Die anhaltende Präsenz des ägyptischen Militärs im Sinai während der Kriegshandlungen im Gazastreifen gibt Anlass zu unterschiedlichen Interpretationen.
Yaakov Lappin
Die bedeutende und anhaltende Präsenz des ägyptischen Militärs auf der Sinai-Halbinsel, die gegen die Bestimmungen des Friedensvertrags zwischen Ägypten und Israel von 1979 verstößt, sorgt für Stirnrunzeln und wirft Fragen auf. Während die militärische Aufrüstung über Jahre hinweg mit Zustimmung Israels erfolgte, um Ägypten den Kampf gegen die Aufständischen des Islamischen Staats (IS) zu ermöglichen, haben ihr Ausmaß und ihr offensiver Charakter nach dem Abklingen der IS-Bedrohung seit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 bei einigen in Israel zu wachsender Besorgnis geführt.
Für die israelischen Entscheidungsträger ist es ein Rätsel, wie sie die militärische Haltung Ägyptens interpretieren sollen, wobei eine Denkrichtung argumentiert, die Aufrüstung sei vor dem Hintergrund der Weltanschauung des ägyptischen Regimes und des inneren Drucks im Land zu verstehen.
Großer Hass auf Israel
Ruth Wasserman Lande, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Misgav Institute for National Security and Zionist Strategy, ehemalige Knesset-Abgeordnete und ehemalige stellvertretende israelische Botschafterin in Ägypten, erklärte gegenüber Jewish News Syndicate (JNS), die ägyptische Führung gehe von einer tief verwurzelten, verzerrten Wahrnehmung der israelischen Absichten aus: »Es gibt keinen rationalen Grund für Ägypten, eine Streitmacht aufzubauen, die im Wesentlichen gegen Israel gerichtet ist. Das ergibt keinen Sinn.«
Um diese objektiv sinnlose Aktion zu verstehen, müsse »man die ägyptische Mentalität verstehen, die auf höchster Entscheidungsebene den Staat Israel als imperialistischen Staat wahrnimmt, der nach Expansion strebt, wobei der Schwerpunkt auf der aktuellen Regierung liegt. Das heißt, die höchsten Kreise in Ägypten sehen die Schritte Israels als imperialistisch motiviert an.«
Als Beispiel für diese Denkweise beschrieb sie, wie die Ermordung des 71-jährigen israelischen Historikers und Archäologen Ze’ev Erlich im November 2024 im Libanon, der eine Festung im Südlibanon untersucht hatte, bevor er von Hisbollah-Terroristen erschossen wurde, von hochrangigen ägyptischen Beamten »als Versuch interpretiert wurde, die Fähigkeit Israels zu einer Invasion und Expansion in den Libanon auszuloten«.
Ähnlich sei auch die Einrichtung einer Sicherheitszone durch Israel im Süden Syriens nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes nicht als defensive Maßnahme angesehen worden: »Sie sehen darin einen imperialistischen Schritt auf dem Weg zu einem Groß-Israel. Sie sind davon fest überzeugt, und das nicht nur auf militärischer oder auf Ebene der Bevölkerung, sondern auf höchster Ebene der ägyptischen Entscheidungsträger«, argumentierte Wasserman Lande.
Diese Wahrnehmung wird durch einen zweiten, ebenso starken Faktor verstärkt, nämlich durch jahrzehntelange, staatlich geförderte antiisraelische und antisemitische Hetze, die ein zutiefst feindseliges innenpolitisches Klima geschaffen habe. »Das ist das jahrelange Füttern der Bevölkerung mit antiisraelischen und antisemitischen Botschaften und im Grunde genommen der Aufbau eines sehr, sehr großen Hasses, sei es im Bildungssystem, in der Kultur, an den Universitäten, in Filmen, in der gesamten Sozialisation der jungen Generation und ganz allgemein gegen Israel und die Juden. Und dann die Unfähigkeit, mit den Erwartungen der Bevölkerung und der Straße an das Regime, entsprechend zu handeln, fertig zu werden.«
Diese Dynamik, so die Forscherin, stelle eine Falle für das Regime dar. Der Hass, den es schürt, mache jede pragmatische Zusammenarbeit mit Israel politisch gefährlich; selbst, wenn sie den taktischen Interessen Ägyptens diene. »Der Hass unter den Menschen in Ägypten ist, würde ich sagen, der größte und stärkste aller arabischen Länder. Dies ist ein Land, das angeblich seit Langem mit uns in Frieden lebt, aber der Hass der Bevölkerung übertrifft den aller anderen arabischen Länder. Und das ist nichts Organisches; das Regime setzt dies aus wirklich rätselhaften Gründen fort.«
Gleichzeitig glaubt Wasserman Lande »zum jetzigen Zeitpunkt, insbesondere in den kommenden Jahren, in denen Trump an der Macht ist, nicht, dass die Ägypter tatsächlich einen Krieg beginnen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das für sie selbstmörderisch.«
Schizophrene Position
Dalia Ziada, preisgekrönte ägyptische Autorin und Senior Fellow am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs bestätigte gegenüber JNS, dass »aus der Sicht der ägyptischen nationalen Sicherheit die Sinai-Halbinsel schon immer eine problematische, wenn nicht sogar die problematischste Provinz war. Die ägyptische Öffentlichkeit sieht die Sicherheitslage auf der Sinai-Halbinsel weitgehend als mit der Lage im angrenzenden Gazastreifen verbunden an.«
