Obwohl die Raketeneinschläge in Tel Aviv sich häufen, wirkt die Bevölkerung ruhiger und weniger verunsichert als in früheren Kriegsphasen mit dem Iran.
Es begann nicht in der Nacht im Schutz der Dunkelheit wie viele militärische Operationen zuvor. Dieser Krieg begann an einem Samstagmorgen. Sirenen durchbrachen die Wochenendruhe, rissen Menschen weg vom Frühstückstisch, vom Weg zum Strand, aus der vermeintlichen Routine eines gemütlichen Schabbats. Nach Monaten relativer Stille heulten die Warnsignale wieder im ganzen Land, Israelis rannten erneut zwischen Wohnung und Schutzraum hin und her.
Was zunächst wie eine weitere Eskalationsrunde wirkte, entwickelte sich binnen Stunden zu einem Ereignis mit historischer Tragweite: Am frühen Abend wurde der Tod des Obersten Führers des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, verkündet.
Schlag gegen Zentrum der Macht
Die israelischen Angriffe richteten sich von Beginn an nicht nur gegen militärische Infrastruktur, sondern gegen das Herz der iranischen Führung. Ziele in Teheran wurden massiv bombardiert, darunter auch der Komplex des Obersten Führers. Schon früh wurde deutlich, dass es sich um eine koordinierte Offensive handelte, die weit über symbolische Militärschläge hinausging.
US-Präsident Donald Trump erklärte öffentlich, »der böse Khamenei« sei tot. Ein israelischer Beamter bestätigte später, dass seine Leiche gefunden worden sei. Kurz darauf erklärten iranische Staatsmedien offiziell den Tod des 86-Jährigen. Noch kurz zuvor hatte der iranische Parlamentspräsident gesagt, man sei auf alle Szenarien vorbereitet, auch auf den Tod Khameneis. Nun ist dieses Szenario Realität.
Ali Khamenei stand seit 1989 an der Spitze der Islamischen Republik Iran. Über Jahrzehnte prägte er die ideologische und strategische Ausrichtung des Landes, baute das Netzwerk regionaler Verbündeter aus und definierte die Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten als Kern seiner politischen Identität. Sein Tod bedeutet einen tiefen Einschnitt für das System. Der Oberste Führer ist im Machtgefüge nicht nur ein symbolisches Staatsoberhaupt, sondern die höchste Autorität über Militär, Justiz, Sicherheitsapparate und Außenpolitik. Zwar existieren formale Mechanismen für eine Nachfolge, doch inmitten eines militärischen Konflikts wird sich zeigen, wie stabil diese Strukturen tatsächlich sind.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu rief noch am Samstag die iranische Bevölkerung dazu auf, gegen das Regime aufzustehen. Mit Khameneis Tod erhält dieser Appell zusätzliche Brisanz. Ob sich daraus eine innere Dynamik entwickelt und zum Beispiel Teile der Armee vom Regime abfallen, oder ob das System geschlossen reagiert, ist offen.
Tel Aviv unter Daueralarm
Während in Teheran über Nachfolge und Stabilität gerungen wird, ist der Krieg in Tel Aviv wie im Rest des Landes unmittelbar spürbar. Seit dem Samstagmorgen gibt es kaum längere Pausen zwischen den Alarmen. Ein paar Minuten Ruhe, dann wieder Sirenen. Kaum Zeit, sich die Jacke auszuziehen oder zu duschen. Viele schlafen in Kleidung, um nachts keine Sekunden zu verlieren. Manche legen sich mit Jogginghose und Pullover ins Bett, damit sie im Ernstfall sofort in den Schutzraum laufen können. Einige bringen auch Matratzen und Decken in die öffentlichen Schutzräume und verbringen die Nacht dort.
Dennoch wirkt die Stadt anders als in früheren Kriegsphasen. Weniger hektisch, weniger sichtbar verunsichert. Vielleicht ist es Gewöhnung. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht eine stille Form des Trotzes.
Das Café gegenüber meiner Wohnung hat geöffnet. Wenn die Sirene ertönt, stehen einige Gäste auf und gehen in den Schutzraum nebenan. Andere bleiben sitzen, schauen kurz auf ihr Handy und trinken weiter. Wenige Minuten später geht wird der Betrieb fortgeführt, als wäre nichts passiert. Diese Gleichzeitigkeit von Bedrohung und Normalität wirkt surreal, fast unwirklich.
Nicht alle Raketen wurden abgefangen. Im Großraum Tel Aviv kam es zu Einschlägen und Sachschäden. Eine Frau kam bei einem Angriff ums Leben, einige wurden verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Mittlerweile sind es elf Tote in ganz Israel. Selbst dort, wo das Abwehrsystem funktionierte, waren die Druckwellen deutlich spürbar. Fenster klirrten, Autos blieben abrupt stehen, Sirenen mischten sich mit dem Echo der Detonationen. Die materielle Zerstörung ist bislang begrenzt im Vergleich zu früheren Konflikten, doch die psychische Belastung ist konstant. Es ist kein spektakulärer Ausnahmezustand, sondern ein zermürbender Dauerzustand.
Mit dem Tod Ali Khameneis hat der Konflikt eine neue Phase erreicht. Ob daraus eine weitere Eskalation oder eine politische Neuordnung entsteht, ist ungewiss. Für die Menschen in Tel Aviv bedeutet es vor allem eines: mit Kleidung schlafen, zwischen Alarmen leben – und trotzdem am Morgen wieder einen Kaffee bestellen.






