Es begann mit einer Lüge, die so wirkungsmächtig war, dass sie mehr jüdische Leben gekostet hat als wohl jeder andere Propagandaslogan des 21. Jahrhunderts: »Al-Aqsa ist in Gefahr.«
Jan Kapusnak
Die wohl folgenreichste Instrumentalisierung der Verleumdung »Al-Aqsa ist in Gefahr« erfolgte mit dem Ausbruch der zweiten Intifada, bekannt auch als »Al-Aqsa-Intifada«. Es war eine jahrelange Phase, in der Israel von einer nahezu ununterbrochenen Terrorwelle gegen Zivilisten und Soldaten erschüttert wurde. Am verheerendsten waren die Selbstmordanschläge in dicht bevölkerten Innenstädten, die zahlreiche Menschenleben forderten.
Die zweite Intifada
Im September 2000 besuchte der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Scharon, begleitet von Polizisten, den Tempelberg, ohne jedoch eine Moschee oder Gebetshalle zu betreten, und betonte ausdrücklich die Unantastbarkeit des herrschenden Status quo. Dennoch nutzten palästinensische Führer seine Visite umgehend als »Beweis« für einen angeblichen israelischen Plan, den Tempelberg zu erobern oder zu schänden. Sharons Besuch wurde zu einem Schlachtruf für den Aufstand umgemünzt und er selbst für den Ausbruch der anschließenden Gewalt verantwortlich gemacht.
Tatsächlich jedoch war der Terrorkrieg im Voraus geplant, wie zahlreiche Untersuchungen später zeigten. Jassir Arafat und führende Mitglieder der Fatah hatten ihre Netzwerke bereits vorbereitet, Ressourcen mobilisiert und Wellen der Aufhetzung in Erwartung einer Konfrontation entfesselt. Sharons Besuch lieferte lediglich einen bequemen Vorwand, war aber nicht die Ursache. In den Wochen vor der Gewalt hatte Arafat palästinensische Führer gewarnt, »Jerusalem ist in Gefahr, und die Al-Aqsa-Moschee ist in Gefahr«. Slogans wie »Nach Al-Aqsa marschieren wir – Märtyrer zu Millionen« hallten durch palästinensische Städte, noch bevor die ersten Zusammenstöße ausbrachen.
Die meisten internationalen Medien stellten Scharons Anwesenheit auf dem Tempelberg dennoch als Provokation dar und übernahmen die palästinensische Propaganda weitgehend unkritisch, während sie monatelange Hetze, die geplante Natur der Gewalt und die wiederholten, offenen Drohungen von Fatah- und Hamas-Führern kleinredeten. Dieses verzerrte Framing verfestigte den bis heute weit verbreiteten Eindruck, Israels Handeln habe die Intifada ausgelöst, obwohl die Unruhen tatsächlich die gezielte Instrumentalisierung des Al-Aqsa-Mythos waren.
Anfang Oktober 2000 wurde der Tempelberg für nicht-muslimische Besucher für fast drei Jahre lang geschlossen. Israel öffnete die Stätte im August 2003 einseitig wieder, doch der Zugang zur Al-Aqsa-Moschee, zum Felsendom, zu den unterirdischen Gebetshallen und zum islamischen Museum blieb weiterhin untersagt.
Die »Verteidigung von Al-Aqsa« wurde nicht nur zur Parole, sondern zur Rechtfertigung des Terrorismus. Selbstmordattentäter der Hamas und des Islamischen Dschihads beriefen sich in ihren Abschiedsvideos auf die Moschee. Die neu gegründeten Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, finanziert und gesteuert von Arafats Fatah-Bewegung, verübten unter diesem Namen Anschläge auf israelische Zivilisten. Die Lüge hatte ihr Ziel erreicht: Sie machte die Religion selbst zum Schlachtfeld und erklärte Mord zur Frömmigkeit.
Religiöse Mobilisierung
Die Parole »Al-Aqsa ist in Gefahr« inspirierte nicht nur palästinensische Terroristen im Westjordanland und im Gazastreifen, sondern befeuerte auch die Radikalisierung eines Teils der arabischen Bürger Israels. Ein besonders drastisches Beispiel war der Selbstmordanschlag am Bahnhof von Nahariya am 9. September 2001, verübt von einem israelisch-arabischen Attentäter aus der Ortschaft Abu Sinan, der von der Rhetorik von Scheich Raed Salah (siehe Teil 1) beeinflusst war. Drei Menschen wurden getötet, 94 verletzt.
