Ägypten: Droht ein Krieg um das Nilwasser?

Renaissance-Damm

„Für Rechtsexperten, die sich dessen bewusst sind, das Ägypten für die Preisgabe seiner eigenen sowie der Rechte des Sudan auf dauerhaften Zugang zum Wasser des Nils selbst verantwortlich ist, ist die Tatsache nicht ohne Ironie, dass das Land angesichts seiner Einwände gegen den äthiopischen Renaissance-Staudamm Truppen an die eritreisch-sudanesische Grenze verlegt hat. In den vergangenen Wochen hat sich Ägyptens Unbehagen in Verzweiflung verwandelt, denn es ist ihm nicht gelungen, eine Garantie durchzusetzen, dass es seinen 80prozentigen Anteil am Nilwasser auch nach Inbetriebnahme des Staudamms weiterhin erhalten wird. Mit Hilfe der Vereinigten Arabischen Emirate hat Ägypten Berichten zufolge Truppen in das eritreische Militärcamp Sana verlegt, um den äthiopischen Staudamm anzugreifen, bevor auch nur ein Megawatt Strom produziert werden kann.

Eritrea hat die Nachricht vom ägyptischen Aufmarsch auf seinem Boden zwar dementiert, doch hat es Verhandlungen zwischen den Präsidenten Eritreas und Ägyptens sowie separate Gespräche zwischen Eritrea und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegeben. Der Sudan, der für seine Fertigkeit im Beschaffen geheimdienstlicher Informationen berühmt ist, hat als Reaktion seine Grenze zu Eritrea geschlossen und alle Ein- und Austrittspunkte abgeriegelt. Die Entwicklungen sind präzedenzlos und es deutet sich keine Deeskalation an. Medienberichte, denen zufolge ein ägyptischer Versuch, unter Umgehung des Sudan ein einseitiges Abkommen mit Äthiopien abzuschließen, gescheitert sei, wurden in den ägyptischen Medien als ‚fake news’ abgetan. Dennoch speisten sie Spekulationen, dass Kairo sich um ein neues Abkommen bemühe und bereit sei, sich dabei auch den sudanesischen Anteil am Nilwasser unter den Nagel zu reißen. (…)

Der Sudan befindet sich nun in der unangenehmen Position, zwei verfeindete Parteien trennen und zugleich seine eigenen Interessen wahren zu müssen. Das Treffen zwischen den äthiopischen und sudanesischen Außenministern am Sonntag bestätigte, wie besorgniserregend die Situation an der östlichen Grenze tatsächlich ist. ‚Der Sudan bezieht sich nicht auf einen bestimmten Aufmarsch eines bestimmten Landes, aber es geht uns um eine Bedrohung unseres Territoriums von der östlichen Grenze aus’, erklärte Außenminister Ibrahim Ghandour bei einer gemeinsamen Konferenz mit seinem äthiopischen Amtskollegen Workneh Gebeyehu in Khartoum. Der Bau des Staudamms wird die Produktion von dringend benötigtem Strom für das Nilbecken ermöglichen. Wenn die Rahmenvereinbarung von 2015 nicht überarbeitet wird, um eine rechtsverbindliche Zuteilung des Nilwassers festzulegen und eine Monopolisierung durch ein Land zu verhindern, besteht jedoch die hochgradig realistische und potenziell katastrophale Möglichkeit, dass der Staudamm zerstört wird und die beteiligten Parteien gegeneinander in den Krieg ziehen.“ (Khalil Charles: „Nile water crisis places Sudan, Egypt and Ethiopia on the brink of war“)

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