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Algerien: Schauspielerinnen gegen Femizide

Algerische Schauspielerinnen protestieren mit einem Video gegen die Femizidkultur in ihrem Land
Algerische Schauspielerinnen protestieren mit einem Video gegen die Femizidkultur in ihrem Land (Quelle: Youtube)

Im Jahr 2020 ist es in Algerien zu mindestens 54 Morden an Frauen aufgrund ihres Geschlechts gekommen. Die Dunkelziffer liegt viel höher.

In Algerien haben 28 Schauspielerinnen – unter ihnen Stars des algerischen Kinos wie Bahia Rachedi, Souhila Mallem und Leïla Touchi – ein vierminütiges Video produziert, mit dem sie Gewalt gegen Frauen, die Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts (Femizid) und die patriarchale Kultur anprangern, die diese Gewalt hervorbringt. Auf den Weg gebracht wurde das Projekt von der Schauspielerin und Produzentin Adila Bendimerad.

Anlass war eine Reihe von grausamen Morden an Frauen, die die algerische Gesellschaft im Jahr 2020 schockierte und zu Demonstrationen von Frauen in mehreren algerischen Städten führte. Anfang Oktober waren in einer einzigen Woche die verkohlten Leichen von drei ermordeten Frauen aufgefunden worden.

Besonderen Abscheu erregte der Mord an der 19-jährigen Chaïma. Sie war in der Stadt Thenia, 80 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier, in einer leer stehenden ehemaligen Tankstelle, in die der Mörder sie gelockt hatte, vergewaltigt, bewusstlos geschlagen und bei lebendigem Leib verbrannt worden. Der Täter hatte zuvor eine dreijährige Haftstrafe verbüßt, weil er Chaïma als 15-Jährige schon einmal vergewaltigt hatte.

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Im Vorfeld des Referendums über die neue algerische Verfassung entfachte der Fall in Algerien eine Debatte um eine Wiederaufnahme der Todesstrafe, die in Algerien nicht abgeschafft ist, aber derzeit nicht vollzogen wird. Chaïmas Mutter hatte sich in einer Videobotschaft an Präsident Abdelmadjid Tebboune gewandt und verlangt, dass der Mörder ihrer Tochter hingerichtet wird.

Im September war der Fall einer 15-Jährigen bekannt geworden, die in der westalgerischen Stadt Saida 25 Tage lang von ihrem Nachbarn gefangen gehalten und vergewaltigt worden war. Im August war in Tipaza, rund 60 Kilometer westlich von Algier, eine 16-Jährige von ihrem Nachbarn vergewaltigt und anschließend mit einer Plastiktüte erstickt worden.

„Fast jede Woche sehen wir Fälle, in denen Frauen und Kinder entführt, vergewaltigt oder getötet werden“, sagte Sihem Hammache, eine algerische Anwältin, der Nachrichtenagentur Reuters. Hammache arbeitet für Réseau Wassila, eine Organisation, die Frauen und Kindern hilft, die Opfer von Gewalt sind. Über den Mord an Chaïma sagt sie:

„Als (ihr Angreifer) aus dem Gefängnis entlassen wurde, war sie nicht geschützt. Es ist, als hätte er ein blütenweißes Führungszeugnis, als hätte er nichts falsch gemacht, und dies führt zu großer Wut.“

Schauspielerinnen gegen Femizide

In dem Video der Schauspielerinnen treten diese in schwarzer Trauerkleidung auf und sprechen nacheinander auf Arabisch in die Kamera. Der Film beginnt mit dem Schock angesichts der Nachricht vom Mord an einer Frau: „Sie haben sie verbrannt“, sagt eine Schauspielerin. Eine andere: „Man hat sie weggeworfen aufgefunden.“

Dann sprechen die Schauspielerinnen nacheinander Sätze, mit denen Mädchen von frühester Kindheit an dazu erzogen werden, sich zu beugen und hinter Männern zurückzustehen:

  • „Langsam, renn nicht, mein Mädchen.“
  • „Du musst ein ruhiges und weises Mädchen sein.“
  • „Süß.“
  • „Lass das Fahrrad deines Bruders stehen und komm nach Hause.“
  • „Spring nicht.“
  • „Pass auf deine Schwester auf.“
  • „Senke deine Stimme. Was ist das für ein Lachen?“
  • „Unsere Töchter lachen nicht so.“
  • „Geh zur Seite wie alle Mädchen.“