In den folgenden Jahren baute die Bewegung von Scheich Raed Salah ihren Einfluss durch massenhaft organisierte religiöse Mobilisierung weiter aus. Der Nordzweig der Islamischen Bewegung stellte kostenlose Busse aus arabischen Ortschaften in ganz Israel nach Jerusalem bereit und ermöglichte so Zehntausenden Muslimen das Gebet in der Al-Aqsa-Moschee, wodurch die emotionale und religiöse Bindung an die Stätte gestärkt wurde. Diese Aktivitäten, kombiniert mit hetzerischen Predigten über die »Verteidiger von Al-Aqsa«, festigten Salahs Ruf als zentrale Figur im Kampf um die heiligen Stätten Jerusalems.
Gleichzeitig warfen israelische Behörden Salah vor, Gewalt anzustacheln und Terrorismus zu unterstützen, insbesondere wegen seiner Verbindungen zur Hamas. Er wurde wiederholt wegen Anstiftung und Finanzierungsdelikten zugunsten einer Terrororganisation angeklagt und verbrachte Jahre in wechselnder Haft. Paradoxerweise verstärkte jede Verhaftung seine Popularität bei Teilen der arabischen Bevölkerung Israels.
Eine markante Eskalation folgte im Jahr 2007, als Salah nach archäologischen Grabungen in der Nähe des Mughrabi-Tors, das zum Tempelberg-Komplex führt, eine Predigt in Ostjerusalem hielt. In seiner Rede beschwor er eine antisemitische Ritualmordlegende und deutete an, Juden hätten das Blut von Kindern für religiöse Rituale benutzt. Wörtlich sagte er: »Wir [Muslime] haben uns nie erlaubt, den Teig für das Brot, das den Fastenmonat Ramadan bricht, mit Kinderblut zu kneten. Wer eine ausführlichere Erklärung will, soll nachfragen, was früher mit manchen Kindern in Europa geschah, deren Blut dem Teig des [jüdischen] heiligen Brotes beigemischt wurde.«
2009 setzte Salah seine militante Rhetorik fort, als er im Juni an der Universität Haifa erklärte: »Wenn man von uns verlangt, unsere heiligen Stätten aufzugeben, ziehen wir es vor, zu sterben und den Tod zu begrüßen.« Im darauffolgenden Oktober rief Salah in Umm al-Fahm angesichts der angespannten Lage auf dem Tempelberg seine Anhänger zur Entscheidung auf, entweder »Märtyrer [zu] werden oder Al-Aqsa auf[zu]geben«. Seine Worte lösten gewaltsame Unruhen in Jerusalem und Umgebung aus; er selbst wurde festgenommen und wegen Aufwiegelung und Aufruhr für dreißig Tage aus der Stadt verbannt.
Organisierte Belästigung
Im Jahr 2012 gründete Salahs Bewegung die Murabitat (»Wächterinnen«) und Murabitun (»Wächter«) – Gruppen, die offiziell religiöse Aktivitäten der Al-Aqsa-Moschee fördern sollten, in der Praxis jedoch jüdische Besucher drangsalierten und einschüchterten. Ihre Aktivisten provozierten aggressive Konfrontationen, beschimpften Besucher und filmten sie, um das Material anschließend auf Al-Aqsa TV, einem 2007 gegründeten Sender der Hamas, auszustrahlen. Die Hamas und Salahs Netzwerk stilisierten gewöhnliche jüdische oder touristische Besuche auf dem Tempelberg zu »Provokationen« und fütterten so das Narrativ, die Moschee sei bedroht.
2015 verbot Israel beide Organisationen unter Verweis auf Aufstachelung zur Gewalt, untersagte den Nordzweig der Islamischen Bewegung insgesamt und warf ihm enge Verbindungen zur Hamas und systematische Hetze vor. Die Büros wurden geschlossen, Konten eingefroren und mehrere Führungsfiguren verhaftet, darunter Salah selbst.
Doch trotz des Verbots agierte die Bewegung über informelle Gemeindestrukturen und mit ihr verbundenen NGOs weiter. Sie bleibt ein zentraler Akteur bei der Mobilisierung von Unruhen auf dem Tempelberg – besonders während des Fastenmonats Ramadan, wenn sie den Transport von Tausenden Gläubigen organisiert und zeitweise mehr als hundert Busse täglich zum Komplex schickt.
