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Amira Hass: Für Gewalt gegen Juden gibt es immer einen guten Grund

Immer ein nachvollziehbarer Grund: Amira Hass rationalisiert in der Haaretz antisemitische Gewalt
Immer ein nachvollziehbarer Grund: Amira Hass rationalisiert in der Haaretz antisemitische Gewalt (© Imago Images / Pond5 Images)

Während die Haaretz-Journalistin Israel die Schuld an noch jedem antisemitischen Anschlag gibt, sind militärische Operationen des jüdischen Staates für sie nur sadistische Racheakte zum Zweck der Vertreibung.

Die Haaretz-Reporterin Amira Hass findet immer neue überraschende Gründe, Gewalt gegen Juden zu entschuldigen und zu legitimieren. Ihr Stockholm-Syndrom – und das ihrer Leserschaft – ist ihre Existenzgrundlage. Israel sei »gefährlich für Juden«, diagnostiziert sie in ihrer jüngsten Kolumne.  2024 gab es in Israel 436 Todesopfer durch Unfälle im Straßenverkehr – aber das meint Hass nicht. Israel sei »gefährlich für Juden in aller Welt«. Wie ist das möglich? Sie glaubt, dass Israel schuld an Anschlägen auf Synagogen – wie kürzlich in Lüttich – und jüdische Friedhöfe sei. Warum? »Weil es sich als Vertreter des jüdischen Volkes präsentiert«.

Die Idee des Zionismus, mit der Hass seit jeher hadert, ist es, den Juden eine Heimat zu bieten. In der israelischen Unabhängigkeitserklärung heißt es:

»Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert.«

Damit habe der Antisemitismus aber überhaupt erst angefangen, meint Amira Hass. »Vom 3. bis 14. März wurden mindestens sieben Gewalttaten gegen Synagogen und eine ultraorthodoxe jüdische Schule in Kanada, Europa und den Vereinigten Staaten gemeldet«, weiß sie. Jetzt darf man gespannt sein, was das mit Israel zu tun hat. »Die Wahl religiöser Einrichtungen als Ziele für Sprengstoffanschläge, selbst mit selbstgebauten Sprengsätzen, lässt eindeutig auf Antisemitismus schließen.«

Bis hierhin kann man Hass gut folgen. Als nächstes betont sie, dass sie Terror gegen Juden nicht begrüße, eine notwendige Klarstellung, da man beim Lesen ihrer Artikel auf andere Gedanken kommen könnte. Antisemitische Terroranschläge – und daran, dass es sich um solche handelt, zweifelt auch Amira Hass nicht – seien »töricht«, schreibt sie. »Töricht«, weil sie Juden »zur Migration in das Land zwischen Meer und Fluss ermutigen« könnten und das sei doch »genau das Gegenteil dessen, was den palästinensischen Interessen dient«.

Ein originelles Argument: Hört auf damit, Synagogen in Europa anzuzünden, sonst bekommt ihr am Ende nur noch mehr Juden! Etwas stimmt damit aber nicht: Amira Hass unterstellt offenbar stillschweigend, dass es sich bei den Tätern um Palästinenser handeln müsse. Das ist nichts anderes als ein Vorurteil – man könnte auch von anti-palästinensischem Rassismus sprechen –, denn keinen der Täter haben die Behörden bislang als palästinensisch identifiziert.

Nur bei der Tat in Michigan ist der Täter überhaupt namentlich bekannt. Der 41-jährige Ayman Ghazali – ein gebürtiger Libanese, der 2011 in die USA einreiste und 2016 die US-Staatsbürgerschaft erhielt – fuhr am 12. März mit seinem mit Sprengstoff gefüllten Fahrzeug in eine der größten örtlichen Reformsynagogen, die auch einen Kindergarten hat. Dort befanden sich etwa 106 Kinder und dreißig Mitarbeiter zum Unterricht für Kleinkinder.  Ghazali – hier auf einem Foto mit Sturmgewehr posierend – eröffnete das Feuer und verletzte einen Wachmann. Er wurde erschossen und starb in seinem brennenden LKW. Dreißig Einsatzkräfte erlitten Rauchvergiftungen.

