Latest News

Stille im Land des Lichts: Alltag in der Islamischen Republik Iran

In der iranischen Hauptstadt versucht ein Taxifahrer, mit er Hitze fertigzuwerden. (© imago images/Xinhua)
In der iranischen Hauptstadt versucht ein Taxifahrer, mit er Hitze fertigzuwerden. (© imago images/Xinhua)

Eindrücke aus einem Iran, in dem die Worte zur Beschreibung des Alltags etwas anderes bedeuten als überall sonst.

Willkommen im Iran, einem Land, das über eine der weltweit größten Energievorkommen wie Öl und Gas verfügt, aber voller dunkler, stromloser Häuser ist; in dem Flüsse ausgetrocknet sind, aus dem aber Wassermelonen in den Irak und nach Afghanistan exportiert werden; in dem es zwar Strom gibt, aber nicht für die Bevölkerung; in dem es Wasser gibt, aber kein Trinkwasser, und in dem das Internet aus ungenannten Gründen plötzlich abgeschaltet wird. Bei dem Versuch, eine ausländische Website zu besuchen, erleben die Iraner Zensur und gedrosselte Internetgeschwindigkeit, und wenn sie zu neugierig werden, verschwindet sogar diese wackelige Verbindung augenblicklich.

Im Iran haben Worte eine andere Bedeutung als überall sonst auf der Welt. Hier bedeutet Planung, dass die Menschen die Zeiten der regelmäßigen Stromausfälle besser kennen als die Sendezeit der Abendnachrichten. Technik bedeutet, um drei Uhr in der Nacht mit einem Wasserbehälter in der Hand am Wasserhahn zu stehen, in der Hoffnung, ein paar Tropfen zu sammeln. Hier gibt es etwas, das »islamische Gerechtigkeit« genannt wird, was praktisch bedeutet, dass der Strom für alle abgeschaltet werden muss – außer natürlich in Teilen des nördlichen Teherans, wo die Elite, die Funktionäre und ihre privilegierten Kinder leben. Für die Massen? ­– Stromausfälle. Für die Kinder der Herrschenden? – Ständiges Licht.

Rechnungen statt Reparaturen

Die Menschen im Iran wollen wie jedes andere Volk auch leben, aber sie haben keinen Strom für einen Ventilator, kein Wasser zum Duschen, kein Internet, um ihre Stimme zu erheben. Und vor allem: keine Hoffnung auf Veränderung. Versuchen sie, einen Verdunstungskühler zu benutzen, wird ihnen gesagt, dass dieser »zu viel Wasser verbraucht«. Greifen sie auf eine Klimaanlage zurück, werden sie gewarnt, dass diese »zu viel Strom verbraucht«.

Nötig wären die Ermahnungen nicht, denn es gibt weder das Wasser, das man verschwenden, noch den Strom, den man »zu viel« verbrauchen könnte. Zuverlässig kommen nur die Millionen-Toman-Rechnungen für die Versorgung – für Häuser, die den halben Tag lang kein Licht hatten. Und die Wasserrechnung für ein Gebäude, in dem es vier Nächte hintereinander kein Wasser gab, ist nur leistbar, weil die Zahlung massiv staatlich subventioniert wird. Da wird einem klar, dass man es mit einem System zu tun hat, in dem nicht nur Ungerechtigkeit herrscht, sondern dieser Zustand auch noch schamlos »Gerechtigkeit« genannt wird.

Alltag im Iran bedeutet Stromausfälle, bei denen man im Aufzug stecken bleibt. Es bedeutet, dass Kühlschränke kaputtgehen und Lebensmittel verderben, die man nicht ersetzen kann. Alltag ist, dass Eltern mit weinenden Säuglingen schlaflose Nächte in der glühenden Sommerhitze verbringen müssen.

Meister im Abschalten

Und warum gibt es kein Wasser? Weil in diesem Land wirtschaftliche Entscheidungen nicht in Universitäten oder Thinktanks getroffen werden, sondern hinter verschlossenen Türen in Sitzungen von Geistlichen und Militärkommandanten, also von Männern, die noch nie in ihrem Leben eine Landwirtschaft oder einen Fluss gesehen haben, aber beschließen, die trockenen Gebiete von Khuzestan und Kerman in Exportzentren für wasserintensive Nutzpflanzen zu verwandeln. In der Islamischen Republik zählt Fachwissen nicht, nur Loyalität gegenüber der Ideologie und der Machtlinie.

Interessanterweise hat sich die Technologie im Iran nur in einem Bereich weiterentwickelt: dem Abschalten. Das System der Abschaltungen ist so präzise und fehlerfrei, dass man glauben könnte, auf einer internationalen Konferenz zum Krisenmanagement zu sein. Woanders suchen Regierungen im Fall von Krisen nach Lösungen, im Iran werden sie dagegen als Instrument der Regierungsführung eingesetzt.

Die Wahrheit ist, dass die iranische Regierung nicht nur inkompetent ist, sondern auch ein Meister im Schüren von Krisen, denn jede Krise bedeutet auch Profit für jemanden. Stromausfälle? – Sie sorgen dafür, dass den Bitcoin-Minern immer genügend Strom bleibt, um ungestört arbeiten zu können. Dürre? – Wird zum Vorwand für erhöhte Exporte im Namen des »Widerstands«. Internetabschaltungen? – Sie bedeuten mehr »Sicherheit«, zumindest für diejenigen, die ihr eigenes Volk mehr fürchten als jeden ausländischen Feind.

Gipfel des Fortschritts

Und dennoch behaupten die Führer des Landes mit unerschütterlicher Zuversicht, den Gipfel des Fortschritts erreicht zu haben. Ja, der Iran ist vielleicht das einzige Land der Welt, das über Atomenergie verfügt und gleichzeitig den Strom abschaltet. Sie haben den Urmia-See und den Zayandeh Rud-Fluss ausgetrocknet, während die Nachbarländer massiv in Entsalzungsanlagen investieren. Aber vielleicht ist auch das in ihren Augen ein überzeugendes »Zeichen des Fortschritts«.

Und die Menschen im Iran? Sie sind zu einer Nation geworden, der man Hilflosigkeit eingeimpft hat und die unter der Kontrolle derer steht, die ihnen nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Wasser, ihren Strom, ihre Hoffnung und ihre Zukunft genommen haben.

Eine Frage bleibt allerdings noch offen: Wenn sie eines Tages sogar das Atmen rationieren werden, wer bezahlt dann die Rechnung für die Luft?

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!