Anfang 2025 nahm Israel erneut Netzwerke ins Visier, die mit Raed Salah verbunden sind. Im Januar stufte Verteidigungsminister Israel Katz die NGO Afsha’a al-Islam – eine angeblich wohltätige Organisation, die als zivile Tarnstruktur für den verbotenen Nordzweig fungierte – als Terrororganisation ein. Ihre Büros in Umm al-Fahm wurden geschlossen, Vermögen beschlagnahmt, und Salah, der weiterhin öffentlich zu Al-Aqsa-Fragen spricht, im Zuge der Maßnahmen kurzfristig festgenommen.
»Al-Aqsa-Terrorismus«
Mitte der 2010er-Jahre war die Verleumdung, »Al-Aqsa ist in Gefahr«, nicht länger nur auf radikale Imame oder islamistische Bewegungen beschränkt, sondern hatte die höchsten Ebenen vermeintlich moderater palästinensischer und regionaler Führungen erreicht. 2015 erklärte der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, Juden hätten »kein Recht, die Al-Aqsa-Moschee mit ihren dreckigen Füßen zu entweihen«, und pries »jeden Tropfen Blut, der um Jerusalems Willen vergossen wird«. Regionale Spitzenpolitiker verstärkten diese Botschaft: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan verurteilte Israels Vorgehen auf dem Tempelberg als Überschreiten einer »roten Linie« und rief die islamische Welt auf, sich gegen Israels »Angriffe« zu vereinen.
Diese Rhetorik hatte vorhersehbare, tödliche Folgen. Zwischen 2014 und 2017 fegte eine Welle der Gewalt, von den Palästinensern meist als Messer-Intifada oder Al-Quds-Intifada bezeichnet, vor allem durch Jerusalem, aber auch durch andere israelische Städte, das Westjordanland und weitere urbane Zentren. Dutzende, meist junge Palästinenser verübten Messerangriffe, Auto-Attacken und Schussattentate. Es handelte sich nicht um zentral gelenkte Kampagnen, sondern um individuell ausgeführte Angriffe, die durch einen gemeinsamen ideologischen Treibstoff verbunden waren: den Glauben, Al-Aqsa sei bedroht und Gewalt eine gerechte Verteidigung.
Viele Attentäter wurden in der palästinensischen Gesellschaft als Märtyrer gefeiert. Akademische Untersuchungen aus dieser Zeit belegen, dass Attentäter als ihre Hauptmotivation häufig Gerüchte über eine Bedrohung der Al-Aqsa-Moschee angaben. Die Teilnahme an »Al-Aqsa ist in Gefahr«-Kundgebungen sowie die Konfrontation mit aufhetzenden Predigten und sozialen Medien verstärkten die Überzeugung, die Moschee werde entweiht.
Das Phänomen – man könnte von »Al-Aqsa-Terrorismus« sprechen – stützte sich auf einen religiösen Diskurs, der das Märtyrertum im Kampf gegen Israel heiligt. Im Zentrum steht das Konzept der Schahada, das im Islam traditionell das Sterben als Märtyrer »auf dem Weg Gottes« bezeichnet. Im Laufe der Jahrzehnte deuteten einflussreiche Gelehrte und Rechtsgutachter dieses Konzept um und schlossen gewaltsame Aktionen gegen Israel, einschließlich der Selbstmordanschläge der zweiten Intifada, ausdrücklich ein.
Scheich Yusuf al-Qaradawi, ein führender muslimischer Rechtsgelehrter und Kopf der Internationalen Union der Muslimgelehrten, machte dies schon in den 1980er-Jahren deutlich: Zwar verbiete der Islam Selbstmord, doch wer sich im Kampf gegen Israel in die Luft sprengt, sei ein Schahid, also ein Märtyrer, der bei der Verteidigung muslimischen Landes falle. Diese theologische Verschiebung bot eine moralische und spirituelle Rechtfertigung für Menschen, die in persönlichen Krisen, sozialer Marginalisierung oder psychischer Not zur Gewalt griffen. Für Täter wurde der Versuch, im Namen der Verteidigung Al-Aqsas zu töten oder zu sterben, verbunden mit der Verheißung ewiger Belohnung im Jenseits, zur Sinnstiftung.
