Im Talk mit Jasmin Arémi spricht Stefan Dietl, Autor des Buches Antisemitismus und die AfD und Gewerkschafter, über die AfD-Iran-Connection, die israel-solidarische Inszenierung der Partei und den Antisemitismus als deren ideologischen Kern.
Wer verstehen will, warum die Alternative für Deutschland (AfD) sich heute als Verteidigerin Israels inszeniert und gleichzeitig politische Anschlussstellen zum iranischen Regime pflegt, muss tiefer graben. »Mich hat interessiert: Wie positioniert sich die AfD zum iranischen Regime?« Ein erster Kipppunkt waren dabei die Proteste im Iran 2018. Während die Menschen gegen Repression, Korruption und Perspektivlosigkeit auf die Straße gingen, stellte sich die AfD auffällig klar gegen die Protestbewegung und – de facto – an die Seite des Regimes. Ein Muster, das sich auch nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini wiederholte.
Die doppelte Erzählung seit dem 7. Oktober
Spätestens nach dem 7. Oktober 2023 treten die Widersprüche sehr offen zutage. Die AfD präsentiert sich als Schutzmacht Israels – während sie zugleich Narrative bedient, die das iranische Regime entlasten. Ein Regime, das als zentraler Akteur hinter der Destabilisierung Israels gilt. Für Dietl ist diese Diskrepanz kein Zufall, sondern hat Methode. »Diese angebliche Israel-Solidarität war vor allem immer nur eine Inszenierung.«
Ziel sei es gewesen, sich immun gegen Antisemitismusvorwürfe zu machen und außenpolitisch anschlussfähig zu erscheinen. Doch weder in Israel noch in jüdischen Organisationen konnte diese Strategie nachhaltig verfangen. Im Gegenteil, denn innerhalb der Partei wachsen seit Jahren Kräfte, die offen antizionistische Positionen vertreten. Etwa der völkisch-nationalistische Flügel um Björn Höcke, das Umfeld des ehemaligen Instituts für Staatspolitik sowie Publikationen wie das Compact-Magazin. Dort wird längst an ideologischen Brücken nach Teheran gebaut.
Die Selbstbeschreibung der AfD als »Partei an der Seite jüdischen Lebens« zerfällt bei näherer Betrachtung. Dietl verweist auf wiederkehrende Angriffe gegen prominente jüdische Stimmen wie Charlotte Knobloch oder Michel Friedman. Er weist auch auf die Forderungen nach einem Stopp von Waffenlieferungen an Israel nach dem 7. Oktober sowie auf die Übernahme iranischer Narrative in offiziellen Verlautbarungen hin.
Besonders deutlich werde die ideologische Nähe in der außenpolitischen Sprache der Partei. »Da wird der Iran als Stabilitätsfaktor dargestellt, ungeachtet seiner Rolle als globaler Finanzier islamistischen Terrors.« Parallel dazu fordert die AfD ein Ende der Sanktionen gegen Teheran und bringt wirtschaftliche Kooperationen ins Spiel, etwa Gas-Deals im Kontext des Ukraine-Krieges. Das ist ein Ausdruck einer strategischen Orientierung, weg vom Westen, hin zu einem autoritären Block.
Reisen von AfD-Vertretern in den Iran, Treffen mit Regimevertretern, die Übernahme der deutsch-iranischen Parlamentariergruppe im Bundestag: Laut Dietl geht die Initiative dazu häufig von der AfD selbst aus, in etwa vergleichbar mit Kontakten zu syrischen Akteuren. Die Partei scheint damit eine außenpolitische Relevanz zu simulieren und innenpolitisch Härte demonstrieren zu wollen.
Die oft bemühte Erzählung von einer gespaltenen AfD mit zwei Flügeln weist Dietl zurück. Unterschiede in der Parteispitze seien vor allem taktischer Natur, nicht inhaltlicher. »Der Kampf gegen die Moderne, gegen Emanzipation, gegen Universalismus, das ist der Kern.« In dieser Perspektive erscheinen auch die Schnittmengen mit dem iranischen Regime weniger widersprüchlich. Beide eint – trotz unterschiedlicher kultureller Kontexte – eine fundamentale Ablehnung von Feminismus, LGBTQ-Rechten und liberaler Demokratie.
Selbst die antiislamische Rhetorik der AfD relativiert sich bei genauerem Hinsehen. Nicht die Religion ist entscheidend, sondern ihre politische Funktion. Der Islam sei akzeptabel, solange er autoritär, patriarchal und »am richtigen Platz« bleibe.
Antisemitismus als verbindendes Element
Im Zentrum dieser ideologischen Konvergenz steht für Stefan Dietl der Antisemitismus. Verschwörungsnarrative, die sich gegen »die Moderne« richten, kulminieren oft in der Projektion auf Israel und Juden. »Antisemitismus spielt eine tragende Rolle bei der Beurteilung des Nahostkonflikts.«
Die AfD ist dabei nicht allein, trägt aber maßgeblich dazu bei, antisemitische Positionen wieder sagbar zu machen. Gerade deshalb werde die Problematik oft unterschätzt, weil andere politische Akteure selbst in die Geschichte problematischer Iran-Politik verstrickt sind.
Was würde es bedeuten, wenn diese Politik Realität würde? Die Folgen wären für Israel unmittelbar spürbar: weniger Unterstützung und mehr Druck, sich mit einem Regime abzufinden, das seine Existenz infrage stellt.
Doch der Autor betont, dass die bedeutendere Gefahr im Inneren liegt. Eine Partei, die autoritäre Allianzen sucht, antisemitische Narrative normalisiert und demokratische Grundwerte angreift, verändert langfristig den politischen Raum.






