27. Januar 1969 in Bagdad: Hunderttausende feiern die Hinrichtung von neun Juden

Die neun jüdischen Opfer waren: Ezra Naji Zilkha,(60) aus Basra; Charles Raphael Horesh (45) aus Bagdad; Fouad Gabbay (35) aus Basra; Yeheskel Gourji Namerdi (32) aus Basra; Sabah Haim Dayan (25) aus Basra; Daaud Ghali (21) aus Basra; Naim Khedouri Helali (21) Basra; Heskel Saleh Heskel (20) aus Basra; Daoud Heskel Barukh Dellal (20) aus Basra. Foto PD

Von Stefan Frank

Am diesjährigen 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, sollte auch einem anderen Ereignis aus der Geschichte der mörderischen Verfolgung der Juden gedacht werden, das in der westlichen Welt so gut wie vergessen ist. Vor 50 Jahren, am 27. Januar 1969, wurden in Bagdad auf dem sogenannten „Platz der Befreiung“ vor den Augen einer riesigen Menschenmenge 14 unschuldige Menschen – neun Juden, drei Muslime und zwei Christen – gehängt, die fälschlicherweise der Spionage für Israel bezichtigt worden waren.

Seit über 2.700 Jahren hatte es auf dem Gebiet des heutigen Irak jüdische Gemeinden gegeben, im Jahr 1936 hatte der Irak laut einer offiziellen Statistik 120.000 jüdische Bürger. Heute ist er, wie fast alle arabischen Länder, judenrein. Die erste Etappe auf dem Weg der gewaltsamen Vertreibung der irakischen Juden waren die Pogrome vom 1. und 2. Juni 1941, die von Hadsch Amin el-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, der ein gegen Großbritannien und die Juden gerichtetes Bündnis aller arabischen Muslime mit dem Dritten Reich anstrebte, angeregt worden waren. Bei dem Farhud (das Wort bedeutet so viel wie „gewaltsame Enteignung“), einer Welle von Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden, wurden Hunderte irakischer Juden ermordet.

Nach der Gründung Israels waren die Juden im Irak weiter starker Verfolgung ausgesetzt – Zionismus galt als Verbrechen – und emigrierten massenhaft, die meisten zwischen 1949 und 1951. Wer das Land verließ, musste auf seine Staatsbürgerschaft verzichten und seinen Besitz zurücklassen.

1969 lebten noch etwa 3.000 Juden im Irak. Es war das dritte Jahr gesteigerter antijüdischer Agitation im Zuge der Niederlage der arabischen Armeen gegen Israel im Juni 1967. Die Ba’ath-Partei unter General Ahmed Hassan al-Bakr und Saddam Hussein hatte sich im Juli 1968 an die Macht geputscht. Schon am 6. September 1967 hatte sie eine große Demonstration angeführt. In seinem Buch Republic of Fear. The Politics of Modern Iraq schreibt der irakisch-britische Historiker Kanan Makiya:

„Sie [die Führer der Ba’ath-Partei] verlangten ein Vorgehen gegen örtliche Agenten des Zionismus und Imperialismus und brachten etwas in die politische Arena zurück, das es seit Jahren nicht mehr gegeben hatte: die Idee einer fünften Kolonne, die verantwortlich war für die Verheerungen im Juni-Krieg.“

Iraks eigene Verluste waren gering gewesen; die Regierung meldete zehn getötete und 30 verwundete irakische Verluste in den sechs Tagen des Krieges. Doch viele im Irak begriffen sich als Teil eines größeren Verbunds, der besiegt worden war:

„Die Geister Zehntausender gefallener Ägypter, Syrer, Jordanier und Palästinenser, nicht zu sprechen von der Besatzung von Territorien, dem Kollaps ganzer Armeen und der Zerstörung von Gerät – all dies fügte sich in der Phantasie gewöhnlicher Männer und Frauen als das Werk von Iraks winziger jüdischer Gemeinde zusammen …“.

Tod den Spionen

Standardwerk über den Irak: „Republic of Fear“ von Kanan Makiya.

