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Vor 45 Jahren: Geiselbefreiung in Entebbe

Der alte Terminal des Flughafens von Entebbe. (© imago images/ZUMA Wire)
Der alte Terminal des Flughafens von Entebbe. (© imago images/ZUMA Wire)

Dieser Tage jährt sich zum 45. Mal die spektakuläre Befreiungsaktion, mit der israelische Spezialeinheiten eine arabisch-deutsche Flugzeugentführung beendeten.

Von Athen nach Entebbe

Am 27. Juni 1976 entführte ein vierköpfiges Kommando Air-France-Flug 139, der sich mit 258 Passagieren und 12 Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Weg von Tel Aviv über Athen nach Paris befand. Bei den Entführern handelte es sich um zwei Araber, die der Volksfront zur Befreiung Palästinas – Auswärtige Operationen (Popular Front for the Liberation of Palestine – External Operations, PFLP-EO), einer auf internationale Terroranschläge spezialisierten Untergruppe der PFLP, angehörten, sowie um zwei Mitglieder der bundesdeutschen Revolutionären Zellen (RZ), Brigitte Kuhlmann und Winfried Böse. Bei der Entführung nur wenige Minuten nach dem Start vom Zwischenstopp Athen gaben die Terroristen sich als „Che Guevara Brigade“ der PFLP aus und benannten das Flugzeug in „Haifa“ um.

Auf Geheiß der Terroristen steuerten die Piloten zuerst das libysche Bengasi an, wo die Maschine während eines mehrstündigen Zwischenstopps aufgetankt wurde. Eine britische Geisel, die 30jährige Patricia Martell, täuschte Komplikationen mit einer in Wahrheit nicht vorhandenen Schwangerschaft vor und wurde von den Entführern freigelassen. Ihre Aussagen gegenüber dem britischen Botschafter in Libyen waren die ersten konkreten Informationen über die Entführer und die Lage an Bord des Flugzeugs. Nachdem Martell nach London ausgeflogen wurde, wurde sie umgehend von Scotland-Yard-Beamten und einem Mossad-Agenten befragt. Sie berichtete, dass es sich um vier Geiselnehmer handle, wobei zwei davon Deutsche sein dürften.[1]

Flug 139 hatte derweil Bengasi wieder verlassen. Es ging in den Sudan, wo der Maschine jedoch keine Landeerlaubnis erteilt wurde, und schließlich am Morgen des 28. Juni nach Entebbe, einen am Ufer des Viktoriasees in Uganda gelegen Ort, der rund 35 Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt ist. Dort stießen drei weitere schwer bewaffnete Araber, die sich völlig unbehindert von ugandischen Sicherheitskräften bewegen konnten, zum Terrorkommando hinzu. Die Entführer wurden in weiterer Folge vom ugandischen Diktator (und glühenden Hitler-Bewunderer) Idi Amin freundlich willkommen geheißen. Die ugandische Armee beteiligte sich an der Bewachung der Geiseln in einem Teil des alten Flughafengebäudes.

Forderungen und Ultimaten

Am 29. Juni gaben die Entführer ihre Forderungen bekannt: Sie verlangten von der französischen Regierung fünf Millionen Dollar sowie die Freilassung von 53 Terroristen, die in Gefängnissen in Israel, der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Kenia inhaftiert waren. Darunter befanden sich sechs Mitglieder der deutschen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) sowie der Japaner Kozo Okamoto, der in Israel wegen seiner Beteiligung an einem Massaker am Flughafen Lod, dem heutigen Ben-Gurion-Flughafen, zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.[2] Bis zum Mittag ugandischer Zeit am 1. Juli müssten die Forderungen erfüllt werden, andernfalls drohten die Entführer, die Geiseln zu töten.

