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„African Lion 2021“: Den USA ist Marokko wichtiger als Spanien

Marrokanische und US-Kampfflugzeuge bei einer gemeinsamen Militärübung
Marrokanische und US-Kampfflugzeuge bei einer gemeinsamen Militärübung (© Imago Images / ZUMA Wire)

Während Marokko sich mit Deutschland und Spanien wegen der Westsahara streitet, sieht es die Vereinigten Staaten auf seiner Seite.

Unter dem Namen African Lion 2021 hat in Marokko – sowie auch in Tunesien und dem Senegal – am 7. Juni ein von den USA angeführtes gemeinsames Militärmanöver der US-Streitkräfte mit den Streitkräften der Gastgeberländer begonnen, an dem auch Soldaten aus Kanada, Brasilien, Italien, den Niederlanden und Großbritannien teilnehmen. Die NATO und Ägypten nehmen als Beobachter teil, heißt es. Spanien hat wegen des diplomatischen Konflikts mit Marokko seine geplante Teilnahme abgesagt.

Wie das Pentagon mitteilt, trainieren bei der Übung, die bis zum 18. Juni dauern soll, „mehr als 7.000 Teilnehmer aus neun Nationen und der NATO“. „African Lion 2021 ist die wichtigste gemeinsame und multinationale jährliche Übung des U.S. Africa Command. Das U.S. Africa Command mit Hauptquartier in Stuttgart ist eines von elf Kommandozentren des Pentagons, denen jeweils eine geografische Region zugeordnet ist.

African Lion ist ein hervorragendes Beispiel für das langfristige Engagement der Vereinigten Staaten für Afrika und die Anerkennung der strategischen Bedeutung Afrikas für die Vereinigten Staaten“, sagte der Kommandeur des U.S. Africa Command, US Army General Stephen Townsend.

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Geübt werde „eine ganze Reihe von Missionsfähigkeiten“, mit dem Ziel, „die Interoperabilität zwischen den Partnerländern zu stärken und die Fähigkeit zu verbessern, auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz zu operieren“. Die Rede ist etwa vom Auftanken von Kampfflugzeugen in der Luft und Schießübungen auf See. Auch gepanzerte Fahrzeuge nehmen an dem Manöver teil.

Politische Brisanz

Politische Brisanz hat das Manöver vor dem Hintergrund des Westsaharakonflikts, der derzeit vor allem auf dem diplomatischen Parkett ausgetragen wird. Im Dezember 2020 hatte der damalige US-Präsident Donald Trump die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt. Mit einer Fläche von 266.00 km² ist die Westsahara größer als Großbritannien, besteht aber nur aus Wüste und hat lediglich etwa 300.000 Einwohner.

Nachdem Spaniens Machthaber General Franco 1975 gestorben war und Spanien demokratisch wurde, zogen sich die Spanier 1976 aus dem Gebiet zurück, in dem sie 1884 eine Kolonialherrschaft errichtet hatten. Weil die Region in vorkolonialer Zeit in einem losen Abhängigkeitsverhältnis zu Marokko gestanden hatte, beanspruchte Marokko – das 1956 seine Unabhängigkeit von Frankreich erhalten hatte – die Westsahara als sein Staatsgebiet.

Das mit Marokko verfeindete Nachbarland Algerien hingegen unterstützte die Abspaltung der Westsahara von Marokko. An natürlichen Ressourcen gibt es in der Westsahara Phosphat und den Fischfang im Atlantik, noch wichtiger ist aber aus Sicht der beiden Kontrahenten die strategische Bedeutung: Für Marokko ist die Westsahara das Tor zum Süden, für Algerien wäre es der Zugang zum Atlantik, den es derzeit nicht hat.

Im Februar 1976 rief die von Algerien unterstützte Guerillaorganisation Polisario die Arabische Demokratische Republik Sahara (SADR) aus und erließ eine „Verfassung“, in der sie sich selbst zur einzig legitimen Partei dieses Staates erklärte. Etliche Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben die SADR als Staat anerkannt, darunter Algerien und Marokkos Nachbarland Mauretanien. Die EU strebt offiziell eine Verhandlungslösung unter Führung der Vereinten Nationen an und lehnt es ab, die Westsahara als marokkanisches Staatsgebiet zu betrachten.

Im Zuge der Anerkennung der marokkanischen Souveränität über das Territorium durch die USA erwirkte die Bundesrepublik Deutschland, dass sich der UN-Sicherheitsrat mit der Frage befasst. Marokko bewertete dies als „feindlichen“ Akt und berief seine Botschafterin in Deutschland zu „Konsultationen“ zurück – eine diplomatische Geste, die weniger gravierend ist als der Abbruch der diplomatischen Beziehungen, aber starke Missbilligung ausdrückt.