Von Israel gezwungen?

Was kann Amira Hass über diese Verbrechen sagen, das ihrem Artikel das typische Haaretz-Gepräge gibt? Nun, einfach das gleiche wie immer: Israel sei schuld. Anschläge auf Synagogen oder jüdische Kindergärten und Schulen seien nämlich »Rache«. »Rache für eine ausgelöschte Familie, für ein verschwundenes Wohnviertel, für Kinder, die zitternd aus den Trümmern geborgen wurden.« Nichts davon ist wahr. Es entspringt der Fantasie von Amira Hass. Sie will sich die Täter als gute, traumatisierte Menschen vorstellen, die von Israel zu ihren Taten gezwungen worden seien. Und das selbst bei jenen Taten, wo rein gar nichts über die Täter bekannt ist.

Testen wir die Amira-Hass-Theorie anhand bekannter antisemitischer Terroranschläge.

  • Der Anschlag auf die Tree of Life Synagogue in Pittsburgh am 27. Oktober 2018 war einer der schwersten antisemitischen Terrorakte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Der Täter Robert Bowers, stürmte während eines Gottesdienstes das Gebäude und eröffnete das Feuer auf die Anwesenden. Dabei wurden elf Menschen getötet und mehrere weitere verletzt. Die Tat war klar antisemitisch motiviert; Bowers hatte zuvor im Internet Hass gegen Juden und Verschwörungstheorien verbreitet.
  • Am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte Stephan Balliet, schwer bewaffnet in die Synagoge von Halle an der Saale einzudringen, in der sich über fünfzig Menschen befanden. Als ihm das nicht gelang, erschoss er außerhalb der Synagoge eine Passantin und später einen Mann in einem nahegelegenen Imbiss. Insgesamt wurden zwei Menschen getötet. Der Anschlag wurde teilweise live im Internet übertragen und gilt als eines der schwersten antisemitischen Gewaltverbrechen in Deutschland der jüngeren Geschichte.
  • Am 9. November 1969 deponierten Linksextremisten aus dem Umfeld der Tupamaros West-Berlin eine Bombe im Jüdischen Gemeindezentrum. Sie sollte während einer Gedenkveranstaltung zur NS-Pogromnacht explodieren. Die Bombe detonierte jedoch nicht, weil der Zünder versagte.
  • Am 11. April 2002 griffen Terroristen von Al-Qaida die El-Ghriba-Synagoge der jüdischen Gemeinde auf der tunesischen Insel Djerba an. Bewaffnete stürmten während eines Gottesdienstes die Synagoge und eröffneten das Feuer auf die Gläubigen. Bei dem Angriff wurden 21 Menschen getötet und mehr als dreißig weitere verletzt.
  • Im März 2012 ermordete Mohamed Merah drei jüdische Grundschulkinder und ihren Lehrer in der Ozar-Hatora-Grundschule in Toulouse.

Fünf antisemitische Terroranschläge, verschiedene Tätergruppen: Neonazis, Linksextremisten, Islamisten. Und sie alle sollen laut Amira Hass von dem Wunsch getrieben worden sein, »Rache« zu nehmen? Für etwas, das Israel ihnen angetan haben soll? »Für eine ausgelöschte Familie, für ein verschwundenes Wohnviertel, für Kinder, die zitternd aus den Trümmern geborgen wurden«? Das ist antisemitische Demagogie, wie sie auch Joseph Goebbels verwendete, als er nach dem Pogrom vom 9. November 1938 sagte: »Der Volkszorn hat sich Bahn gebrochen gegen jene, die unser Volk schädigen.« Es ist Täter-Opfer-Umkehr per excellence.

