Kairo hat im aktuellen amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran die Rolle des Vermittlers zwischen Teheran und den Golfstaaten, die das Rückgrat der ägyptischen Wirtschaft bilden, übernommen.
Shachar Kleiman
Während die meisten arabischen Staaten Hunderte von iranischen Drohnen- und Raketenangriffen hinnehmen mussten, kann sich Ägypten auch fast drei Wochen nach Kriegsbeginn aus der regionalen Konfrontation heraushalten. Bislang wurde nicht nur kein einziges Projektil auf ägyptisches Territorium abgefeuert, auch die Huthi-Milizen, Irans Stellvertreter im Jemen, haben davon abgesehen, den Schiffsverkehr im Roten Meer in Richtung des für Ägypten strategisch wichtigen Suezkanals zu stören.
Die ägyptische Regierung ist stolz darauf und führt dies auf eine Kombination aus stiller Diplomatie und bedeutender militärischer Macht zurück. Dennoch sah sich Kairo gezwungen, auf den Angriff auf seine Verbündeten im Persischen Golf zu reagieren, denn diese Staaten bilden das Rückgrat der ägyptischen Wirtschaft.
Diese Beziehungen beschränken sich nicht nur auf Finanzhilfen, Kredite und Investitionen. Millionen Ägypter sind in diesen Ländern beschäftigt und schicken Devisen nach Hause zu ihren Familien. Sollten die iranischen Raketenabschüsse und die Sperrung der Straße von Hormus über einen längeren Zeitraum andauern, könnten die Golfstaaten einen beispiellosen wirtschaftlichen Schaden erleiden, der sich direkt auf die ägyptische Wirtschaft auswirken würde. Ägyptens Wirtschaft ist besonders krisenanfällig. Schon ein kleiner wirtschaftlicher Schock könnte die Massen auf die Straße treiben.
Als Vermittler auftreten
Wie der türkische Nahost-Experte Burak Çelik meint, verfolge Ägypten in Bezug auf den Krieg eine äußerst vorsichtige Strategie des Ausbalancierens: »Kairo hat kein Interesse daran, direkt in die Konfrontation hineingezogen zu werden, aber es kann die strategischen Folgen einer anhaltenden regionalen Eskalation nicht ignorieren. Aus seiner Sicht ist das Hauptanliegen nicht der Iran selbst, sondern die potenzielle Instabilität der Region und das Risiko zusätzlichen wirtschaftlichen Drucks im eigenen Land.«
Gleichzeitig scheint sich Kairo stillschweigend dem breiteren sunnitisch-arabischen Konsens anzuschließen, der darauf abzielt, den iranischen Einfluss einzudämmen und zugleich diplomatische Flexibilität zu wahren. Es versuche, »strategisch relevant zu bleiben, ohne zu einem Akteur an vorderster Front in der Konfrontation zu werden. Ägyptens Haltung wirkt weniger aktiv und gleicht eher einer kontrollierten strategischen Vorsicht«, charakterisierte Çelik die Vorgangsweise.
Ägyptens Antwort auf die heikle Lage bestand darin, zu versuchen, sich – ähnlich wie während des Kriegs im Gazastreifen – als Vermittler zu positionieren, vielleicht in der Hoffnung, ein solches Verhalten würde das Land von der Liste der iranischen Ziele streichen, analysierte Ariel Admoni vom Jerusalem Institute for Strategy and Security. »Die Strategie der Vermittlung hat sich als wirksam erwiesen und viele Länder in der Region haben aus den katarischen Erfahrungen gelernt, dass es sich lohnt, als Kommunikationskanal zu fungieren, selbst gegenüber islamistischen Akteuren.«
Zugleich wies Admoni darauf hin, dass die Diplomatie die Golfstaaten nicht wirklich geschützt habe. Katar, Saudi-Arabien und der Oman seien letztendlich angegriffen worden, obwohl sie sich offiziell aus dem Krieg heraushalten wollten. »Saudi-Arabien taucht in Berichten auch als Land auf, das die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump zum Angriff gebilligt habe. Die Zuverlässigkeit dieser Berichte ist weniger wichtig als die Tatsache, dass ihre bloße Existenz in Teheran Misstrauen gegenüber Riad schürt.«
Kairos Entscheidung, die diplomatischen Kanäle in den Vordergrund zu stellen, hat zu Spannungen mit seinen Verbündeten geführt. Quellen berichten von Unzufriedenheit in Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten über das ägyptische Vorgehen. Diesen Berichten zufolge wurden entsprechende Botschaften an Kairos diplomatische Vertreter in der Golfregion weitergeleitet, was Ägypten dazu veranlasste, sich um eine Wiederannäherung zu bemühen.