Die Sätze gehen nahtlos über in solche, die für typische Geschlechterrollen im Teenager- und Erwachsenenalter stehen sollen:

  • „Ein Mann hat keine Mängel.“
  • „Die Frau … ich bitte um Entschuldigung.“
  • „Was machst du da drüben? Deine Onkel haben dich gesehen. Sie werden dich töten.“
  • „Sport? Bist du wahnsinnig? Dein Platz ist in der Küche.“
  • „Gib deinem Bruder etwas Geld, das wird dem Armen helfen.“
  • „Jetzt klopft sie auf den Tisch und fordert ihre Rechte ein.“
  • „Eine Hysterikerin.“
  • „Deine Augen sind auf. Du fängst an, für meinen Geschmack zu viel zu verstehen.“
  • „Senk die Augen.“
  • „Pss, pss, pss. Ts, ts. Klack klack. Schmatz. Ts ts.“
  • „So, Puppe schau uns an.“
  • „Komm her, ich rede mit dir. HEY, ICH REDE MIT DIR!“
  • „Ich liebe dich. Wollen wir heiraten? Aber du hörst auf, immer wieder zum Gymnasium zu gehen.“
  • „Schnell, servier deinem Ehemann den Kaffee.“
  • „Kümmere dich um deine Schwiegermutter.“
  • „Bügelt man etwa so ein Hemd?“
  • „Diese Wäsche wäscht man mit der Hand.“
  • „Ist das Abendessen immer noch nicht fertig?“
  • „Lächle.“
  • „Steh auf.“
  • „Gehorche!“
  • „Renn!“
  • „Wisch auf.“
  • „Räum ab.“
  • „Geduld.“
  • „Weine leise.“
  • „Mach dich schön für deinen Ehemann.“
  • „Was ist das für ein Make-up?“
  • „Verhülle dich.“
  • „Eine anständige Frau arbeitet zu Hause und draußen, ohne sich zu beschweren.“
  • „Dreh dich um.“
  • „Komm zurück.“
  • „Halt die Klappe.“
  • „Siehst du, so mag ich dich.“

Dann ist statt der Schauspielerinnen ein hellbrauner Sitzquader zu sehen, der auf einem Kellerboden vor einer kahlen, schmutzigen und stockfleckigen Wand steht. Man hört aus dem Off die ängstlichen Schreie einer Frau. Schläge. Das Brüllen eines Mannes. Dann erscheinen wieder der Reihe nach Schauspielerinnen und sprechen in die Kamera:

  • „Er hat sie geschlagen.“
  • „Sie muss etwas angestellt haben.“
  • „Das ist nichts Ernstes, lass es fließen.“
  • „Auch du musst dich bemühen.“

Man sieht den Quader im Bild und hört das Weinen einer Frau und Schläge. Dann wieder die Schauspielerinnen:

  • „Er hat sie wieder geschlagen.“
  • „Man hat Schreie gehört. Er hat sie verprügelt.“
  • „Sie ist undankbar. Ihr fehlt es bei ihm an nichts.“
  • „Es ist sie, nicht er.“
  • „Sie hat ihn verhext.“
  • „Sie hat es so gewollt. Sie verdient es nicht anders.“

Wieder erscheint der braune Quader, wieder hört man Schläge und Schreie. Dann wieder die Schauspielerinnen:

  • „Er hat sie wieder geschlagen. Diesmal war es zu fest. Man hat sie schreien hören.“
  • „Es sieht aus, als ob irgendjemand sie umgebracht hat.“
  • „Du kannst da nicht einschreiten, vielleicht ist es ihr Vater oder ihr Bruder.“
  • „Oder ihr Mann. Der Herr im Haus. Man kann nichts sagen.“

Noch einmal sieht man den Quader und hört ein langes Schluchzen.

  • „Sie haben sie vergewaltigt.“
  • „Es ist ihre Schuld. Hast du gesehen, wie sie sich anzieht?“
  • „Was hatte sie auch da drüben zu suchen?“

Jetzt sieht man den Quader und hört ein panisches Kreischen.