Zwischen dem Ende des Sechs-Tage-Kriegs und der Eroberung der Macht am 17. Juli 1968 übte die Ba’ath-Partei Druck auf die Regierung von Präsident Abdul Rahman Arif aus, gegen die irakischen Juden vorzugehen. Wie Makiya schreibt, führte das zunächst vor allem zu Diskriminierungsmaßnahmen im Wirtschaftsleben und an den Universitäten. Zudem wurden rund hundert Juden zeitweise festgenommen. „Keiner aber wurde gefoltert oder getötet“, so Makiya. Mit ihrer Machtergreifung im Juli 1968 aber führte die Ba’ath-Partei ein Terrorregime ein. Das Büro des irakischen Coca-Cola-Unternehmens wurde gestürmt, der Präsident verschleppt und ermordet. Juden wurden auf der Straße verhaftet – doch nicht nur sie: Ebenso traf es ehemalige Minister, Geschäftsleute, Offiziere, Intellektuelle, Ärzte und andere Angehörige freier Berufe. Am 9. Oktober 1968 verkündete die Regierung, sie habe einen großen zionistischen Spionagering in Basra ausgehoben. 17 Juden wurden verhaftet und zu Verhörzentren gebracht, die nach der Machtergreifung überall im Land eingerichtet worden waren. Im November gingen die Verhaftungen weiter.

Am 25. November griffen irakische Artillerieverbände, die in Jordanien stationiert waren, ein letztes Mal während dieses sogenannten „Abnutzungskrieges“ Israel an. Bei einem israelischen Gegenangriff am 4. Dezember wurden zahlreiche irakische Soldaten getötet. Am folgenden Tag organisierte die Partei einen großen Umzug mit Särgen der Gefallenen vom „Platz der Befreiung“ zum Präsidentenpalast, an dem rund 40.000 Menschen und teilnahmen, unter ihnen, so Makiya, „ein großes Kontingent palästinensischer Guerillas“. Präsident Ahmad Hasan al-Bakr hielt eine Rede, die im irakischen Fernsehen übertragen wurde:

„Zur selben Zeit, wo wir wachsendem Druck und wiederholten Angriffen auf unsere heldenhafte Armee ausgesetzt sind, stehen wir verräterischen Bewegungen von Gesindel der fünften Kolonne und den neuen Unterstützern der USA und Israels gegenüber. … Diese verdächtigen Bewegungen führen die Aufträge durch, die ihnen zugewiesen wurden und übernehmen ihre Rolle in der amerikanischen Verschwörung. Sie trachten danach, bösartige Gerüchte zu verbreiten und Störungen zu provozieren und verüben zu diesem Zweck Mordanschläge und Sabotage und unternehmen Operationen hinter den Linien unserer heldenhaften Armee … mit dem Ziel, uns von der großen Schlacht mit dem zionistischen Feind abzuhalten. … Wir werden diese Ausbeuter und Mitglieder der Fünften Kolonne mit eiserner Faust schlagen, die Mägde des Imperialismus und Zionismus.“

Immer, so Makiya, wenn al-Bakr zwischendurch die Menge fragte: „Was wollt ihr?“, antwortete diese: „Tod den Spionen, Hinrichtung der Spione, aller Spione, ohne Verzug!“ Das Fernsehen zeigte das „Geständnis“ eines muslimischen Irakers, der im Interview sagte, er sei Teil einer Verschwörung gewesen, die Waffen von Israel über den Iran zu den irakischen Kurden hätte bringen sollen, gegen die das Regime zu dieser Zeit Krieg führte.

Gedenkstein für die getöteten Juden (Or Yehuda/Isreal). Quelle: אבישי טייכר משתמש:Avi1111/Wikimedia Commons.