Parteiische Medien
Die Spannungen rühren nicht nur von offiziellen Erklärungen her, sondern auch von Kommentaren in ägyptischen Medien, die das iranische Regime immer wieder in einem relativ positiven Licht darstellen. Die Kommentatoren werden dabei weithin als informelle Sprachrohre der Position der ägyptischen Regierung wahrgenommen.
So schrieb beispielsweise der pensionierte ägyptische General Wael Rabie in der Zeitung Sawt al-Umma, dass »Israel und die USA daraufgesetzt haben, die Tötung hochrangiger Regimevertreter würde die iranische Bevölkerung aufwiegeln und zu Rebellion oder Revolution treiben, doch das genaue Gegenteil ist eingetreten. Die Entwicklungen zeigten, dass Staat und Gesellschaft im Iran sich um das Regime herum zusammenschlossen und die interne Solidarität stärkten anstatt sich zu spalten.«
»Seit Beginn des Kriegs zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite scheint alles, was wir aus dem Herzen Kairos lesen, sehen oder hören, von Teheran aus orchestriert zu sein«, sagte der ägyptische Kommentator und Autor Mohamed Saad Khiralla. »Militärexperten, Medienpersönlichkeiten, Journalisten, Schriftsteller, Vertreter von Gewerkschaften und Parteien und vor allem die religiöse Institution Al-Azhar scheinen alle dem verstorbenen iranischen Führer Ali Khamenei anzuhängen.« Laut dem Kommentator sei der Grund dafür einfach: Der Iran kämpft gegen Israel, was eine blinde Loyalität gegenüber der klerikalen Führung in Teheran schaffe.
Infolgedessen haben führende Schriftsteller und Journalisten in den Golfstaaten, die dafür bekannt sind, Sprachrohre für die dortigen Herrscher zu sein, ihre Enttäuschung über Ägyptens Haltung zum Ausdruck gebracht. Laut Khiralla erklärten einige sogar, Ägypten in Zukunft »keinen einzigen Dollar mehr [zu] geben« und warfen dem Land vor, von Krediten und Spenden zu leben.
Ein weiterer Faktor hinter den Spannungen liege darin, dass trotz der wiederholten Beteuerungen des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sissi, »die Sicherheit der Golfstaaten [sei] Teil der Sicherheit Ägyptens«, sich im Moment der Entscheidung herausstellte, dass die ägyptische Armee den iranischen Mullahs näherstehe als den Golfstaaten. Der in Europa lebende Ägypter forderte die Großmächte auf, die Militärhilfe für Kairo einzustellen. »Es wäre absurd, wenn das iranische Regime zusammenbräche, während die Diktatur in Ägypten überlebt.«
Ein weiterer Faktor hinter Kairos Verhalten scheint die Sorge innerhalb der ägyptischen Führung über den möglichen Zusammenbruch des iranischen Regimes zu sein. Erstens besteht die Befürchtung, dass verschiedene iranische Fraktionen versuchen könnten, die Macht zu ergreifen und die Region zu destabilisieren. Zweitens hat Kairo wenig Interesse daran, dass Israel zusätzliche an regionaler Stärke gewinnt. Und drittens herrscht eine tiefsitzende Angst, dass eine neue Revolution im Iran eine Protestwelle auslösen könnte, die das eigene Regime in Ägypten bedrohen könnte.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