Ugandas blutrünstiger Diktator Idi Amin begrüßt 1975 PLO-Chef Arafat freudig am Flughafen von Entebbe. Ein Jahr später erlangt der Ort durch die israelische Operation gegen palästinensisch-deutschen Terror Berühmtheit. (© imago images/ZUMA/Keystone)
Ugandas blutrünstiger Diktator Idi Amin begrüßt 1975 PLO-Chef Arafat freudig am Flughafen von Entebbe. Ein Jahr später erlangt der Ort durch die israelische Operation gegen palästinensisch-deutschen Terror Berühmtheit. (© imago images/ZUMA/Keystone)

Im jemenitischen Aden veröffentlichte die PFLP-EO eine Erklärung, in der sie die Entführung begründete. Die Kaperung eines französischen Flugzeuges habe deutlich machen sollen, dass Frankreich ein „historischer Feind des arabischen Volkes“ und ein Unterstützer Israels sei. Das Ziel, auf das die Gruppierung hinarbeite, sei die „vollständige Befreiung des palästinensischen Bodens, die Vertreibung der Zionisten und der Aufbau eines demokratischen, säkularen und sozialistischen Staates in Palästina“. Israel wurde als „Nazismus“ bezeichnet, niemals würde ihm die Geschichte die „Verbrechen vergeben, die es gegen die arabischen Kämpfer und deren Genossen“ begangen habe. Die PFLP-EO rief dazu auf, „die Waffen zu erheben und sich dem zionistischen Feind – dem Feind der Menschheit, der Zivilisation und des Fortschritts – entgegenzustellen“.[3]

Aufteilung der Geiseln

Am Nachmittag des 29. Juni begannen die Terroristen, die Geiseln aufzuteilen. Per Megafon verlas der deutsche Geiselnehmer Winfried Böse die Namen derer, die sich in einen anderen Raum des Flughafengebäudes zu begeben hatten. Name für Name wurde deutlich, was hier vor sich ging: Unter der Leitung des Deutschen wurden Israelis bzw. Juden von den übrigen Passagieren getrennt.

Eine Geisel, Sara Guter Davidson, erinnerte sich später:

„Für mich, weil ich von meinen Großeltern und Tanten und Onkeln wusste – sie wurden alle in [dem Nazi-Vernichtungslager] Treblinka umgebracht –, war es ein schreckliches Gefühl, aber unter den Passagieren waren auch Holocaust-Überlebende, die noch [die von den Nazis eintätowierten] Nummern auf ihren Armen hatten.“[4]

Eine andere Geisel, Moshe Peretz, gab an, die Aufteilung der Gruppe habe sich angefühlt „wie eine Exekution“.[5] Michel Bacos, der Kapitän von Air France Flug 139, beschrieb die Trennung der Geiseln folgendermaßen:

„Ich wusste genau, was das bedeutet. Ich hatte mich im Juni 1943 den freien französischen Streitkräften von de Gaulle angeschlossen. Zur Zeit von Entebbe war ich 51 Jahre alt und hatte den Krieg miterlebt. Ich wusste also genau, worum es im Faschismus ging. Ich wusste ganz genau, was die Separation bedeutete und wozu sie führen würde. Ich war ein Drei-Streifen-Marineoffizier mit einer Pilotenausbildung. Ich wollte nicht abhauen und meine Passagiere ihrem Schicksal überlassen, auch wenn man mir sagte, ich könne gehen.“

Bacos und seine Crew beschlossen, die jüdischen Passagiere nicht im Stich zu lassen, auch wenn sie selbst freikommen könnten:

„Wir würden auf jeden Fall bei den Geiseln bleiben und mit ihnen nach Frankreich zurückkehren. Für mich war das nicht nur eine Frage des Rechts – es hatte mit grundlegenden Werten von Anstand und menschlichem Verhalten zu tun. Es war, einfach ausgedrückt, das Richtige.“[6]

Freilassungen und ein neues Ultimatum

Am späteren Nachmittag gab Entführer Böse bekannt, dass auf Wunsch von Idi Amin und als „humanitäre Geste“ am nächsten Tag einige Geiseln freigelassen würden. Eine am Abend kursierende Liste machte deutlich, dass es sich vor allem um Kranke, alte Menschen sowie Frauen mit ihren Kindern handeln würde.

