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Äthiopien: Stabilität am Horn von Afrika in Gefahr

Sympathisanten der Volksbefreiungsfront von Tigray demonstrieren in Washington
Sympathisanten der Volksbefreiungsfront von Tigray demonstrieren in Washington (© Imago Images / NurPhoto)

Die Kämpfe zwischen den äthiopischen Streitkräften und der Tigray-Befreiungsfront im Norden des Landes wurden vor zwei Wochen nach einem fünfmonatigen Waffenstillstand wieder aufgenommen.

Die Auseinandersetzungen brachen am frühen Morgen des 24. August an der südlichen Grenze der Region Tigray aus und betrafen insbesondere die in der Nähe der Region Amhara liegende Stadt Kobo, wobei beide Seiten die jeweils andere für die erneut aufflammenden Kämpfe verantwortlich machten.

Die BBC berichtete unter Berufung auf westliche Diplomaten, dass die äthiopischen Nationalen Verteidigungskräfte und die verbündeten Amhara-Milizen in den Wochen vor dem Wiederaufflammen der Kämpfe eine große Streitmacht in der Nähe der Stadt Kobo zusammengezogen haben. Auf der anderen Seite führte die Volksbefreiungsfront von Tigray eine massive Mobilisierungskampagne durch, mit der sie die Zahl ihrer Kämpfer deutlich erhöhte. Während sie Zwangsrekrutierungen ablehnt, setzte sie doch einen Großteil ihrer Ressourcen für die Ausbildung neuer Kämpfer und die Aufrüstung ein.

Zwei zentrale Brennpunkte

Diese wechselseitige Mobilisierung erfolgte, nachdem die Tigray-Befreiungsfront gefordert hatte, vor der Aufnahme ernsthafter Friedensgespräche müsse die zivile Grundversorgung in der Region wiederhergestellt werden – eine Forderung, die von amerikanischen und europäischen Gesandten unterstützt, von der äthiopischen Regierung aber nicht vollständig umgesetzt wurde. Folglich nahmen die beiden Parteien die Friedensgespräche auch nicht auf, die sie im Zuge des im vergangenen März geschlossenen Waffenstillstands vereinbart hatten.

Der Hauptstreitpunkt zwischen den beiden Seiten dreht sich um den Vorwurf der Tigray-Front an Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed, die Macht der Zentralbehörde auf Kosten der Regionen zu stärken, was der Premierminister bestreitet.

Die Konflikte zwischen den Regierungstruppen und der Tigray-Befreiungsfront konzentrieren sich auf zwei Brennpunkte: Der erste davon sind die an die sudanesische Grenze angrenzenden Gebiete, wo beide Seiten sich gegenseitig beschuldigen, Angriffe gestartet und durchgeführt zu haben. Der zweite dieser Brennpunkte ist durch die Kämpfe in der im Süden an die Amhara-Region grenzende Region Tigray bestimmt, da die Tigray-Front innerhalb der Amhara-Region vorrücken konnte.

In einer Botschaft an den US-Kongress vor drei Tagen sagte US-Präsident Joe Biden, die Situation im Norden Äthiopiens sei durch Vorgänge gekennzeichnet, die den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität in Äthiopien und am Horn von Afrika bedrohen.

Angespannte humanitäre Lage

Nach Ansicht von Alex de Val, Exekutivdirektor der Global Peace Initiative, beweisen der erneute Ausbruch der Kämpfe in Tigray und die sich verschlechternde humanitäre Lage in der Region, dass es keine militärische Lösung des Konflikts gibt. Die humanitäre Lage in der Region Tigray ist angespannt, da es an Medikamenten mangelt und bei der Bevölkerung Unterernährung herrscht, die durch den Anstieg des Anteils der Menschen in extremer Armut von 37 Prozent der Bevölkerung im Januar auf 47 Prozent im August noch einmal verschärft wurde.

Eine Analyse des Future Center for Studies kommt jedoch zu dem Schluss, dass »sich auf beiden Seiten des Konflikts die Überzeugung durchgesetzt hat, der Konflikt könne militärisch gelöst werden, zumal beide Parteien in den vergangenen Monaten den Waffenstillstand genutzt haben, um ihre militärischen Fähigkeiten zu verbessern und sich auf eine neue Runde des Konflikts vorzubereiten«. Eine entscheidende Rolle beim Wiederaufflammen der bewaffneten Auseinandersetzungen könnten externe Faktoren spielen, da Äthiopien weitere Länder in der Region beschuldigt, die Tigray-Front zu unterstützen.

Das Zentrum hat drei Szenarien für die gegenwärtigen Kämpfe in Äthiopien ausgemacht, von denen das erste darin besteht, dass es den äthiopischen Streitkräften gelingt, der Tigray-Befreiungsfront eine schwere Niederlage beizubringen, sodass sie bei künftigen Friedensgesprächen ihre Bedingungen durchsetzen kann.

Das zweite Szenario wäre die Ausweitung der Kämpfe durch den Kriegseintritt anderer marginalisierter Regionen Äthiopiens aufseiten der Tigray-Befreiungsfront. Das dritte Szenario ist ein langer Zermürbungskrieg, aus dem niemand siegreich hervorgeht und der erneut mit einem Waffenstillstand enden könnte.

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