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Drohung mit »Zionisten-Liste«: In Amerika breitet sich der Alltagsantisemitismus aus

Antiisraelische Demonstranten beschimpfen Juden: Antisemitismus in Amerika breitet sich aus
Antiisraelische Demonstranten beschimpfen Juden: Antisemitismus in Amerika breitet sich aus (Quelle: Instagram)

Kaum eine Autostunde von der amerikanischen Metropole New York entfernt, werden jüdische Kinder auf ihrem Weg zur Schule bedroht und ihre Eltern als Völker- und Babymörder beschimpft.

Dutzende Menschen blockierten am 7. Mai den Weg zu einer von jüdischen Schülern besuchten Grundschule in einem ländlichen Teil des Bundesstaats New York und riefen den Kindern zu, ihre Eltern seien »mitschuldig an einem Völkermord« und »Babymörder«. Dies ereignete sich bei einer Demonstration gegen den Auto- und Rüstungszulieferer Ametek Rotron, die stattfand, weil die Demonstranten annahmen, dass dort auch Waffen für die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte gefertigt würden. 

Über den Vorfall mit den Kindern berichtete Bryce Gruber, jüdische Mutter von fünf Kindern, auf Instagram und gegenüber der New York Post. Auf Google Maps ist zu sehen, dass die Grundschule sich unweit der Landstraße 375 befindet; Ametek Rotron liegt am Ende einer Sackgasse, die von dieser Landstraße abzweigt. Die Schule und das Unternehmen sind drei Autominuten voneinander entfernt. erkennbar ist auch, dass die Schule für alle Eltern und Schüler, die aus südlicher Richtung kommen, nur über eben diese Straße zu erreichen ist, wollen sie keinen riesigen Umweg fahren. 

Es sei ihr schwer gefallen, ihren Kindern zu erklären, was sie hörten, sagte Gruber einem Reporter der Zeitung. »Sie schrien die Kinder an und jeden, der versuchte, zu ihnen durchzukommen oder sich ihnen zu nähern. Sie sagten meinen Kindern, dass ihre Eltern am Völkermord mitschuldig seien, dass sie Babymörder seien.« Auf Instagram schrieb sie:

»Heute kamen die Hamasniks, um die Handvoll jüdischer Kinder, die in Woodstock, NY, leben, einzuschüchtern. Sie sperrten die Straßen ab, die zur Grundschule und zu einem örtlichen Unternehmen führen, und ketteten sich an alles, was sie finden konnten. Sie konfrontierten einen Schulbus voller siebenjähriger Kinder, darunter auch meines, mit Schildern, auf denen stand: ›Ihr macht euch mitschuldig am Völkermord‹, und machten es dann für die Kinder zu unsicher, in der Pause nach draußen zu gehen oder rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Ich rannte zur Schule, schnappte mir meine Kinder (wir alle wissen, warum) und sah mich mit diesen Schmocks konfrontiert, die schimpften, dass die Zionisten/Juden das Problem seien und dass Amerika fallen möge. Sie sagten meinen fünf und sieben Jahre alten Kindern, dass ihre Eltern ›Babymörder‹ seien, während sie jedem den Weg versperrten, der passieren wollte. Und dann kam die ganze Nachbarschaft heraus, um diesen Arschlöchern zuzujubeln.

Weiße Vorstadtbewohner, die noch nie einen Tag im Nahen Osten verbracht haben und schon gar nicht die Region auf einer Karte zeigen können. Die Krönung war, dass ein Mann aus der Gegend meine Kinder und mich filmte – er sagte, er würde uns auf eine ›Zionisten-Beobachtungsliste‹ setzen. Wir sind hier in New York. Wir sind ganz nah an einem Pogrom.«

Juden auf Beobachtungsliste

In einem beigefügten Videokommentar sagte Gruber: »Der heutige Tag war so beschissen. Mein klitzekleines, friedliches Städtchen, etwa eine Stunde nördlich von New York City, wurde förmlich von Demonstranten überrannt – wenn wir sie überhaupt ›Demonstranten‹ nennen, denn ich halte sie für Terroristen.«

Dazu präsentierte Gruber Aufnahmen, die jemand mit dem Smartphone gemacht hatte. Zu hören ist ein Mann, der die Blockierer fragt, was sie über den 7. Oktober dächten. Einer von ihnen fragt zurück: »Was ist mit dem 6. Oktober? Was ist mit dem 24. Oktober?« Ein anderer ruft darauf den Blockierern zu: »Ihr seid zufrieden mit Vergewaltigung und allem, nicht wahr?« Dann wendet sich eine Frau an die Demonstranten: »Das ist unsere Familie. Ihr seid glücklich, dass unsere Familie getötet wurde? Das ist an euch gerichtet: Ihr kettet euch an, ihr ruiniert Kindern den Schultag? Ja, ihr solltet fragen: Wie viele von unseren Babys sind gestorben?« Als Antwort brüllt eine Frau zurück: »Free, free Palestine!« Nachbarn rufen den Demonstranten zu: »Wir lieben euch!« 

