Wie Medien mit ihrer Berichterstattung dazu beitragen, den gesellschaftlichen Resonanzraum zu schaffen, in dem israelbezogener Antisemitismus gedeihen kann.
Selbstverständlich sollen Medien kritisch über Israel berichten. Die Frage ist vielmehr, wie sie es tun. Denn Differenzierung, Kontextualisierung und sorgfältige Prüfung von Fakten stellen keine Einschränkung von journalistischer Freiheit dar, sondern sind deren Voraussetzung. Gerade in einem komplexen Konflikt wie dem Nahostkonflikt entscheidet die Qualität der Berichterstattung darüber, ob zur Aufklärung beigetragen wird oder eine verzerrte Darstellung erfolgt.
Wie antiisraelische Narrative funktionieren und wie schnell sie sich auch in öffentlich-rechtlichen Formaten wiederfinden können, zeigte jüngst ein Beitrag des heute journals im ZDF. Darin wurde behauptet, Israel habe einen internationalen »Vierzehn-Punkte-Friedensplan« zur Beendigung des Irankriegs blockiert. Tatsächlich war Israel an dieser Absichtserklärung weder beteiligt noch hat es diese unterzeichnet oder ratifiziert. Dennoch wurde den Zuschauern suggeriert, Israel habe einmal mehr vermeintliche Friedensbemühungen sabotiert. Die Botschaft war eindeutig. Israel ist der ewige Störenfried, der Akteur, der Lösungen verhindert und Konflikte verlängert.
Der Skandal liegt nicht nur in der sachlichen Fehlerhaftigkeit einer solchen Darstellung. Schwerer wiegt, dass damit ein Narrativ bestätigt wird, das seit Jahren weite Teile der Berichterstattung prägt. Israel wird selten als demokratischer Staat dargestellt, der sich gegen Terrororganisationen verteidigen muss. Sondern vor allem als Verursacher von Gewalt und als Machtfaktor in der Region, als ein Hindernis für den Frieden. Die komplexen politischen und historischen, ja die sicherheitspolitischen Realitäten des Nahen Ostens werden dabei auf eine einfache moralische Erzählung reduziert, in der die Rollen von Täter und Opfer feststehen.
Mediale Verantwortung
Genau diese Form der Berichterstattung bleibt aber nicht folgenlos. Medien schaffen Deutungsrahmen, innerhalb derer gesellschaftliche Debatten stattfinden. Sie bestimmen, welche Perspektiven sichtbar werden und welche Akteure Glaubwürdigkeit erhalten. Wenn Israel immer wieder als Hauptverantwortlicher für Eskalationen dargestellt wird, während die Ideologie und Praxis terroristischer Organisationen, die antisemitische Motivation vieler Angriffe oder die Erfahrungen israelischer Opfer in den Hintergrund treten, hat dies langfristige Auswirkungen. Es prägt die Wahrnehmung eines Millionenpublikums.
Dabei geht es keineswegs darum, Medien für jeden antisemitischen Vorfall verantwortlich zu machen. Antisemitismus entsteht nicht durch einen einzelnen Zeitungsartikel oder einen Fernsehbeitrag. Doch die öffentliche Atmosphäre, in der Ressentiments artikuliert und legitimiert werden, wird auch durch mediale Bilder, Begriffe und Narrative beeinflusst. Wer Israel fortwährend als besondere Quelle von Unrecht präsentiert, wer historische Vergleiche inflationär verwendet oder Begriffe wie »Genozid« und »Apartheid« kritiklos übernimmt, trägt dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem die Grenze zwischen politischer Kritik und antisemitischer Dämonisierung verschwimmt.
Israelhass war noch nie so einfach. Noch nie war es so leicht, ihn hinter den Schlagworten von Menschenrechten oder Antikolonialismus und natürlich vermeintlich progressiver Solidarität zu verbergen. Noch nie standen dafür so viele mediale Kanäle und so viele Verstärker zur Verfügung. Was früher als offener Judenhass erkennbar gewesen wäre, tritt heute als moralisch aufgeladene Israelkritik auf und genießt dadurch gesellschaftliche Akzeptanz weit über die politischen Ränder hinaus.
Vergangene Woche veröffentlicht der Bundesverband der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) seinen Jahresbericht 2025 und meldete für Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle – das sind knapp 24 Vorfälle an einem Tag. Wer den dramatischen Anstieg antisemitischer Vorfälle verstehen will, sollte nicht nur auf die unmittelbaren Täter schauen. Denn 68 Prozent aller antisemitischen Vorfälle sind laut dem Bericht auf israelbezogenen Antisemitismus zurückzuführen. Es gilt deshalb auch zu fragen, welche Narrative den Blick auf Israel prägen, welche Bilder täglich zu sehen sind und welche Botschaften immer wieder wiederholt werden.
Medien tragen nicht die Verantwortung für den Antisemitismus. Aber sie tragen Verantwortung für die Qualität ihrer Berichterstattung und für die Deutungsrahmen, die sie schaffen. Wenn Fakten hinter Haltungen zurücktreten und einseitige Schuldzuschreibungen dominieren oder antiisraelische Narrative unkritisch reproduziert werden, kann gesagt werden, dass die Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden.
Ob das ZDF den Beitrag korrigieren wird? Vielleicht. Entscheidender ist jedoch die Frage, wie viele Zuschauer die Korrektur überhaupt wahrnehmen würden. Der Schaden entsteht in dem Moment, in dem Millionen Menschen die ursprüngliche Behauptung hören. Die Richtigstellung erreicht meist nur einen Bruchteil davon. Genau deshalb sind Fehler in der Israel-Berichterstattung nicht bloß eine journalistische Nachlässigkeit. Sie sind Bausteine eines Narrativs, das Israel zum permanenten Angeklagten macht, und somit den gesellschaftlichen Resonanzraum schafft, in dem israelbezogener Antisemitismus gedeihen kann.






