einschließt.«
Wenn Instituts- und Uni-Leitungen in dieser Lage hauptsächlich die Räumung kritisieren, ohne den Schutz der Betroffenen, nämlich der jüdischen Studenten, in den Vordergrund zu stellen, entsteht unabhängig von Intention der Eindruck einer Relativierung von Gewalt. Das ist problematisch, weil Worte als Signal wirken können, antisemitische oder einschüchternde Aktionen seien unter dem Etikett »Protest« tolerierbar.
Erst kürzlich drückten die Präsidentin der Technischen Universität Berlin, Geraldine Rauch, gemeinsam mit Mohammad Sarhangi, einem Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), in einer Beschwerde-Mail an den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität ihre »tiefe Sorge« über eine geplante Veranstaltung zur Vorstellung der Broschüre Speak Now: Stimmen gegen den Islamismus des Vereins Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance e.V. aus, in der vom Islamismus Betroffene ihre Perspektive aufzeigen. Die TU-Präsidentin sah darin mit ihrem ZfA-Mitarbeiter eine Gefahr, »dass antimuslimische Ressentiments propagiert werden« und forderte, »die Veranstaltung, wenn sie denn wirklich stattfindet, eng zu monitoren und bei islamfeindlichen Äußerungen einzuschreiten«.
Welch geringe Rolle Antisemitismus bei der Anerkennung verschiedener Diskriminierungsformen an Berliner Universitäten spielt, zeigte sich kürzlich auch bei der Berufung einer Diversity-Beauftragten an der FU Berlin. Das Wort Antisemitismus fand sich im Konzept der Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung gar nicht wieder, wie Chaverim FU, eine Hochschulgruppe für jüdische und nicht-jüdische Studierende, in einer Stellungnahme kritisierte.
Es ist diese Art administrativer »Umsicht«, die in Wahrheit zur stillen Akzeptanz antisemitischer Haltungen führt. Der vermeintliche Schutz vor Diskriminierung wird gegen den Schutz jüdischen Lebens ausgespielt. Insgesamt ist es eine Ausnahme, wenn Migrationsexperten und Diskriminierungsbeauftragte Juden und ihre Lebenslagen überhaupt im Kontext von Debatten über Migration oder Diskriminierung berücksichtigen.
Verschiebung der Maßstäbe
Auch andere Hochschulleitungen versagten in genau jenem Moment, in dem Integrität gefordert war: So sprach die Leitung der Alice Salomon Hochschule (ASH) nach der Besetzung ihres Audimax von einem »wichtigen Zeichen studentischer Debattenkultur«. Und statt sich schützend vor ihre jüdische Studentenschaft zu stellen, plädierte die HU-Professorin Naika Foroutan, zugleich Direktorin des DeZIM-Instituts, wenige Tage nach der Besetzung der HU im Tagesspiegel dafür,
»dass nicht reflexhaft und vorauseilend etablierte Verfahrenscodizes der offenen Gesellschaft aufgeopfert werden – die Polizei zum Räumen übergeht, noch bevor alle anderen regulierenden Maßnahmen ausgereizt wurden, Dialogbereitschaft negiert wird, noch bevor ein Dialogversuch unternommen wurde und Antisemitismus deklariert wird, sobald Begriffe wie Siedlerkolonialismus oder Apartheid fallen. Auch wenn man diese kritisch sieht, stellen sie analytische Kategorien dar, um die genau an Universitäten gestritten und gerungen werden muss.«
Wenn weder akademisches Führungspersonal noch Institutsleitungen Gewalt und antisemitische Codes klar benennen, sondern deren Urhebern mit Empathie begegnen, untergräbt das die Glaubwürdigkeit staatlich geförderter Wissenschaft und die Integrität als solche. Dass eine Haltung dieser Art nicht harmlos ist, zeigt sich nicht zuletzt an Naika Foroutan selbst, die eine vom Bund finanzierte Einrichtung leitet, welche den Anspruch erhebt, gesellschaftliche Konflikte wissenschaftlich zu analysieren. Wer in einer solchen Position Begriffe relativiert, die laut IHRA-Arbeitsdefinition als antisemitisch gelten, verschiebt die Maßstäbe.
Diese Entwicklung ist nicht nur ein Kommunikationsproblem einzelner Forschender, sondern ein strukturelles Phänomen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in Teilen des akademischen und kulturellen Feldes eine politisch aufgeladene, institutionell aber bislang abgesicherte Diskurskultur herausgebildet, die sich als »kritisch«, »nonkonform« und »progressiv« versteht, tatsächlich aber oft Distanz zu den Grundnormen des liberal-demokratischen Rechtsstaats und Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens zeigt.
Ihre Kritik an Macht, Staat und dem Westen wird dort blind, wo es um Israel und die Juden geht: das klassische Einfallstor des modernen Antisemitismus. Wo wissenschaftliche oder intellektuelle Milieus beginnen, die eigene Relevanz bloß über die symbolische Opposition zu »den Herrschenden« zu definieren, rutscht der Maßstab von Rationalität und Aufklärung in Richtung Selbstvergewisserung, wird Wissenschaft zur Haltung. Werden dann auch noch die Juden und ihr Staat zu diesen »Herrschenden« gezählt, finden antisemitische Stereotypen Resonanzräume in der aktivistisch agierenden Wissenschaft – getarnt als moralische oder postkoloniale Kritik.
