Jan Gerber über die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976 und die Israelfeindschaft des deutschen Linksterrorismus.
Vor genau fünfzig Jahren entführte ein palästinensisches Terrorkommando eine Air-France-Maschine, im ugandischen Entebbe befreite eine spektakuläre israelische Befreiungsaktion eine Woche später die noch festgehaltenen jüdischen/israelischen Geiseln. Dass heute noch über gerade diese eine Entführung diskutiert wird, hat vor allem einen Grund: An der Geiselnahme waren mit Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch zwei Mitglieder der Revolutionären Zellen beteiligt.
Im Mena-Watch-Talk war dazu Jan Gerber zu Gast. Er ist Honorarprofessor für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Moderne jüdische Geschichte an der Universität Leipzig und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des ebenfalls in Leipzig ansässigen Simon-Dubnow-Instituts. Im Berliner Tiamat-Verlag ist dieser Tage sein Buch Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel erschienen.
Air-France-Flug 193
Flugzeugentführungen, so erläutert Gerber den zeithistorischen Hintergrund des Hijackings nach Entebbe, gehörten in den späten 1960er- und in den 1970er-Jahren beinahe zum politischen Alltag, allein im Jahr 1969 seien mehr als 80 Flugzeuge entführt worden. Dennoch nimmt Entebbe eine Sonderstellung ein: Es sei eines der wichtigsten historischen Beispiele für den bewaffneten Antizionismus – und zugleich ein Fall, der zeige, dass Antizionismus nicht bloß als gewöhnliche Kritik an israelischer Politik verstanden werden könne, sondern dass »der Antizionismus die modernisierte Form des Antisemitismus ist«.
Ferner sieht Gerber in Entebbe eine direkte Verbindung zur Gegenwart. Er verweist auf aktuelle Beispiele linken Terrors gegen israelische oder als zionistisch wahrgenommene Ziele sowie auf die Reaktionen vieler linker Gruppen nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023. Aus seiner Sicht zeigen sich ideologische Kontinuitäten, die bis in die 1970er-Jahre zurückreichen.
Im Gespräch mit Florian Markl zeichnet Gerber den Ablauf der Geiselnahme nach. Am 27. Juni 1976 wurde der Air-France-Flug von Tel Aviv nach Paris kurz nach einer Zwischenlandung in Athen von einem gemeinsamen Kommando der Terrorgruppe Volksfront für die Befreiung Palästinas – Externe Operationen (PFLP-EO) sowie den deutschen Revolutionären Zellen entführt. Nach einem Zwischenstopp in Bengasi landete das Flugzeug schließlich im ugandischen Entebbe. Dort verlangten die Entführer die Freilassung inhaftierter Terroristen sowie Lösegeld und drohten andernfalls mit der Ermordung sämtlicher Geiseln.
»Selektion« und Befreiung
Besondere Aufmerksamkeit widmet das Gespräch der sogenannten »Selektion« in Entebbe. Die Entführer trennten die Passagiere voneinander: Jüdische Geiseln sowie israelische Staatsbürger blieben zurück, während die anderen freigelassen wurden. Gerber betont, dass diese Trennung nicht lediglich nach Staatsangehörigkeit erfolgt sei. Unter den zurückgehaltenen Geiseln befanden sich auch Juden ohne israelische Staatsangehörigkeit. Deshalb weist er spätere Versuche zurück, den Vorgang ausschließlich als Auswahl nach Nationalität darzustellen.
Eine zentrale Rolle spielten dabei die beiden deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Nach den Berichten vieler Geiseln seien es gerade sie gewesen, die mit deutschem Akzent die Namen aufriefen und die Trennung der Passagiere organisierten. Unter den Betroffenen befanden sich mehrere Holocaustüberlebende, die noch die Tätowierungen aus Auschwitz auf ihren Armen trugen. Dass ausgerechnet Deutsche diese Auswahl vornahmen, hat bei vielen Geiseln unmittelbare Erinnerungen an die nationalsozialistische Verfolgung hervorgerufen. In Israel sei die Szene deshalb parteiübergreifend als eine bedrückende Fortsetzung deutscher Geschichte wahrgenommen worden.
In der Nacht zum 4. Juli 1976 machten israelische Soldaten der Geiselnahme in einer spektakulären Aktion ein Ende. Dabei kamen alle Entführer sowie zahlreiche ugandische Soldaten ums Leben. Getötet wurden aber außerdem drei Geiseln und der Kommandeur des israelischen Spezialkommandos Jonathan Netanyahu, der ältere Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten. Eine weitere Geisel, Dora Bloch, die sich zum Zeitpunkt der Befreiungsaktion in einem ugandischen Krankenhaus befand, wurde auf Befehl des ugandischen Diktators Idi Amin ermordet.
Während die Freude über die erfolgreiche Befreiung vieler Geiseln in Israel groß war, setzte es international eine Flut an Verurteilungen Israels, das mit seinem Einsatz die Souveränität Ugandas verletzt habe.