Nur Rache an Juden ist nachvollziehbar

Amira Hass spricht nicht explizit davon, dass es wirklich Palästinenser gewesen seien, die diese »Rache« geübt hätten, indem sie versuchten, Synagogen in die Luft zu sprengen; aber sie setzt es voraus, anderenfalls ergäbe die »Rache«-Hypothese ja erst recht keinen Sinn. Neonazis oder Dschihadisten als Täter passen nicht in ihr Bild. Sie will doch am Ende jedes Artikels alle Schuld bei Israel abgeladen haben.

Dass es schon Antisemitismus vor der israelischen Staatsgründung gab? Das will Amira Hass nicht wissen. Für den Zweck ihres Artikels stellt sie sich dumm. Von der vermeintlichen »Rache« der antisemitischen Täter kommt sie flugs auf die angeblichen »Rache«-Fantasien der Juden – eines der ältesten antijüdischen Klischees: »Wer könnte diesen Rachewunsch besser verstehen als Israel und seine jüdischen Bürger? Seit dem 7. Oktober 2023 ist sadistische Rache das Leitprinzip für viel zu viele Gefängniswärter, Soldaten, Siedler, Informanten, die Facebook-Beiträge durchforsten, und Polizisten.«

Woher sie das weiß? Verrät sie nicht. Sie erklärt, warum Rache nur verständlich ist, wenn sie sich gegen Juden richtet. Die »israelische Rache« sei keine edle, sondern Kalkül: Sie diene »einem uralten geopolitischen Zweck: der Säuberung des Landes von allen Arabern«. Ein Vertreibungsplan ohne Anknüpfungspunkte in der Wirklichkeit – eine Fantasiegeschichte wie das von den Traumata antisemitischer Terroristen.

Die »Rache« derer, die mit einem mit Sprengstoff beladenen LKW in eine Synagoge fahren und das Feuer auf Kinder eröffnen, das ist die »Rache«, die das Herz von Amira Hass höherschlagen lässt. Denn dies sei »Rache um ihrer selbst willen, ohne strategische Planung oder Logik«. Die vermeintlich palästinensischen Täter handeln also, anders als die teuflischen Juden, ohne Planung und Logik. Man erkennt hier das Stereotyp des edlen Wilden.

Amira Hass tadelt auch jene »israelischen Repräsentanten, die Europäer sofort tadeln und bei jedem Graffito auf einem Friedhof ›Antisemitismus‹ schreien«. Man soll nicht gleich bei jedem Hakenkreuz was Schlimmes denken. Es sind ja bloß »Graffiti«. Die Israelis seien schuld am Antisemitismus, glaubt Hass, sie machten es »leicht, jedem Juden in der Diaspora Mitschuld an und Unterstützung für jedes von Israel und den dafür rekrutierten Soldaten und Siedlern begangene Gräuel zu unterstellen«.

Das ist offenkundig Blödsinn und wäre es auch dann, wenn man die Prämisse der verübten »Gräuel« teilen würde. Es gibt in Europa ja auch schiitische Moscheen. Anders als Synagogen müssen sie nicht schwer bewacht werden, denn kein Gegner des Mullah-Regimes kommt auf die Idee, »Rache« an Schiiten nehmen zu wollen. Der wütendste Amerika-Hasser ruft nicht zum Boykott amerikanischer Musiker oder Sportler auf oder wirft auf Friedhöfen die Grabsteine von verstorbenen US-Bürgern um. Auch Angriffe auf Filialen von Starbucks oder McDonald’s sind selten und bleiben Kuriositäten.

Entschuldigungen für Antisemiten

Amira Hass will den ältesten und irrationalsten Hass der Geschichte als etwas erklären, dass es erst seit wenigen Wochen gebe und das eigentlich recht gut nachvollziehbar sei. Sie liefert Entschuldigungen, nicht nur für die Angriffe auf Synagogen der letzten Wochen, sondern auch für antisemitische Terroranschläge, die in Zukunft noch begangen werden. Überall Traumatisierte, die von Israel zu ihren Taten gezwungen werden. Es hat sie eben »wütend« gemacht.