Am Mittwochmorgen, dem 30. Juni, erschien Diktator Idi Amin am Flughafen und hielt vor den nicht-israelischen/nicht-jüdischen Geiseln eine Rede. Auf seine Vermittlung würden einige Geiseln freigelassen, die ihren Regierungen die Botschaft überbringen sollten, die „zionistische Politik des Staates Israel“ nicht länger zu unterstützen. Er habe schon die Vereinten Nationen dazu aufgefordert, „dass sie die exilierten Palästinenser zurück in ihr Land bringen müssen“, und genau dies müssten die freigelassenen Geiseln auch von ihren Regierungen fordern. In einer zweiten kurzen Ansprache wandte er sich an die israelischen/jüdischen Geiseln im Nachbarraum, denen er nichts anzubieten hatte außer der Versicherung, dass die Terroristen gar nichts gegen sie persönlich hätten, sondern nur gegen die „faschistische israelische Regierung“.[7] Tatsächlich wurden im Laufe des Vormittags 47 Geiseln – alte Menschen, Kranke, Mütter und Kinder – freigelassen und mit einer eigens angereisten Maschine der Air France ausgeflogen. Über 200 Geiseln verblieben in Entebbe.

In den Abendstunden am Flughafen Orly bei Paris angekommen, wurden einige der Freigelassenen von französischen und israelischen Sicherheitskräften befragt. Die Informationen, die sie weitergeben konnten, von der Anzahl der Terroristen und deren Bewaffnung über die Aufteilung der Geiseln bis zu genauen Beschreibungen des Flughafengebäudes und der Kooperation der ugandischen Soldaten mit den Terroristen, waren für die Planung der Befreiungsaktion von großem Wert.

Am Morgen des 1. Juli, dem fünften Tag der Geiselnahme, fasste die israelische Regierung den Entschluss, Verhandlungen mit den Hijackern aufzunehmen und eventuell sogar inhaftierte Gefangene freizulassen. Auch wenn die israelische Armee fieberhaft an der Planung einer möglichen Befreiungsaktion arbeitete, musste angesichts des näher rückenden Ablaufs des Ultimatums erst einmal Zeit gewonnen werden.

Kurz vor 10 Uhr vormittags tauchte Idi Amin wieder am Flughafen in Entebbe auf. Er verkündete, dass es ihm gelungen sei, die Freilassung von weiteren 100 Geiseln zu erwirken und dass Verhandlungen über die übrigen laufen würden. Die PFLP habe daher zugestimmt, das Ultimatum bis zum Sonntagvormittag, dem 4. Juli, zu verlängern. Praktisch bedeutete das, dass nur mehr die separierten israelischen/jüdischen Geiseln, die Air France Crew und zehn junge Franzosen in der Gewalt der Terroristen verblieben, insgesamt also etwas über 100 Personen. Alle anderen kamen im Laufe des Tages frei und wurden nach Paris ausgeflogen.

Dass die israelische Regierung sich bereit zeigte, mit den Terroristen zu verhandeln, rief unter den verbliebenen Geiseln gemischte Reaktionen hervor. Die Nachricht gab ihnen, die gerade noch unter einer unmittelbaren Todesandrohung gestanden hatten, zwar neue Hoffnung, die Entführung doch noch einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Aber insbesondere unter den jüngeren Israelis in Entebbe befanden sich auch einige, die alles andere als begeistert waren. „Ich freue mich, dass ich freigelassen werden könnte“, sagte einer von ihnen zu Flugkapitän Bacos, „aber ich bin ganz und gar nicht glücklich darüber, dass meine Regierung nachgibt“.[8]

