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Ahed Tamimi, die Botschafterin des Pogroms (Teil 1)

Demonstration für Ahed Tamimi in Amsterdam
Demonstration für Ahed Tamimi in Amsterdam (© Imago Images / ZUMA Press)

Als Kind wurde Ahed Tamini von ihren Eltern zur Ikone des »palästinensischen Widerstandes« stilisiert, während Verwandte tödliche Anschläge in Israel verübten. In ihrer soeben erschienenen Autobiografie hofft die Palästinenserin noch immer auf die Vernichtung des jüdischen Staates. (Teil 2 der Buchbesprechung finden Sie hier.)

Anfang des letzten Jahrzehnts machte in den sozialen Medien ein palästinensisches Mädchen Karriere: Ahed Tamimi. Am Rande der Krawalle, die in dem Dorf Nabi Saleh, zwanzig Kilometer nordwestlich von Ramallah, traditionell jeden Freitag inszeniert wurden, wurde Ahed von ihren Eltern zur Konfrontation mit den am Schauplatz der Ausschreitungen eingesetzten israelischen Wehrpflichtigen ermuntert und dabei von ihrer Mutter in Anwesenheit von einem Pulk von Fotografen der internationalen Presse gefilmt.

Jedes Mal, wenn sie sah, dass die Kamera lief, aber keinen Augenblick eher, schrie Ahed die Soldaten an, beschimpfte, schubste, schlug, trat und biss sie. Die gestellte Action fürs Internet war der Zweck. Die Shirts, die Ahed dabei trug, sollten niedlich wirken und waren mit dem Peace-Zeichen, dem Schriftzug Love oder dem Vogel Tweety bedruckt. Als sie neun Jahre alt war, trug sie ein Kleid und eine Kopfbedeckung, die aus einer palästinensischen Kufyia geschneidert waren.

Die Wahrheit, anders gemeint

Ahed Tamimi war das Kindergesicht palästinensischer Militanz. Wegen ihrer inszenierten Wutausbrüche, die immer just dann begannen, wenn ihre Mutter das Stichwort dazu lieferte, gab ihr ein australischer Blogger den Spitznamen Shirley Temper, ein Wortspiel aus dem Namen der berühmten Kinderschauspielerin Shirley Temple und temper, dem englischen Wort für Temperament.

Für die Anti-Israel-Propaganda, einer der wesentlichen Geschäftszweige der Tamimis, war das eine Win-Win-Situation: Würden die jungen Israelis irgendeine Bewegung machen, die entfernt als aggressive Geste gegen das Mädchen hätte gedeutet werden können, wäre das der Hauptgewinn gewesen. Da dies nie geschah, konnte zumindest in minutenlangen Videos gezeigt werden, wie ein vermeintlich »mutiges« Mädchen den Soldaten entgegentritt. Niemand fragte danach, welche Art von Eltern ihr Kind auf Soldaten hetzen – die ja als bösartig und brutal und somit als gefährlich imaginiert wurden – und es dabei stolz filmen würden.

Auf die Idee, dass diese Bilder in Wahrheit bewiesen, dass israelische Soldaten ihre Contenance selbst dann nicht verlieren, wenn man ihnen ins Gesicht schreit und sie körperlich attackiert – und darum kein Kind sich vor ihnen fürchtet –, sind die Produzenten dieser Propaganda offenbar nie gekommen. In Ägypten, Jordanien, Katar, dem Gazastreifen oder Ramallah trauen sich Kinder sicherlich nicht, Uniformierte so herum zu schubsen.

Ihren letzten »großen« Augenblick hatte Ahed Tamimi, als sie 2017 als nunmehr 16-Jährige vor laufender Kamera unprovoziert einen israelischen Soldaten ohrfeigte. Diesmal wurde sie zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Einige ihrer Fans verglichen sie mit dem pakistanischen Mädchen Malala, das 2012 wegen ihres Einsatzes für Mädchenrechte zum Ziel eines Mordanschlags der Taliban wurde und zwei Jahre später den Friedensnobelpreis erhielt.

Dieser Vergleich sah auf perfide Art über den Unterschied zwischen beiden hinweg: Die eine, Malala, war friedlich und wurde selbst Opfer von Gewalt; Ahed Tamimi hingegen verübte Gewalt gegen Menschen, die ihr nichts getan hatten. Dennoch wurde sie zum Medienstar und bekam einen Ehrenempfang im Bernabeu-Stadion von Real Madrid.

Sie nannten mich Löwin

Nun hat Ahed Tamimi ihre Autobiografie veröffentlicht: They called me a lioness: A Palestinian girl’s fight for freedom (»Sie nannten mich eine Löwin: Der Kampf eines palästinensischen Mädchens um Freiheit«). Geschrieben hat das Buch die amerikanische Al-JazeeraJournalistin Dena Takruri.