Die Tat trägt die Rechtfertigung in sich selbst: Wenn Menschen so wütend auf die Juden sind, dann müssen die Juden schuldig sein. Das ist eine Rechtfertigung von Antisemitismus, die so alt ist wie der Hass selbst. Die Schuld der Juden ist immer die Ursache, der Antisemitismus die Folge. Und Gewalt ist nicht gleich Gewalt. Hass beschreibt Israels Gewalt als strategisch, systematisch und ideologisch. Gewalt gegen Juden hingegen wird als emotional (»Rache«) erklärt. Selbst im Fall der Hisbollah, die eindeutig zuerst Israel angriff, ehe Israel sich verteidigte, erklärt sie die Täter zu Opfern. Israel hat in ihrer Lesart den Libanon angegriffen.

Zwei Formen von Gewalt werden unterschiedlich gerahmt: eine als kalkuliert, eine als verständliche Reaktion. Für Amira Hass – und einige ihrer Haaretz-Kollegen wie Gideon Levy – ist Gewalt nur verächtlich, wenn sie von Israel ausgeht. Sie ignoriert, dass Antisemitismus unabhängig von Israel existiert.

Amira Hass identifiziert sich mit antisemitischen Terroristen schon so sehr, dass sie überzeugt ist, ihr Denken und Fühlen zu kennen, obwohl über ihre Identität in den meisten der von ihr genannten Fällen der jüngsten Vergangenheit gar nichts bekannt ist. Trotzdem glaubt sie, dass es nicht irgendwelche Finsterlinge gewesen sein werden, sondern Menschen mit guten Gründen. Sie wirbt um Empathie für die Täter. Statt Antisemitismus zurückzuweisen, will sie ihn verständlich machen.

Das ist ein roter Faden in ihrem Lebenswerk. 2013, als ein jüdisches Mädchen in einem fahrenden Auto von Steinwürfen schwer verletzt wurde – es lag danach zwei Jahre im Koma, ehe es starb –, schrieb sie, Steine zu werfen sei »das Geburtsrecht und die Pflicht eines jeden, der fremder Herrschaft unterworfen ist«. Im Übrigen sei die Mutter schuld, weil sie in »eine Siedlung« gezogen sei und ihr Kind dadurch »in Gefahr gebracht« habe. Ein Jahr später schrieb sie: »Steinwürfe sind ebenso eine Aktion wie eine Metapher des Widerstands.« Das Motto von Amira Hass ist offenbar: Für Gewalt gegen Juden gibt es immer einen guten Grund.

Wenn ein Terroranschlag in einer Siedlung jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 verübt wird, ist die Besatzung schuld. Wenn hingegen Juden in Rotterdam, Lüttich oder Michigan das Ziel sind, die vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nie in Israel waren? Dann ist Israel eben trotzdem schuld. So oder so, Israel ist immer schuld, wenn irgendwo auf der Welt irgendjemand seine Hand gegen Juden erhebt. Die Juden können fliehen, aber sie können sich nicht vor ihrer Schuld verstecken. Juden zu suchen, um sie zu töten, das ist der exterminatorische Antisemitismus der Einsatzgruppen im Zweiten Weltkrieg und der Hamas in unseren Tagen.

Amira Hass sieht ihre Rolle darin, Antisemitismus zu verharmlosen und zu erklären, welche Traumata sämtliche Täter angeblich hätten. Und dass Israel letztlich schuld daran sei, weil es sie so traumatisiert habe, dass sie nun gar nicht anders könnten, als Friedhöfe zu schänden und Bombenanschläge auf Synagogen zu verüben. Es wäre schon arg, wenn sie ein tatsächliches Trauma als Rechtfertigung heranziehen würde. Aber sie geht weiter und erfindet die Trauma-Geschichte einfach als Blanko-Entschuldigung für alle, die antisemitische Straftaten verüben. Jeder IS-Terrorist und Neonazi, der einen Juden tötet, kann sich nun auf Amira Hass berufen.

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