Besonders erschreckend war die Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Fälle wie der Anschlag von zwei Cousins aus Ostjerusalem im Jahr 2015, die dreizehn bzw. fünfzehn Jahre alt waren, zeigen, wie Massenkundgebungen und ständige Hetze Minderjährige radikalisieren können. Einen Monat vor ihrem Angriff hatten sie an einer »Al-Aqsa ist in Gefahr«-Kundgebung teilgenommen; die Brutalität ihrer Tat erschütterte selbst erfahrene Polizisten und Ermittler des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet.
Die »Verteidigernetzwerke«
Seit 2015 steigt die Zahl religiöser Juden – vor allem aus dem nationalreligiösen Lager –, die den Tempelberg nicht mehr nur als Besucher, sondern ausdrücklich als Betende betreten. Unter zunehmendem politischen und gesellschaftlichen Druck lockerte die israelische Polizei schrittweise die strikte Durchsetzung des Status quo von 1967 und tolerierte stillschweigend diskrete Gebete, das leise Studium der Thora und symbolische Gesten wie das Hissen von Flaggen oder das Singen der israelischen Nationalhymne in bestimmten Zonen.
Diese subtile Veränderung spiegelte den tieferen kulturellen Wandel wider, dass eine jüngere Generation religiöser Zionisten nicht länger bereit war, ihren heiligsten Ort dauerhaft auszusparen, auch wenn maßgebliche rabbinische Autoritäten den Zutritt zum Berg weiterhin aus halachischen Gründen untersagten. Diese Entwicklungen, quantitativ begrenzt, wurden in palästinensischen und arabischen Medien überdimensioniert und als Beleg für einen jüdischen Plan zur Übernahme des Areals präsentiert – ein weiterer Treibstoff für das Narrativ von der angeblichen Bedrohung Al-Aqsas.
Ende der 2010er-Jahre verlagerte sich die Autorität auf dem Tempelberg zusehends von formellen Institutionen hin zu informellen »Verteidigernetzwerken« junger Ostjerusalemer, die immer unabhängiger von der jordanischen Waqf und der Palästinensischen Autonomiebehörde agierten und die Symbole und Botschaften der Hamas übernahmen. Ihren ersten großen Erfolg verbuchten sie 2017, als eine massenhaft mobilisierte Gewalt Israel dazu zwang, die nach einem tödlichen Anschlag neu installierten Metalldetektoren wieder zu entfernen.
Im selben Jahr erreichten sie den Abbau von Polizeisperren auf den Stufen des Damaskustors und vertrieben den von der PA eingesetzten Mufti Muhammad Hussein, dessen Abgang von Sprechchören begleitet war, die den Militärchef der Hamas, Muhammad Deif, priesen, der als Architekt vieler Anschläge gilt. Deifs Name wurde zum Kürzel für unbeugsamen Widerstand und signalisierte, dass die Inszenierung der Hamas als »wahre Verteidigerin Al-Aqsas« mittlerweile nicht nur unter Palästinensern in Ostjerusalem, sondern auch in der weiteren islamischen Welt und bei Teilen der radikalen Linken im Westen verfing.
Von diesem Zeitpunkt an waren Konfrontationen auf dem Tempelberg zunehmend geprägt von organisierten Barrikaden in der Moschee, Vorräten an Steinen und Feuerwerkskörpern und koordinierten Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften.
Wendepunkt Ramadan 2021
Diese Verschiebung der Autorität und Symbolik bereitete den Boden für den Ramadan 2021, als nächtliche Versammlungen am Damaskustor in gewaltsame Auseinandersetzungen übergingen. Die Spannungen mündeten in einen elftägigen Krieg (10. bis 21. Mai), als die Hamas ihre Raketenoffensive »Saif al-Quds« (»Schwert Jerusalems«) startete und Israel mit der Operation »Hüter der Mauern« reagierte. Es gelang der Hamas, den Konflikt als religiöse Verteidigung der Al-Aqsa-Moschee zu vermarkten.