Planung der Befreiungsaktion

Bereits während des Zwischenstopps des entführten Fluges im libyschen Bengasi wurden in Israel Szenarien für eine Befreiungsaktion ausgelotet, aber letztlich als unmöglich verworfen. Nachdem das Flugzeug in Entebbe gelandet war, wurden sofort alle Informationen zusammengetragen, die über die Gegebenheiten vor Ort in Erfahrung gebracht werden konnten. Dazu gehörten die detaillierten Aussagen der bereits freigelassenen Geiseln ebenso wie Pläne des alten Flughafenterminals. Er war vor Jahren unter Mitwirkung einer israelischen Firma umgebaut worden, die die Baupläne zur Verfügung stellen konnte. Um seine Stürmung und Einnahme zu trainieren, wurde auf einem Armeegelände ein Nachbau des Gebäudes errichtet. Mehrere Einsatzszenarien wurden entwickelt und wieder verworfen, bis ein hochriskanter Plan zur Befreiung der Geiseln feststand – die in einem feindlichen Land mehr als 3000 Kilometer von Israel entfernt von schwerbewaffneten Terroristen und Soldaten der ugandischen Armee festgehalten wurden.

Der Plan sah vor, dass vier C-130-Hercules-Transportflugzeuge im Tiefflug nach Uganda fliegen und im Abstand von sieben Minuten auf dem Flughafen von Entebbe landen würden. In der ersten Maschine sollten sich eine Mercedes-Limousine und zwei Land Rover befinden, wie sie von Präsident Idi Amin verwendet wurden. Getarnt als Präsidentenkonvoi sollte sich die erste Gruppe dem Terminal nähern, ihn einnehmen und die Terroristen unschädlich machen. In den anderen Flugzeugen sollten sich gepanzerte Fahrzeuge befinden, die im Falle ausgedehnterer Kämpfe eingesetzt werden konnten, dazu noch ein medizinisches Team zur Behandlung von Verletzten. Während die Geiseln befreit und in eines der Flugzeuge evakuiert würden, sollten die ebenfalls auf dem Flughafen positionierten elf Kampfflugzeuge der ugandischen Luftwaffe zerstört werden, um zu verhindern, dass diese der Hercules-Flotte auf dem Rückweg folgen konnten.

Alles in allem sollten rund hundert Soldaten und Mitglieder von Spezialeinheiten an der Aktion beteiligt sein. Bei der abschließenden Generalprobe, so informierte Generalstabschef Mordechai Gur den damaligen Verteidigungsminister Shimon Peres am Morgen des 3. Juli, sei der Einsatz am Boden in nicht einmal einer Stunde erledigt gewesen, doch könnte er sich erheblich in die Länge ziehen, sollte es zu schweren Kämpfen mit der ugandischen Armee und hohen eigenen Verlusten kommen.

Die Zeit drängte: Am nächsten Tag lief das Ultimatum der Terroristen ab, und die Befreiungsaktion hatte überhaupt nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie im Schutze der Dunkelheit ausgeführt werden konnte – es blieb also nur mehr die kommende Nacht. Als die Flugzeuge von der Luftwaffenbasis Lod abhoben und sich nach einem Zwischenstopp am Sinai am frühen Nachmittag auf den langen Weg nach Entebbe machten, gab es noch immer keine Bestätigung des Einsatzes durch die Regierung. Erst nachdem die Maschinen schon Stunden unterwegs waren, kam per Funk das grüne Licht für die Operation: In einer Sitzung in Tel Aviv hatte die Regierung einstimmig für den Einsatz votiert. Auch die Oppositionsführer waren über den waghalsigen Plan informiert worden.

Entscheidende Hinweise hatten die Einsatzkräfte buchstäblich erst Minuten vor dem Start schon auf dem Rollfeld erhalten: Ein ehemalige britischer Geheimdienstmitarbeiter war von Kenia aus mit seinem Privatflugzeug nach Entebbe geflogen und hatte aus der Luft Fotos vom Flughafen gemacht. Sie waren die Bestätigung, dass sich an den Örtlichkeiten im Vergleich zu den Bauplänen nichts Wesentliches geändert hatte und die Einsatzteams zumindest in dieser Hinsicht nicht mit bösen Überraschungen rechnen mussten.