  • „Sie haben sie getötet.“
  • „Sie haben sie verbrannt.“
  • „Man hat sie gefunden.“
  • „Wer zu Hause bleibt, dem stößt nichts zu.“
  • „Wäre sie ein Mädchen aus gutem Hause, hätte ich Mitleid mit ihr.“
  • „Aber sieh mal, sieh dir mal das Foto von ihr an.“
  • „Da sieht man, dass das eine…“
  • „Eine Schande.“
  • „Ich kann kein Mitleid empfinden.“
  • „Sieh sie dir an. Sieh sie dir gut an.“

Die Schauspielerin Bahia Rachedi, die den letzten Satz gesprochen hat, sieht man nun auf dem braunen Quader sitzen. Die anderen Schauspielerinnen setzen sich zu ihr oder gruppieren sich um den Quader herum. Es erscheint die Schrift:

  • Algerische Schauspielerinnen: Vereint gegen Femizide.

Mindestens 54 Femizide im Jahr 2020

„Eines der Merkmale von Femiziden in Algerien ist die Stille, die diese Verbrechen umgibt“, schreibt die algerische Journalistin Amel Blidi in einem Beitrag für die liberale frankophone Tageszeitung El Watan. „Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, werden normalerweise mit Gleichgültigkeit beerdigt.“

Zwei feministische Aktivistinnen, Narimane Mouaci Bahi und Wiam Awres, starteten darum Anfang letzten Jahres die Website Féminicides Algerie, auf der sie an die Opfer von Femiziden, die bekannt geworden sind, mit Namen, Fotos und Kurzbiografien erinnern. Dazu gibt es eine Facebookseite, deren Zweck es ist, die Zahl von Femiziden in Algerien seit Jahresbeginn in den Blickpunkt zu rücken.

Am 8. Oktober, als Amel Blidi die beiden Frauen interviewte, waren es 38 seit Jahresbeginn. Am 30. Dezember 2020 lag die Zahl bei 54.Narimane und Wiam betonen, dass sie lediglich Morde zählen, die dokumentiert und über eine „gewöhnliche Internetsuche“ zu finden sind.

„Die tatsächliche Zahl ist viel höher und müsste durch eine amtliche Statistik bereitgestellt werden. Eine solche existiert nicht. Es bleibt die Tatsache, dass 38 getötete Frauen 38 Bürgerinnen sind, die wir verloren haben.

Dies sind Frauen, die Leben, Träume, Familien und manchmal Kinder hatten. Diese Zahl weist auch auf 38 trauernde Familien, von denen einige traumatisiert sind. Kinder, die manchmal ohne Mutter und mit einem Vater aufwachsen, der ein Mörder ist.“

Öffentlichkeitsarbeit ist laut Narimane und Wiam notwendig, um das Maß dessen zu messen, was manche Frauen in Algerien erdulden:

„Wir sind verpflichtet, Femizide zu identifizieren und publik zu machen, damit sich die algerische Gesellschaft des Ernstes bewusst wird. Die Menschen müssen verstehen, was Femizid von anderen Arten von Mord unterscheidet. Wir werden eine Analyse beginnen, um die Mechanismen und die Funktionsweise von Femiziden in Algerien zu erkennen. Alle diese Informationen werden auf der Website feminicides-dz.com veröffentlicht.“

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Femizidkultur in Algerien

Der Mord an Chaïma sei symptomatisch für eine „systemische Unterdrückung“ von Frauen, da ihr Fall mehrere Eigenheiten aufweise, sagen die beiden Aktivistinnen.

„Die junge Frau wurde 2016 als Minderjährige vergewaltigt. Sie hatte eine Anzeige erstattet, war aber nicht durch die Behörden geschützt. Sie war schon in sehr jungen Jahren nicht mehr zur Schule gegangen.

Dies zeigt uns, dass Chaïma verschiedene Formen von Gewalt ertragen hat, mit wenigen Möglichkeiten, um da herauszukommen, und Behörden, die sich wenig darum kümmerten, sie als minderjährige und missbrauchte Frau zu schützen. Und im Jahr 2020 vergewaltigte derselbe Verbrecher sie erneut und ermordete sie.“

Was Chaïma vor ihrer Ermordung erlitten habe, sei kein Einzelfall:

„Es ist das tägliche Leben vieler Frauen in Algerien, die in der Stille unter Vergewaltigung und Gewalt leiden, und wenn sie sprechen, erhalten sie nicht unbedingt Gerechtigkeit und Schutz.“

Narimane Mouaci und Wiam Awrès sorgen sich um das, was sie als „Femizidkultur in Algerien“ bezeichnen. „Der Verbrecher wird von der Verantwortung entbunden, und die gesamte Verantwortung liegt beim Opfer.“

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