Während die Ägypter den Gazastreifen als Erweiterung Ägyptens betrachteten und eine starke kulturelle Verbundenheit mit den Palästinensern und der sogenannten palästinensischen Sache hätten, lehnen sie es zugleich ab, »den Sinai als Zufluchtsort für Gazaner zu nutzen. Diese Schizophrenie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Indoktrination durch aufeinanderfolgende kommunistische Regierungen [der lange mit Ägypten verbundenen Sowjetunion] und durch Vertreter des politischen Islams.«
Ziada betonte, dass die militärische Aufrüstung nicht neu und mit Zustimmung Israels zur Bekämpfung des Terrorismus erfolgt sei: »Die Zahl der ägyptischen Truppen im Sinai stieg 2024, nachdem das Militär einen Teil der Streitkräfte der Zweiten und Dritten Feldarmee, die ursprünglich in Städten entlang des Suezkanals stationiert waren, verlegt hatte, um die bestehenden Truppen im Sinai zu verstärken. Die Truppen wurden erst in die Nähe der Grenze zu Rafah verlegt, nachdem das israelische Militär den Philadelphi-Korridor im Gazastreifen eingenommen hatte und von der anderen Seite zu nahe an die Grenze zu Rafah herangerückt war.«
Das bedeute nicht, dass die ägyptische Armee ihre Truppen in Vorbereitung auf einen Krieg mit Israel in die Nähe der Grenze zu Rafah verlegt hätte. »Würden sich die Ägypter wirklich um die Menschen im Gazastreifen kümmern, und zwar über die Bildschirme ihrer Mobiltelefone und das Klicken ihrer Tastaturen hinaus, hätten sie diese Menschen zumindest als Flüchtlinge im Sinai aufgenommen. Der Einsatz von Truppen an diesen sensiblen Orten war jedoch ein notwendiger Schritt, um die eigene Bevölkerung in Ägypten und die breitere Öffentlichkeit in arabischen und muslimischen Ländern zu beruhigen, die vor Wut auf Israel brodelt.«
Trotz der aktuellen Spannungen werde die strategische Partnerschaft zwischen den beiden Ländern, die auf gemeinsamen Bedrohungen beruht, Bestand haben, prognostizierte sie. »Mit Blick auf die Zukunft gehe ich davon aus, dass die Sicherheitszusammenarbeit zwischen Ägypten und Israel nicht nur fortbestehen, sondern sich in pragmatischer und nachrichtendienstlich orientierter Hinsicht vertiefen wird. Man darf nicht vergessen, dass beide Staaten ein gemeinsames Interesse daran haben, dschihadistische Bewegungen im Sinai und im Gazastreifen einzudämmen.«
Drei Schulen
In einem Artikel für die Jerusalem Strategic Tribune vom heurigen Mai beschrieb Haisam Hassanein, Adjunct Fellow bei der Foundation for the Defense of Democracies mit Sitz in Washington, drei Denkrichtungen, die sich seit dem Friedensvertrag mit Israel von 1979 im ägyptischen Militär etabliert haben.
Die erste sehe »Israel als permanenten Gegner. Offiziere, die diesem Lager angehören und oft von der Ideologie Nassers geprägt sind, glauben, Ägypten müsse gegenüber Israel in einem latenten Zustand der Feindseligkeit bleiben, die Zusammenarbeit auf die vertraglich vereinbarte Sicherheitskoordination im Sinai beschränken und jede Art von Normalisierung ablehnen sollte.«
Die zweite Schule vertrete eine zurückhaltendere Haltung. »Sie betrachtet Israel nicht als Feind, sondern als einen hartnäckigen strategischen Konkurrenten. Die überlegenen militärischen Fähigkeiten Israels, seine technologische Dominanz und seine enge Anbindung an die Vereinigten Staaten schüren ein Gefühl der Unsicherheit. Viele in dieser Gruppe sehen den Erfolg Israels nicht nur als regionales Ungleichgewicht, sondern auch als Erinnerung an die eigene Stagnation Ägyptens bei der Modernisierung seiner Verteidigung.«
Schließlich gebe es noch eine kleinere dritte Gruppe, »die einen pragmatischen und transaktionalen Ansatz befürwortet. Diese Offiziere unterstützen eine Zusammenarbeit, wenn sie den nationalen Interessen Ägyptens dient, insbesondere bei der Bekämpfung des Terrorismus und des politischen Islams. Diese Gruppe betrachtet Israel weniger ideologisch als vielmehr operativ. Aus dieser Gruppe stammt auch Präsident Abdel Fattah al-Sisi.«
Im Februar berichtete JNS, dass die beträchtliche ägyptische Militärpräsenz auf der Sinai-Halbinsel und die laufenden Infrastrukturarbeiten einige Beobachter in Israel alarmiert haben. Offiziell erklärte das israelische Verteidigungsministerium, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Streitkräften sei weiterhin eng und trage zur regionalen Stabilität bei. Die Konzentration der Streitkräfte im Sinai lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres mit früheren Begründungen wie dem Kampf gegen den IS erklären und lässt die beunruhigende Möglichkeit aufkommen, dass Präsident Abdel Fattah al-Sisi und sein Militär Israel als potenziellen zukünftigen Gegner betrachten.
Yaakov Lappin ist Korrespondent und Analyst für militärische Angelegenheiten in Israel, hausinterner Analyst am MirYam-Institut, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Alma-Forschungs- und Bildungszentrum und am Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien an der Bar-Ilan-Universität sowie Autor von Virtual Caliphate – Exposing the Islamist State on the Internet. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