Einsatz in Entebbe

Nach Einbruch der Dunkelheit landete die erste Hercules-Maschine wie geplant am Flughafen Entebbe. Doch schon bei der nächsten Stufe des Plans gab es Komplikationen. Auf dem Weg Richtung Terminal trafen die als offizielle Fahrzeugkolonne getarnten Einsatzkräfte auf zwei ugandische Soldaten. Anders als geplant, kam es schon hier zum ersten Schusswechsel, womit ein großer Teil des Überraschungseffekts hinfällig war, der die Stürmung des Terminals hätte erleichtern sollen.

Noch im Jahr 2009 waren Einschusslöcher der Befreiungsaktion am Tower zu sehen, der sich direkt neben dem alten Terminal befindet, wo die Geiseln festgehalten wurden. (Quelle: LTC David Konop, United States Army Africa (SETAF))
Noch im Jahr 2009 waren Einschusslöcher der Befreiungsaktion am Tower zu sehen, der sich direkt neben dem alten Terminal befindet, wo die Geiseln festgehalten wurden. (Quelle: LTC David Konop, United States Army Africa (SETAF))

Trotz dieses Fehlstarts lief von da an alles relativ glatt: Die israelische Sturmeinheit drang in den Flughafenterminal ein und konnte alle Geiselnehmer ausschalten. Dabei gerieten aber auch einige Geiseln ins Kreuzfeuer, die der per Megafon auf Hebräisch und Englisch gerufenen Anordnung nicht Folge geleistet hatten, am Boden zu bleiben, um nicht in die Schusslinie zu geraten.

Vor dem Gebäude fand unterdessen ein Feuergefecht mit ugandischen Soldaten statt, bei dem der Kommandant der stürmenden Israelis, der Bruder des späteren israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, Jonathan Netanjahu, tödlich getroffen wurde.

Während israelische Soldaten die am Flughafen stationierten ugandischen Kampfflugzeuge zerstörten, wurden die Geiseln in eine der mittlerweile ebenfalls gelandeten Hercules-Maschinen evakuiert. Im Plan war vorgesehen, dass die Maschinen mit eigens dafür mitgebrachten Pumpen aufgetankt werden sollten, da der Treibstoff nicht für die weite Rückreise nach Israel gereicht hätte. Doch in der Zwischenzeit war per Funk aus Israel die Nachricht gekommen, dass die Flugzeuge zum Nachtanken im kenianischen Nairobi zwischenlanden konnten – ein wertvoller Zeitgewinn, da die Maschinen Entebbe jetzt sofort wieder verlassen konnten.

Nach nicht einmal einer Stunde war die Aktion vorbei und befanden sich die Flugzeuge wieder in der Luft. Drei der zuletzt 105 noch am Flughafen festgehaltenen Geiseln waren bei der Stürmung des Terminals ums Leben gekommen. Die zurückkehrenden Geiseln wurden am Morgen des 4. Juli am Ben-Gurion-Flughafen von einer großen Zahl jubelnder Israelis willkommen geheißen.

Eine Geisel war allerdings nicht darunter. Die betagte Dora Bloch, die wegen eines medizinischen Notfalls in ein Krankenhaus in Kampala gebracht worden war und sich deshalb nicht bei den übrigen Geiseln im Flughafenterminal befunden hatte, wurde in einem Racheakt auf Befehl von Idi Amin ermordet. Ihre Leiche konnte erst Jahre später, nach dem Sturz des Diktators, gefunden und nach Israel gebracht werden.