Die Unruhen griffen rasch auf Lod, Ramle, Akko, Jaffa und andere gemischte Städte in Israel über und lösten die schwersten innergesellschaftlichen Ausschreitungen seit zwei Jahrzehnten aus. In der öffentlichen Wahrnehmung im palästinensischen Raum erschien nicht die Palästinensische Autonomiebehörde, sondern die Hamas als jene Kraft, die »für Jerusalem eingestanden« sei. Das verschob die Hierarchie palästinensischer Legitimität: Die Hamas ging gestärkt als Bewegung aus dem Konflikt hervor, die am glaubwürdigsten beanspruchte, »die heiligen Stätten zu verteidigen«.
2022 hatte der »Al-Aqsa-Terrorismus« bereits vor Beginn des Ramadans in der tödlichsten Serie von Schuss-, Messer- und Auto-Rammattacken seit 2006 siebzehn Israelis getötet. Während des Ramadans mobilisierten sich dieselben informellen »Verteidigernetzwerke« erneut auf dem Tempelberg, Jugendliche verbarrikadierten sich in der Moschee und lieferten sich Zusammenstöße mit der israelischen Polizei. Yahya Sinwar, damaliger politischer Hamas-Chef im Gazastreifen, der 2024 von Israel getötet wurde, drohte mit einem »regionalen Religionskrieg« und Angriffen auf »tausende Synagogen«, sollten israelische Kräfte die Moschee erneut »stürmen«.
Die Botschaft gewann zusätzlich an Schlagkraft, als Itamar Ben-Gvir Ende 2022 zum Minister für Nationale Sicherheit ernannt wurde. Seine öffentlichkeitswirksamen Besuche auf dem Tempelberg und seine Forderungen nach ausgeweiteten Gebetsrechten für Juden wurden von der Hamas als weiterer »Beweis« für die angebliche Bedrohung der Moschee ausgeschlachtet. Bis 2023 hatte sich das Narrativ zur festen Überzeugung verfestigt, der Kampf um Al-Aqsa sei ein Kampf um Souveränität selbst. Als die Hamas am 7. Oktober 2023 ihren Angriff unter dem Namen »Al-Aqsa-Flut« startete, präsentierte sie das Massaker als Höhepunkt dieses Kampfes.
Prophezeiung
Zwei Jahre nach dem Massaker preist Muhammad al-Saghir, eine führende Figur in der von Katar finanzierten Internationalen Union der Muslimgelehrten, den Angriff offen als ersten Schritt eines mehrstufigen Plans zur Eliminierung Israels. Auf Plattformen von Al Jazeera deutete er die Attacke als Beginn der Erfüllung einer Prophezeiung des Hamas-Gründers und »geistlichen Führers« Ahmad Yassin, der 2004 von Israel getötet wurde und behauptet hatte, Israel werde bis 2027 aufhören zu existieren.
Al-Saghir bezeichnet den 7. Oktober 2023 inzwischen als erste »Befreiungsrunde« und stellt die stattgefundenen Waffenstillstandsverhandlungen als Beleg dafür dar, dass die Hamas die Welt bereits gezwungen habe, sie als legitimen souveränen Akteur anzuerkennen. In dieser Logik ist das Blutbad kein Kriegsverbrechen, sondern eine Etappe auf einem göttlich gelenkten Weg; zukünftige Gewalt wird zur heiligen Pflicht und historischen Notwendigkeit. Die Wirkung ist nicht nur strategischer, sondern auch psychologischer Natur: Der Weg nach Jerusalem ist mit Blut gepflastert, die Zeit arbeitet für den geduldigen Gläubigen, und die nächste »Welle« ist keine Frage des Ob, sondern nur des Wann.
Die internationale Gemeinschaft hat dieses Narrativ oft mit bemerkenswerter Nachsicht behandelt, als handle es sich nur um Rhetorik. Westliche Diplomaten nicken, wenn die palästinensische Führung von der »Verteidigung Al-Aqsas« spricht, und scheuen davor zurück, religiöse Sensibilitäten anzutasten. Doch Nachsicht hat Konsequenzen. Je länger die Lüge unwidersprochen im Umlauf bleibt, desto tiefer gräbt sie sich in die politische Kultur ein.
Und so kam es, dass am 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen nach Israel eindrangen, die Täter und ihre Unterstützer überzeugt waren, Soldaten in einem heiligen Krieg zur Verteidigung Al-Aqsas zu sein. Und genau darin liegt die anhaltende Gefahr dieser Verleumdung, denn sie verwandelt Mörder in »Verteidiger« – und ihre Opfer in angebliche Aggressoren.