Kernbestandteil des deutschen Linksterrorismus
Doch wie kam es dazu, dass zwei deutsche Terroristen in Kooperation mit Palästinensern das Leben jüdischer Geiseln bedrohten? Gerber schildert, dass die Zusammenarbeit zwischen westdeutschen Linksterroristen und palästinensischen Organisationen bereits Ende der 1960er-Jahre begann. Mitglieder aller drei linken Terrorgruppen, also der Roten Armee Fraktion (RAF), der Bewegung 2. Juni und der Revolutionären Zellen (RZ), besuchten Ausbildungslager palästinensischer Gruppen, wurden dort militärisch ausgebildet und seien ideologisch eng mit den palästinensischen Terrororganisationen verbunden gewesen.
Gerber betont, dass schon am Beginn des linken, »bewaffneten Kampfes« in Deutschland ein antisemitischer Akt gestanden habe: Am 9. November 1969 misslang glücklicherweise ein versuchter Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in Berlin. Ausgerechnet am Jahrestag der Novemberpogrome, als Hunderte Gäste eine Gedenkveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde besuchten, sollte der Sprengsatz zünden. Wäre das geschehen, »hätte es ein immens großes Massaker an diesem Tag gegeben«.
Auch die Verantwortlichen für diesen versuchten Terroranschlag hatten palästinensische Ausbildungslager durchlaufen, und die Kooperation deutscher Linksterroristen mit palästinensischen Terrorgruppen prägte in weiterer Folge zahlreiche Anschläge – vom Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 bis zur Entführung der Lufthansa-Maschine »Landshut« während des sogenannten Deutschen Herbstes 1977. »Die Geschichte des deutschen Linksterrorismus, insbesondere in den 70er-Jahren und in den frühen 80er-Jahren«, resümiert Gerber, »lässt sich nicht erzählen, ohne den sogenannten Nahostkonflikt und ohne die Zusammenarbeit mit den Palästinensern.«
Verspätete, mangelhafte Reaktionen
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Aufarbeitung der Entebbe-Entführung innerhalb der deutschen Linken. Gerber betont, dass unmittelbar nach Entebbe kaum eine ernsthafte Selbstkritik stattfand. Wenn überhaupt Kritik geäußert wurde, so habe sie sich meist gegen die Entführung einer Passagiermaschine gerichtet, nicht aber gegen die antisemitische Dimension der Tat. Stattdessen habe sich, wie der überwiegende Teil der Weltöffentlichkeit, auch der Großteil der Linken auf die Verurteilung der israelischen Befreiungsaktion konzentriert.
Erst Jahre später begann in Teilen der Revolutionären Zellen eine kritischere Auseinandersetzung. Doch auch wenn die bekannte RZ-Erklärung »Gerd Albartus ist tot« von 1991, in der es um die Ermordung eines Genossen durch die (damals nicht namentlich genannte) Carlos-Gruppe Organisation Internationaler Revolutionäre als Beginn eines Reflexionsprozesses gesehen werden konnte, beinhaltete auch dieses vieldiskutierte Papier keine grundsätzliche Abkehr vom Antizionismus.
Kritisch setzt sich Gerber schließlich mit neueren Veröffentlichungen auseinander, die den antisemitischen Charakter der Ereignisse von Entebbe bestreiten. Nach seiner Einschätzung verfolgen diese vor allem das Ziel, den Vorwurf eines linken Antisemitismus insgesamt zu entkräften: Indem eines der bekanntesten Beispiele uminterpretiert werde, solle zugleich die Existenz eines linken Antisemitismus überhaupt infrage gestellt werden.
Nichts geblieben
Zum Abschluss richtet sich der Blick erneut auf die Gegenwart. Gerber sieht seit den Debatten der 1990er- und 2000er-Jahre einen deutlichen Rückschritt. Die Erkenntnisse, die damals über linken Antisemitismus gewonnen worden seien, seien heute weitgehend verloren gegangen. Als Ursachen nennt er gesellschaftliche Krisen, ein vereinfachendes antiimperialistisches Weltbild, die Entwicklung bzw. den Zusammenbruch jüngerer Protestbewegungen (wie der Klimabewegung) sowie den Einfluss sozialer Medien, die komplexe Zusammenhänge auf einfache Feindbilder reduzierten.
Der erst jüngst zu Ende gegangene Parteitag sei nur der jüngste Beleg für das Rollback, dem sämtliche für selbstverständlich genommenen Erkenntnisse über linken Antisemitismus zum Opfer zu fallen drohen. Auf dem Parteitag habe die Partei Die Linke de facto den Beschluss gefasst, sich »in eine offen antisemitische Partei« zu verwandeln. Vor diesem Hintergrund bleibt Entebbe für ihn nicht nur ein historisches Ereignis, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis aktueller Debatten über Terrorismus, Antizionismus und Antisemitismus.