Die israelischen Einsatztruppen hatten einige teils schwer Verletzte, aber mit Jonathan Netanjahu nur ein Todesopfer zu beklagen – kaum jemand hatte im Vorfeld angenommen, dass der Einsatz mit so wenigen Opfern erfolgreich über die Bühne gehen könnte. Alle Terroristen wurden im Zuge der Befreiungsaktion getötet, ebenso eine ungewisse Zahl ugandischer Soldaten, Schätzungen schwanken zwischen 20 und 50.

Diplomatisches Nachspiel

Während die erfolgreiche Geiselbefreiung von Entebbe vielerorts auf freudige Zustimmung traf, war das auf dem internationalen Parkett, vor allem bei den in den 1970er Jahren bereits notorisch israelfeindlichen Vereinten Nationen, nicht der Fall.[9] UN-Generalsekretär Kurt Waldheim war über die Ereignisse empört und protestierte, allerdings nicht gegen die Flugzeugentführung und Geiselnahme, sondern über die israelische Befreiungsoperation. Dass die israelischen Hercules-Flugzeuge in Entebbe gelandet waren, verurteilte Waldheim als „schwerwiegende Verletzung der Souveränität eines Mitgliedslandes der Vereinten Nationen“.[10] Der UN-Sicherheitsrat traf auf Antrag der Organisation für Afrikanische Einheit mehrfach zusammen. Auf der Tagesordnung stand aber auch hier nicht der antiisraelische und antisemitische Terror, sondern die „beispiellose Aggression Israels gegen Uganda“ und die „mutwillige [israelische] Aggression auf einen Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen“.[11]

Im Sicherheitsrat deutete der Vertreter Ugandas die Zusammenarbeit der ugandischen Armee mit den Terroristen in den von „humanitären Überlegungen“ motivierten Versuch um, das Leben der Geiseln zu beschützen, doch sei diese „humanitäre Geste vom zionistischen Israel – dem Vehikel des Imperialismus – mit der Invasion Ugandas“ beantwortet worden. Israel habe sich mit dieser „nackten Aggression gegen Uganda“ seiner Geschichte der „Barbarei und des Banditentums“ würdig erwiesen.[12] Auf die Ermordung von Dora Bloch kam der ugandische Diplomat selbstverständlich nicht zu sprechen.

Der Vertreter Mauretaniens warf Israel vor, unter dem „Vorwand“ der Geiselbefreiung nach Uganda eingedrungen zu sein, um „Tod und Zerstörung“ zu säen. Das Hijacking von Flugzeugen sei zwar abzulehnen, doch seien diese die Taten von „unkontrollierbaren Individuen“, wohingegen die israelische Operation „unendlich viel gefährlicher“ sei, weil damit die „Gesetze des Dschungels in die internationalen Beziehungen“ eingeführt worden wären.[13]

Der damalige israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Chaim Herzog. (© imago images/ZUMA/Keystone)
Der damalige israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Chaim Herzog. (© imago images/ZUMA/Keystone)

Israels Botschafter Chaim Herzog verteidigte in seiner Stellungnahme vor dem Sicherheitsrat die Geiselbefreiung. Er wies u.a. auf die Aussonderung der Juden am Flughafen Entebbe hin und sprach von einem „Schwur“, den das jüdische Volk während des Zweiten Weltkrieges geleistet habe: dass „Auschwitz, Dachau und Buchenwald der Vergangenheit angehören und nie mehr wiederkehren werden“. Vor diesem Hintergrund habe die israelische Armee die Rettungsaktion in einem Land unternommen, dessen Staatschef Idi Amin die Ermordung der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972 bejubelt und Hitler für die Ermordung von sechs Millionen Juden gratuliert hatte.[14]

Daraufhin startete der Vertreter Libyens einen feurigen rhetorischen Angriff auf Israel. Botschafter Herzog, dessen Meister Joseph Goebbels sei, habe nur Lügen verbreitet, könne aber den „israelischen Staatsterrorismus“ nicht verschwinden machen. Er habe gesagt, Auschwitz und Dachau gehörten der Vergangenheit an.