Wenn Erwachsene über ihre Kindheit vor dem Hintergrund eines bekannten Konflikts berichten, ist die Chance groß, dass etwas Interessantes dabei herauskommt. Auch das vorliegende Buch ist keine dröge Lektüre. Propaganda? Gewiss, aber nicht langweilig. Der Leser wird bei der Stange gehalten durch das hohe Erzähltempo, den geringen Umfang und die fehlenden Abschweifungen. Tamimi hat die 21 Jahre ihres Lebens eingedampft auf das für sie Wesentliche: den Kampf gegen Israel. Jede Person, die erwähnt wird, ist entweder ein palästinensischer Freiheitskämpfer, ein israelischer Bösewicht oder Menschen aus Israel oder dem Ausland, die sich mit der »Sache« der Palästinenser identifizieren und Ahed Tamimi bewundern und loben.

Charakterschilderungen gibt es keine. Die erwähnten Personen sind wie Soldaten, sie haben zwar Namen, sind aber austauschbar. Selbst darüber, wie Aheds Eltern und Geschwister als Menschen sind, erfährt der Leser nichts. Ahed Tamimi – und das ist ungewöhnlich für das Genre der autobiografischen Literatur – berichtet nichts aus ihrem Leben, das irgendwie privater Natur wäre. Alles an ihrem erzählten Leben ist politisch. Ein Beispiel: Dass Fußball die große Leidenschaft ihrer Kindheit und Jugend war, erfährt der Leser keine Sekunde früher als an jener Stelle, wo sie als nunmehr fast 18-Jährige von dem Fußballverein Real Madrid dafür geehrt wurde, dass sie einen israelischen Soldaten geschlagen hatte.

Private Wünsche, Reflexionen, Zweifel, Konflikte, das alles kommt nicht vor. Trauer um einen toten Angehörigen? Nur, wenn Israel die Schuld gegeben werden kann, wie in dem Fall eines »entfernten Cousins«, der Steine auf einen israelischen Militärjeep warf und daraufhin mit einem Tränengascontainer beschossen wurde, der ihn tödlich verletzte. All jene Verwandten und Freunde, die im Lauf von Aheds Leben friedlich im Bett gestorben sind, bleiben unbeweint und unerwähnt.

Biografie ohne Biografisches

Welche Rolle Familie und Religion für Ahed Tamimi als Kind spielten, in welchen Verhältnissen sie aufwuchs, wie sie Englisch lernte, welche Bücher sie gelesen und welche Personen außerhalb der Familie sie geprägt haben, kommt in dieser eigenartigen Autobiografie nicht vor.

Ebenso schemenhaft wie ihr eigenes Leben bleibt die Umwelt. Das Einzige, was der Leser über das Dorf Nabi Saleh erfährt, ist, dass es einen Brunnen habe, den jüdische Siedler sich einverleibt hätten . Welche Art von Menschen in dem Dorf leben, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, ob sie vielleicht irgendwelche anderen Sorgen haben als die israelische Besatzung? Tamimi hält das alles nicht für wichtig genug, um darüber zu berichten. Von der ersten bis zur letzten Seite sehen wir Ahed als Handelnde im Kampf gegen Israel. An einer Stelle deutet sie an, dass ihr dies in die Wiege gelegt wurde:

»Obwohl ich ein Kind war, begriff ich, dass mein Leben einer größeren Sache gewidmet werden musste als mir selbst. Meine Eltern flößten mir und meinen Brüdern die Idee ein, dass, wenn wir nichts täten, was unserem Vaterland nützt, wir nichts von Nutzen für uns selbst täten. Wäre ich im Leben erfolgreich, mein Erfolg aber nicht Palästina helfen würde, dann wäre es kein wahrhafter Erfolg. Von frühestem Kindesalter an pflanzten sie diesen Samen in uns ein.«

Ahed Tamimi, das wird klar, wurde von ihren Eltern nie für das geliebt, was sie war. Sie musste um die Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrer Eltern kämpfen, sie sich verdienen, durch Leistungen in dem von den Eltern gewählten Krieg beweisen, dass sie etwas wert sei. Ihr muss klar geworden sein: Nur, wenn sie Israel von ganzem Herzen hasste, würden ihre Eltern sie lieben können.

Was Kinder in Nabi Saleh spielen

Von allen Spielen, mit denen sich die Kinder in Nabi Saleh beschäftigen, erwähnt Tamimi nur jenes, welches in den vorgegebenen politischen Rahmen passt, weil es zeigt, wie sie sich von früh an auf den Krieg gegen Israel vorbereitete. Als Kind habe sie nichts mehr geliebt, als draußen zu spielen, auf der Straße oder auf einem der vielen Hügel, schreibt sie:

»An Wochenenden spielte ich manchmal von sieben Uhr morgens bis Mitternacht mit den anderen Jungs und Mädchen in Nabi Saleh. Wie bei anderen palästinensischen Kindern war unser Lieblingsspiel Jaysh o’ Arab oder Armee und Araber, so etwas wie die palästinensische Version von Cowboys und Indianer. Wir teilten uns in zwei Gruppen: Eine Gruppe war die israelische Armee, die andere die Palästinenser. Innerhalb der palästinensischen Gruppe wiesen wir einander die Rollen von Sanitätern, Journalisten und, natürlich, Demonstranten zu. Diejenigen, die die Rolle israelischer Soldaten spielten, trugen lange Stöcke, die die Form von Gewehren hatten oder Spielzeugpistolen, wenn sie so glücklich waren, welche zu besitzen.«

Dann prallten die beiden Seiten aufeinander und stellten die Szenen nach, die die Kinder in den Nachrichten oder freitags bei den »Widerstandsmärschen« gesehen hatten:

»Die Palästinenser in dem Spiel warfen kleine Steine auf die Armee, die darauf reagierte, indem sie mit ihren Spielzeugpistolen auf sie ›schossen‹. Manchmal spielten die Kinder, dass die Soldaten Steine auf ihre Rivalen zurückwarfen … Meist jedoch jagten sie die ›Palästinenser‹, bis sie sie dazu gebracht hatten, sich auf den Boden zu werfen. Die ›Palästinenser‹ wehrten sich natürlich mit aller Kraft, doch der ›Soldat‹ schlug sie entweder, bis sie verhaftet waren – alte Schnürsenkel waren hervorragende provisorische Handschellen –, oder sie aufgaben und riefen: ›Ich wurde getroffen!‹.«

Ahed habe üblicherweise gemeinsam mit den anderen Mädchen »Sanitäterin« gespielt, schreibt sie.

»Wenn ich hörte, dass ein Kind rief, dass es getroffen wurde, lief ich zu meinem verletzten Landsmann, um seine Wunden zu versorgen und ihn schließlich in einem vorgestellten Krankenwagen wegzubringen. Wenn ich mich nicht um die Verletzten kümmerte, nahm ich ebenfalls am Widerstand teil, indem ich Steine warf. Unterdessen jagten die ›Soldaten‹ weiter anderen hinterher und verhafteten, wen sie konnten.«

Die Kinder, die Journalisten spielten, taten so, als ob sie alles dokumentieren würden.

»Dabei schnappten sie sich gelegentlich einen der palästinensischen Demonstranten für ein Interview. Es war ein großer Spaß.«

Laut den Spielregeln war jeder, der verhaftet wurde, »disqualifiziert«. Jeder, der getötet und zum »Märtyrer« wurde, »musste wieder lebendig werden und eine neue Rolle spielen«. Manchmal seien die Regeln geändert worden: Ein Kind, das verhaftet worden war, musste eine »einjährige Haftstrafe verbüßen« und wurde anschließend entlassen: »Wir legten eine Kampfpause ein und gaben ihm einen Heldenempfang, komplett mit feierlichen Gesängen.«

Häufig, so Ahed Tamimi, seien die Kinder dermaßen in ihren Rollen aufgegangen und »so sehr der Schlacht zugetan« gewesen, dass sie einander »wirklich verprügelt« hätten. »Wir spielten mit so viel Passion und Überzeugung, dass es uns vorkam, als würden wir tatsächlich Palästina befreien.«

Ahed rollt die Reifen

Im Folgenden schildert Tamimi die Gewalterfahrungen ihrer Jugend. Immer wieder hätten israelische Soldaten Verwandte von ihr schwer verletzt. Einmal sei sie selbst von einem Gummigeschoss an der Hand getroffen worden und habe die Schmerzen kaum ertragen können. Ein anderes Mal hätten die israelischen Soldaten einen Tränengascontainer durch ein Fenster in das Haus der Familie geschossen. Der Leser, der all dies aus der Perspektive der Ich-Erzählerin erlebt, identifiziert sich mit ihr und ist empört über das Handeln der Israelis, die, so scheint es, von nichts anderem als von Sadismus motiviert sind.

Palästinenser »protestieren«, Israelis reagieren mit brachialer Gewalt. Dass die »Proteste« die initiierende Gewalt sind, erfährt der Leser an einigen Stellen aber nur nebenbei. So heißt es etwa:

»Oft war die Stimmung unserer Märsche geprägt von Triumph und Vergnügen. Wenn jemand einen Stein warf und einen Soldaten traf, war das eine riesige Leistung. Wenn ein Soldat vor uns auf den Boden fiel, waren wir freudig erregt.«

Ihre eigene Rolle bei »Protesten« beschreibt Tamimi so:

»Es machte nichts, dass meine Freundinnen und ich Steine nicht sehr weit werfen konnten. Wenn eine von uns eine Schleuder hatte, benutzten wir sie. Ansonsten bestand unser wichtiger Beitrag zu diesen Demonstrationen darin, die Reifen zu liefern. Denn sobald sie in Brand gesteckt waren, kam die Armee und die Konfrontation begann offiziell.«

Der morgen hier erscheinende zweite Teil beschäftigt sich mit Ahed Tamimis Geschichtsverständnis und wie westliche Medien immer wieder ein Podium für ihre Propaganda bieten.

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