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Ägypter wieder vermehrt auf der Flucht übers Mittelmeer nach Europa

Seit einiger Zeit kommen vermehrt ägyptische Flüchtlinge in Italien an
Seit einiger Zeit kommen vermehrt ägyptische Flüchtlinge in Italien an (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die Armut bringt Tausende in die Hände von Menschenschmugglern, die im Mittelmeer ein tödliches Geschäft betreiben.

Immer mehr junge Ägypter entscheiden sich wegen der Wirtschaftskrise, den steigenden Lebenshaltungskosten und der autoritären Unterdrückung zur Flucht aus ihrem Heimatland. Dabei schlagen sie eine Migrationsroute ein, gegen die der ägyptische Staat zuvor mit Unterstützung der Europäischen Union hart vorgegangen war, und die sie von Ägypten zur libyschen Küste und anschließend mit dem Boot weiter nach Italien führt.

Nach Angaben des italienischen Innenministeriums sind im vergangenen Jahr bisher mehr als 20.000 Ägypter über Libyen nach Italien gelangt, fast dreimal so viele wie zur gleichen Zeit des Vorjahres. Sie fliehen vor einer rapid kollabierenden Wirtschaft: So verlor das ägyptische Pfund allein im Jahr 2022 mehr als ein Drittel seines Wertes gegenüber dem Dollar, und die Inflation schnellte in die Höhe, was zu einem drastischen Anstieg der Lebenshaltungskosten führte, während zugleich der Staat immer tiefer in die Schuldenfalle gerät. 

Die offiziellen Statistiken über die Armutsquote, die allerdings schon vor drei Jahren erhoben wurden, gehen davon aus, dass fast ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Präsident Abdel Fatah al-Sisi, der 2013 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war, hat Sparmaßnahmen eingeleitet, welche die Kluft zwischen den staatlich unterstützten Eliten und einer wachsenden Zahl ägyptischer Bürger, die nun ums Überleben kämpfen, nur weiter aufgerissen haben.

»Wir sehen aktuell, dass aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Situation mehr Ägypter in Europa ankommen«, sagt Muhammad al-Kashef, Menschenrechtsanwalt und Migrationsexperte von Watch the Med und dem in Paris ansässigen Migrationsnetzwerk Migreurop. Das seien Menschen, die nicht deswegen fliehen, weil sie einer politischen Bewegung angehören, sondern »die Sisis Versprechen über die Jahre hinweg geglaubt haben«, bis sie die Hoffnung verloren, weil die Inflation derart in die Höhe schoss, dass sie sich ihr Leben nicht mehr leisten können. 

Auf illegalem Weg

Nach Angaben der EU-Asylagentur wurden im vergangenen Jahr in den ägyptischen Konsulaten 45.207 Schengen-Visa für die legale Einreise nach Europa ausgestellt, wobei etwa drei von vier Antragstellern eine legale Einreisegenehmigung erhielten. Diese Zahlen entsprechen jedoch zugleich weniger als einem Drittel der Schengen-Visa, die in den Jahren vor der Covid-Pandemie jährlich an Ägypter ausgestellt wurden. Der Großteil der 104 Millionen Ägypter kann sich das komplizierte und teure Visumantragsverfahren ohnehin nicht leisten, sodass ihnen der legale Weg nach Europa versperrt ist und sie auf illegale Routen und Schmuggler angewiesen sind.

Die Wiederbelebung der ehemals florierenden Schmuggelrouten wird aber auch auf die Freilassung hochrangiger Mitglieder von Schleppernetzwerken zurückgeführt, die vom ägyptischen Staat verhaftet und inhaftiert worden waren, nachdem es 2015 und 2016 zu einer Reihe von Bootskatastrophen gekommen war, bei denen Hunderte von Menschen vor Ägyptens Nordküste ums Leben kamen.

Experten zufolge haben die meisten dieser Schmuggler nun ihre fünfjährige Haftstrafe verbüßt und sind in den einzigen Beruf zurückgekehrt, der ihnen offensteht. Was nicht zuletzt auf die Übernahme der Fischereiindustrie durch das ägyptische Militär zurückzuführen ist, die vielen Bootsbesitzern legale Arbeitsmöglichkeiten verwehrt. Die Boote dieser Fischer werden nun für den Transport von Menschen über das Mittelmeer eingesetzt. 

»Seit Ende Oktober haben wir vermehrt Überfahrten von Tobruk in Libyen aus beobachtet, als mehrere Boote mit vielen Menschen an Bord von Tobruk aus die Südküste Siziliens erreichten«, sagte Maurice Stierl von Alarm Phone, einer Organisation, die Migranten hilft, die während der Mittelmeerüberquerung in Not geraten sind. »Wir sprechen hier von Booten mit 400 bis 700 Menschen an Bord – unglaublich große, alte Fischerboote, die für die Überfahrt umfunktioniert wurden. Das ist eine neue Entwicklung, die sich seitdem noch verstärkt hat.«

Selbst wenn die Boote größer seien, sind sie hoffnungslos überfüllt, weswegen die Überfahrt gefährlich und riskant sei, fügt Stierl hinzu: »Wir haben jetzt Winter, das Wetter ist wechselhaft, und auf dem Meer kann alles Mögliche passieren. Es ist eine unglaublich riskante Art zu reisen. Die Reise ist lang, und im Osten Libyens gibt es keine NGO, die Rettungsaktionen durchführen, sodass die Boote in die Nähe der europäischen Grenzen kommen müssen, um gerettet zu werden.«

Einflussreiche Schmuggler

Für eine Gebühr zwischen 3.000 und 4.600 Euro organisieren die Schmugglerbanden den Flug von Ägypten nach Libyen und einen Platz auf einem Boot, das 250 Personen aufnehmen kann. Flüchtlinge erzählen, die Schlepper vor Ort in Libyen würden in Polizeiuniformen auftreten und sich enger Beziehungen zu den örtlichen Behörden erfreuen.

Ende Oktober unterzeichnete die EU die jüngste einer Reihe von Vereinbarungen mit Ägypten zur Eindämmung der Migration, diesmal mit einer Zuwendung von achtzig Millionen Euro, um die ägyptische Küstenwache und die Seestreitkräfte weiter zu stärken und den Menschenstrom zu stoppen.

»Die EU ist bereit, weit zu gehen, um ihre Grenzen zu schließen und die Grenzübergänge zu sperren«,kommentierte dies Muhammad Al-Kashef. Dabei hat sich die europäische Finanzierung zwar für die ägyptischen Sicherheitskräfte als lukrativ erwiesen, aber bislang wenig dazu beigetragen, die Schmugglernetzwerke einzudämmen, die hauptsächlich in Libyen angesiedelt sind. Der Anstieg der Migration aus Libyen und Ägypten ist vor allem auf die nachsichtige Haltung der Behörden zurückzuführen. Die libyschen Behörden beschlagnahmen ein Boot und lassen fünfzig andere auslaufen, heißt es.

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