„Ich sage, dass Dachau. Auschwitz und Buchenwald nicht Dinge der Vergangenheit, sondern noch am Leben sind, physisch wie spirituell, nur dass dieses Mal die Rollen vertauscht sind: Diejenigen, die einmal die Opfer gewesen sind – oder vorgeben, Opfer gewesen zu sein –, sind jetzt die Folterer.“

Die „rassistischen Verbrechen“ würden „jetzt von den Zionisten am palästinensischen Volk begangen“. Die Israelis seien „exzellente Schüler der Nazis“ und sogar „besser als ihre Nazi-Lehrmeister. Sie haben deren Techniken verbessert und zur Perfektion in Theorie und Praxis getrieben.“[15]

Libyen war nicht das einzige Land im Sicherheitsrat, das Israels Vorgehen mit dem der Nazis gleichsetzte. Angesichts dieser antisemitischen Hetze verblassten die Stimmen der Länder, die sich nicht an der Verurteilung Israels beteiligen wollten, darunter die Deutschlands und der USA.[16] Eine von Großbritannien und den USA eingebrachte Resolution, in der gleichermaßen Entführungen verurteilt wurden und der Aufruf zur Respektierung der „nationalen Souveränität und territorialen Integrität aller Staaten“[17] erging, wurde abgelehnt.

Debatte über Antisemitismus in der Linken

Die Geiselnahme von Entebbe sticht nicht nur wegen der spektakulären Befreiungsaktion durch die israelischen Einheiten aus der Vielzahl der Terroranschläge der 1970er und -80er Jahre hervor, sondern auch durch einen anderen Punkt: die Aufteilung der Geiseln und die Separierung von Israelis und Juden von den anderen. Sie weckte nicht nur unter den Geiseln Erinnerungen an die Judenverfolgung der Nazis und wird bis heute oft als „Selektion“ bezeichnet.

Die Tatsache, dass deutsche Linksterroristen maßgeblich an der Aus- und Absonderung von Juden und Israelis beteiligt waren, löste, wenn auch mit gehöriger Verzögerung, in der deutschen Linken eine Debatte über die Kooperation deutscher Linker mit palästinensischen Terrororganisationen und den linken Antisemitismus aus.

Angestoßen wurde diese Debatte nicht zuletzt durch ein Papier, das die Revolutionären Zellen, deren Mitglieder Böse und Kuhlmann zu den Entführern gehört hatten und bei der Befreiungsaktion erschossen worden waren, Ende 1991 veröffentlichten. Darin übten die RZ scharfe Kritik daran, dass das Entführungskommando Geiseln abgesondert hatte, „deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie Juden waren“. Die „Selektion erfolgte entlang völkischer Linien“. Die RZ hätten Israel „nicht mehr aus der Perspektive des nazistischen Vernichtungsprogramms“ wahrgenommen, sondern nur mehr als „Agent und Vorposten des westlichen Imperialismus mitten in der arabischen Welt“. In den antisemitischen Vorgängen in Entebbe sei den Autoren des Papiers zufolge ein enormes Maß an „historischer Amnesie und moralischer Desintegration“ zum Ausdruck gekommen. Dies sei die „schwerste Hypothek, mit der unsere Geschichte belastet ist.“[18]

Für einige prominente (ehemalige) deutsche Linke, darunter Joschka Fischer und Henryk Broder, stellten die Ereignisse in Entebbe eine Zäsur dar. Allerdings gibt es auch jene in- und außerhalb Deutschlands, die bis heute den antisemitischen Charakter der Vorgänge bestreiten und den deutschen Linksradikalismus vor dem Vorwurf des linken Antisemitismus in Schutz zu nehmen versuchen. Noch vor wenigen Jahren widmete sich ein ganzes Buch der Widerlegung der angeblichen „Legenden um Entebbe“. Die Autoren versuchten, nicht zuletzt durch Weglassung wesentlicher Fakten, den Nachweis zu erbringen, dass die Aufteilung der Geiseln nicht als antisemitisch zu bewerten wäre, und sie bemühten sich auch um die Ehrenrettung des linken Antizionismus, den sie vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen versuchten.[19] Das Buch ist unterschiedslos „den Toten von Entebbe“ gewidmet – allen Toten, also auch den getöteten Terroristen.[20]