Noch stärker verärgert ist Marokko über ein anderes EU-Land: Spanien hatte den an Corona erkrankten Chef der Polisario, Brahim Ghali, im April zu einer medizinischen Behandlung in einem spanischen Krankenhaus einreisen und ihn Anfang Juni unbehelligt nach Algerien zurückreisen lassen, ohne ihn in Untersuchungs- oder Auslieferungshaft zu nehmen. Marokko wirft Ghali Terrorismus, Folter und Völkermord vor.

Dass im Mai 3.000 Marokkaner von der marokkanischen Stadt Fnideq aus in die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste schwimmen konnten, sehen Beobachter in diesem Zusammenhang. So schrieb die Süddeutsche Zeitung:

„Als möglichen Grund für die Tatenlosigkeit der marokkanischen Polizei nannten [spanische] Zeitungen die Verärgerung der Regierung in Rabat darüber, dass Spanien die medizinische Behandlung des Chefs der Unabhängigkeitsbewegung Polisario für Westsahara, Brahim Ghali, erlaubte.“

Vor diesem politischen Hintergrund wird nun von manchen auch das Militärmanöver gesehen, zumal es noch Anfang des Monats Unklarheit darüber gab, ob es womöglich sogar in Gebieten in der Sahara stattfinden würde, die von der Polisario beansprucht werden. Genau dies hatte Marokkos Ministerpräsident Saad-Eddine El Othmani Anfang des Monats behauptet – offenbar fälschlich –, in einem Tweet, der mittlerweile gelöscht wurde.

US-Unterstützung

Das Pentagon dementierte dies und teilte auf Anfrage von Journalisten mit, das Manöver sei schon „im Sommer 2020“ geplant worden – also Monate bevor die USA die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannten. Zu den Schauplätzen sagte das Pentagon, die Aktivitäten von African Lion seien „über Marokko verteilt, von der Kenitra Air Base im Norden bis Tan Tan und dem Trainingskomplex Guerir Labouhi weiter südlich“.

Das Reporterteam der französischen Monatszeitschrift Jeune Afrique, das von dem Manöver berichtet, weist allerdings darauf hin, dass Guerir Labouhi nur „sechs Kilometer“ von der früheren Grenze der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara entfernt sei – und nur „rund hundert Kilometer von Tindouf“, der algerischen Stadt, wo Polisario-Chef Brahim Ghali sein Hauptquartier hat.

Ob das Militärmanöver nun eine politische Symbolik hat, sei dahingestellt. Eine unmissverständliche Unterstützung Marokkos aber kommt aus Washington auf jeden Fall. Am 20. Mai veröffentlichte das US-Außenministerium die gemeinsame Erklärung der USA, Marokkos und Israels vom 22. Dezember 2020, in der die USA die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkennen. Dies ist als Beleg dafür zu werten, dass sich auch die neue Regierung unter Präsident Joe Biden daran gebunden fühlt.

Unterdessen versucht auch Russland – das in Nordafrika eigene Ambitionen hat, vor allem in Libyen –, die Symbolik des gemeinsamen Manövers der USA und Marokkos für propagandistische Zwecke zu nutzen. RT, das Sprachrohr des Kremls im Westen, schreibt in seiner spanischen Ausgabe von einer „Demütigung“ Spaniens durch die NATO und die USA:

„Die halbe Welt wird an African Lion 21 teilnehmen, außer Spanien. Die verheerende Ankündigung bestätigt einmal mehr die geopolitische Realität der letzten Jahrzehnte: Marokko ist in der Welt wichtiger als Spanien.“

Denn obwohl es sich um Übungen handele, die „schon Monate vor der spanisch-marokkanischen Krise vorbereitet“ worden seien, sei es doch „die Wahrheit, dass die USA, die NATO oder die Europäische Union Spanien nicht nur nicht unterstützt“ hätten, sondern auch „kein Unbehagen“ zeigten, „mitten in der spanisch-marokkanischen Krise Militärübungen in der Westsahara abzuhalten“, so der RT-Kommentator.

Abgesehen davon, dass das Manöver, wie oben erklärt, nicht in der Westsahara stattfindet, hat er vielleicht ein gültiges Argument: Zumindest aus Sicht Washingtons ist Marokko wahrscheinlich wirklich wichtiger als Spanien.

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