Ein mittelalter, bärtiger Mann in schwarzem T-Shirt ist zu sehen, der mit einer Kamera etwas filmt. Gruber kommentiert: »Ich denke, die Krönung war dieser Typ, der ziemlich viel Zeit damit verbracht hat, meine kleinen Kinder und mich zu filmen und dann sagte, wir kämen auf eine ›Beobachtungsliste zionistischer Juden‹, die er gerade anlegt oder bereits erstellt hat. Das alles war wirklich beunruhigend«, sagte Gruber gegenüber der New York Post. »Und nicht eine einzige Person hat sich an unsere jüdische Gemeinde gewandt, um etwas zu sagen oder sich danach zu melden.«

Die Lokalzeitung berichtete unter der Überschrift »Pro-palästinensische Demonstranten blockieren Woodstock-Militärsubunternehmer«, zwei Dutzend Aktivisten hätten seit den frühen Morgenstunden den Haupteingang von Ametek Rotron blockiert, unterließ es aber, die Geschehnisse vor der Schule zu erwähnen. Dem Unternehmen werde »nachgesagt, in ständiger Verbindung mit dem israelischen Verteidigungsminister« zu stehen. Und »die Gruppe, die sich ›Hudson No Valley Weapons 4 War‹ nennt, zeigte Transparente mit der Aufschrift ›Ametek Rotron produziert Völkermord‹ und bezog sich damit auf die israelischen Bombardierungen des Gazastreifens, bei denen Berichten zufolge Zehntausende von Zivilisten getötet wurden«.

Lily Jones aus Queens, eine Sprecherin der Gruppe, bestritt gegenüber der Zeitung, »dass die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen irgendetwas mit den brutalen Angriffen der Hamas und der Tötung von etwa 1.700 Israelis« zu tun hätten. Sie sagte, die Angelegenheit gehe auf das Jahr 1948 zurück, als Israel ein Staat wurde. Jones bestritt auch die wiederholten Behauptungen der Hamas, sie wolle Israel von der Landkarte tilgen und alle Juden töten, das Problem sei die »israelische Kolonisierung Israels vor 76 Jahren«.

Der Bericht endete damit, dass die »propalästinensische Gruppe« auch Aufmerksamkeit auf den »direkten Völkermord« lenken wolle, den Ametek Rotron »am gestohlenen Land der Mohikaner und Munsee-Lenape-Völker im Hudson Valley« verübe.

Antisemiten gegen Jerry Seinfeld

Unterdessen demonstrierten an der Duke University in North Carolina Antisemiten gegen den jüdisch-amerikanischen Komiker Jerry Seinfeld anlässlich der Verleihung eines Ehrentitels an Seinfeld während der Aufnahmefeier für neue Studenten. Wie die New York Times berichtete, verließen während Seinfelds Rede Dutzende von Studenten das Auditorium und skandierten »Free, free Palestine«. 

Über den Hintergrund der Störung schreiben die beiden Times-Autoren: »Seinfeld, der zwei Kinder hat, die das Duke College besucht haben, hat sich in den letzten Wochen bei Presseterminen für seinen neuesten Film Unfrosted … auf untypische Weise über seine Unterstützung für Juden in Israel geäußert. Seinfeld, der normalerweise ein unpolitischer Komiker ist, der es vorzieht, alltägliche Beobachtungen auf den Punkt zu bringen, engagiert sich jetzt in einer Art von Prominentenaktivismus, den nur wenige mit ihm in Verbindung bringen und der Kritik und Lob hervorgerufen hat. Seit den Anschlägen vom 7. Oktober in Israel hat er einen Brief zur Unterstützung des Landes unterzeichnet und in den sozialen Medien eine ernsthafte Botschaft über seine Verbundenheit mit dem Land gepostet.«

Der israelische Journalist Hen Mazzig kommentierte auf X: »Studenten haben heute die Aufnahmefeier der Duke University verlassen, um gegen Jerry Seinfeld zu protestieren, der als Gastredner auftrat. Um es klar zu sagen: Wenn man bei jüdischen Rednern aufsteht und geht, hilft das weder den Palästinensern noch fördert es den Frieden. Es schürt nur weitere Feindseligkeit gegen Juden.«

Auf X gab es etliche antiisraelische Kommentare, die beteuerten, die Rede von Seinfeld sei nicht etwa deshalb gestört worden, weil er Jude ist, sondern wegen seiner Unterstützung der Existenz des Staates Israel und seiner Bewohner. Sie hassen also nicht alle Juden, sondern nur diejenigen, die den Hass auf Israel nicht teilen. 82 Prozent der amerikanischen Juden gaben in einer jüngeren Umfrage von PEW an, dass ihnen Israel »sehr wichtig« oder »wichtig« ist.

In der Serie Seinfeld, die zwischen 1989 und 1998 auf NBC ausgestrahlt wurde, kommt Israel übrigens ein einziges Mal vor. Nachdem Jerry in einer Folge versehentlich einen asiatischen Postboten beleidigt, indem er ihn nach dem Weg zu einem chinesischen Restaurant fragt (in der Annahme, dass er als Postbote die Gegend kennt), beklagt er sich: »Seit wann darf ich einen Chinesen nicht mehr fragen, wo ein chinesisches Restaurant ist? Wenn mich jemand fragt: ›Hey Jerry, wo geht’s nach Israel?‹, dann raste ich doch auch nicht gleich aus!«

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