[1] Vgl. David, Saul: Operation Entebbe. Flight 139 and the Raid on Entebbe Airport, the Most Audacious Hostage Rescue Mission in History, London 2015, S. 39ff.

[2] Okamato, ein Mitglied der Terrorgruppe Japanische Rote Armee, und zwei Gesinnungsgenossen hatten im Auftrag der PFLP am 30. Mai 1972 in der Ankunftshalle das Flughafens mit Maschinengewehren und Handgranaten das Feuer eröffnet und binnen zwei Minuten 26 Menschen getötet (darunter 17 katholische Pilger aus Puerto Rico) und fast 80 weitere verletzt. Vgl. Steinhoff, Patricia G.: Portrait of a Terrorist: An Interview with Kozo Okamoto, in: Asian Survey, Vol. 16, No. 9 (Sep. 1976), S. 830-845.

[3] Zit. nach Herf, Jeffrey: Undeclared Wars with Israel. East Germany and the West German Far Left 1967-1989, New York 2016, S. 318.

[4] Zit. nach Berg, Raffi: Entebbe: A mother’s week of ›indescribable fear, BBC, 26. Juni 2017, https://www.bbc.com/news/magazine-36559375.

[5] Zit. nach David: Operation Thunderbolt, S. 104.

[6] Zit. nach Anonymous: Michel Bacos: the Air France hero of Entebbe, The Jewish Chronicle, 15. Juni 2012, https://www.thejc.com/lifestyle/interviews/michel-bacos-the-air-france-hero-of-entebbe-1.33927.

[7] David: Operation Thunderbolt, S. 124ff.

[8] Zit. nach ebd., S. 195.

[9] Vgl. zur anti-israelischen Entwicklung der UN ausführlich Feuerherdt, Alex/Markl, Florian: Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert, Berlin 2018.

[10] Zit. nach UN-Sicherheitsrat: 1939. Sitzung, 9. Juli 1976, S. 2, http://repository.un.org/bitstream/handle/11176/70153/S_PV.1939-EN.pdf?sequence=17&isAllowed=y.

[11] UN-Sicherheitsrat: Letter Dated 6 July 1976 from the Assistant Executive Secretary of the Organization of African Unity to the United Nations Addressed to the President of the Security Council, https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N76/134/93/pdf/N7613493.pdf?OpenElement.

[12] UN-Sicherheitsrat: 1939. Sitzung, S. 3ff.

[13] Ebd., S. 6f.

[14] Vgl. ebd., S. 9.

[15] Ebd., S. 25f.

[16] Vgl. Herf: Undeclared Wars with Israel, S. 322,

[17] UN-Sicherheitsrat: Resolutionsentwurf S/12138, 12. Juli 1976, https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N76/138/01/pdf/N7613801.pdf?OpenElement.

[18] Revolutionäre Zellen: Gerd Albartus ist tot, Dezember 1991, http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm.

[19] Vgl. Mohr, Markus (Hrsg.): Legenden um Entebbe. Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion, Münster 2017.

[20] Zur Kritik an diesem Versuch der Geschichtsklitterung vgl. Jander, Martin: Legenden um Entebbe, Jüdische Allgemeine, 23. Januar 2017, https://www.hagalil.com/2017/01/legenden-um-entebbe/ sowie Ebbrecht, Tobias: Krieg gegen Israel, Jungle World, 15. Juni 2017, https://jungle.world/artikel/2017/24/krieg-gegen-israel.

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