Die Paradoxie unserer Gegenwart besteht darin, dass der Antisemitismus sich nicht im Dunkeln, sondern im Licht dieser Institutionen ausbreitet. Er kleidet sich in den postmodernen Gestus der Kritik, spricht von Kolonialismus, Dekolonisierung und Empathie – und entlastet damit jene, die Juden auf offener Straße bedrohen, indem er ihre Agenda zum Kampf für Gerechtigkeit, Demokratie und gegen Unterdrückung verklärt.
Dieser Antisemitismus geht mit Ethnisierung der Gerechtigkeitspolitik einher, getarnt im Gewand des Humanismus und der Demokratieretter. Die Universitäten reagieren darauf nicht mit Abwehr, sondern mit Nachsicht. Antisemitismus normalisiert sich selten durch offene Zustimmung. Er normalisiert sich durch Ambivalenz, durch das Nicht-Benennen oder die konformistische Relativierung. In diesem Klima verwandelt sich die Freiheit der Wissenschaft in einen Schutzraum für Feigheit und Hass und trägt zur Erosion der Grundlagen jeder Demokratie bei.
Schlussfolgerungen
Die All-Eyes on-Gaza-Studie steht exemplarisch für ein Elend, das über die Wissenschaft hinausreicht. Sie zeigt, wie schnell sich Forschung in politische Rhetorik verwandelt, wenn das Bedürfnis nach Resonanz die Pflicht zur Redlichkeit und mangelnde Integrität verdrängt.
Der Kodex der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verlangt keine Sprachlosigkeit, sondern Maß: Eine Universität darf Forschung popularisieren, nicht politisieren. Doch hier wurde genau diese Grenze überschritten. Aus einer nicht-repräsentativen Befragung wurden »repräsentative Daten« gemacht, aus Wahrnehmungen »empirische Gegenbilder«. So wird Wissenschaft nicht zur Aufklärung, sondern zur Bestätigung einer politischen Erzählung. Die DFG-Leitlinien sind dabei kein strafrechtliches, sondern ein ethisches Instrument: Sie erinnern daran, dass Wissen ohne Wahrhaftigkeit wertlos ist. Die an der Studie beteiligten Institute, allen voran auch das DeZIM und sein Umfeld, haben diese Erinnerung verdrängt.
Der Schaden liegt weniger in den Daten als in der Deutung. Wo Forschung zur Haltung wird, verliert sie ihre Autorität nicht, weil sie Position bezieht, sondern weil sie vorgibt, es nicht zu tun. Die Gaza-Studie ist ein Beispiel dafür, wie sich Aktivismus, selektive Kommunikation und moralische Selbstvergewisserung zu einem akademischen Narrativ verketten, das politische Ambivalenz als Objektivität tarnt.
Die verwendeten Quellen, darunter Texte aus dem Umfeld von Organisationen, die vom Verfassungsschutz als islamistisch beeinflusster Antiisrael-Aktivismus eingestuft werden, bleiben unkommentiert. So verliert Forschung den Abstand zu jenen, deren Rhetorik sie untersuchen sollte. Wenn antisemitische Narrative als Perspektiven erscheinen, Israelhass als Anti-, De- oder Postkolonialismus etikettiert und Gewalt zu Widerstand umgedeutet wird, wird der Diskurs selbst vergiftet. Antisemitismus wird wieder sagbar, nicht aus Hass, sondern aus moralischer Selbstgerechtigkeit, er wird zu »ehrbarem Antisemitismus«, wie Jean Améry dies polemisch auf den Punkt gebracht hat.
Das ipb-Working Paper »All Eyes on Gaza« markiert hier einen Wendepunkt. Unter dem Deckmantel empirischer Neutralität verschiebt es die semantische Balance: Antisemitismus erscheint nicht als Gewaltphänomen, sondern als äußere »Zuschreibung«. Das reale Leid wird durch das moralische Selbstbild seiner Beobachter ersetzt. Was bleibt, ist Diskurskosmetik, eine akademische Zivilisierung des Hasses. So wird aus Forschung Legitimation. Aus Analyse wird Entlastung. Aus Aufklärung wird Beschönigung. Das ist die eigentliche Gefahr: Ein Antisemitismus, der sich als Differenzbewusstsein tarnt, der den jüdischen Staat zur Projektionsfläche moralischer Reinwaschung macht, der das »Nie wieder« in ein »Aber auch« verwandelt.
Der polnisch-deutsche Jurist Kamil Majchrzak gründete wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 und dem Brandanschlag auf die Kahal-Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin die Initiative »Mahnwachen gegen Antisemitismus«. Er setzte sich dabei gemeinsam mit anderen Engagierten für den Schutz jüdischen Lebens und die Freilassung der aus Israel von der Hamas und anderen islamistischen Terrorgruppen entführten Menschen ein. Majchrzak fordert die Übernahme von Verantwortung durch Migranten im Kampf gegen Antisemitismus ein. Für sein Engagement im Deutschen Bundestag für die Auszahlung von Ghetto-Renten an osteuropäische Juden und Roma wurde er 2015 mit der Mordechaj-Anielewicz-Medaille »Aufstand im Warschauer Ghetto« und 2019 mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.