Die angeblichen Spione waren, wie Makiya bemerkt, Puppen auf einer Bühne, auf der die Ba’ath-Partei eine Show aufführte, die ihren größeren Zielsetzungen diente. Über den Tag der Hinrichtung, den 27. Januar 1969, schreibt Makiya, es sei „eine Atmosphäre wie im Karneval“ gewesen. Zwischen 150.000 und 500.000 Menschen – die Schätzungen gehen auseinander – strömten aus Bagdad und vom Lande herbei, um die Hinrichtung zu sehen und die Reden zu hören, die gehalten wurden. Die Menge begleitete das Spektakel mit Gesängen, Tänzen, Spucken und Steinwürfen. Salah Omar Al-Ali, der Minister für Kultur und Information und Mitglied im Revolutionären Kommandorat, sagte:

„Großes Volk des Irak! Der Irak von heute wird keine weiteren Verräter, Spione, Agenten oder Mitglieder der Fünften Kolonne tolerieren! Du Bastard Israel, du imperialistisches Amerika und ihr Zionisten, hört mich an! Wir werden all eure schmutzigen Tricks aufdecken! Wir werden eure Agenten bestrafen! Wir werden eure Spione hängen, selbst wenn es Tausende sind! … Großes Volk des Irak! Dies ist erst der Anfang! Die großen und unsterblichen Plätze des Irak sollen gefüllt werden mit den Leichen von Verrätern und Spionen! Wartet nur ab!“

Wahnhafter Hass auf Israel

Al-Ali hatte recht: Diese Hinrichtungen waren erst der Anfang. Es folgten – über mehr als drei Jahrzehnte – Massenverhaftungen und Hinrichtungen von allen, die dem Ba’ath-Regime verdächtig oder missliebig waren. Immer wieder, so Makiya, traf es ein paar Juden, doch die meisten Opfer später waren Muslime. Denn das Regime wollte viele ermorden, und der Juden im Irak waren nur wenige. Die Funktion der Hinrichtungen vom 27. Januar 1969 bestand darin, den Irakern die Vorstellung in die Köpfe zu trichtern, dass das Regime und das Volk zusammen einen Krieg gegen eine Verschwörung von „Zionisten“ kämpften und rücksichtlose Gewalt nötig sei, um den Feind auszumerzen. Die Show ähnelte den Schauprozessen Stalins, mit dem Unterschied, dass das Ba’ath-Regime Wert darauflegte, dass das Volk dabei mitmachte, um es an seiner Seite zu wissen. So oder so ähnlich haben sich später viele andere Diktatoren in muslimischen Ländern die Methode zunutze gemacht: Über staatliche Massenmedien wird ein wahnhafter Hass auf Israel geschürt und stetig am Lodern gehalten; immer wieder wird ein Krieg gegen einen äußeren Feind – Israel und die USA – beschworen, die angeblich mit Agenten im Innern in Verbindung stehen; diese Agenten werden für jegliches Versagen des Regimes (die schlechte Versorgungslage, militärische Niederlagen, Bürgerkrieg usw.) verantwortlich gemacht und als Vorwand benutzt für weitere Repression samt Verhaftungswellen und Hinrichtungen. Der Antiisraelismus kann in vielen Ländern auf eine Tradition des Judenhasses aufbauen; er ist aber gleichzeitig auch ein Instrument zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.

Im März 1991 schilderte Selima Gubbay, die Witwe eines Opfers der Hinrichtungen vom 27. Januar 1969, in der israelischen Zeitung Maariv, wie ihr Mann Fuad verhaftet und umgebracht wurde:

„Fuad und ich waren so glücklich, bis unsere Leben plötzlich auseinandergerissen wurden. Eines Tages kamen vier irakische Offiziere in einem blauen Volkswagen zu unserem Haus in Basra. Sie gingen schnurstracks zu den Klimaanlagen und rissen die Trafos raus. ‚Dies sind Sender’, brüllten sie, ‚Ihr spioniert für Israel.’ Als Fuad protestierte, wurde er zusammengeschlagen. Unser jüngerer Sohn, David, wurde emporgehoben und gegen das Geländer geworfen, als er seinen Vater küssen wollte. Er verletzte sich dabei, sein Gesicht war voller Blut. Das Blut war ein böses Omen der Zukunft. Es war 1968 und ich war im fünften Monat schwanger. Fuad wurde mitgenommen zu einem Gefängnis in Bagdad.

Der Tag der Hinrichtungen

Schließlich wurde Fuad zusammen mit anderen Juden vor Gericht gestellt, sie alle wurden beschuldigt, für Israel zu spionieren. Die Verhandlung wurde live im Radio und im Fernsehen übertragen. Fuad bekannte sich für nicht schuldig. Selima reiste von Basra nach Bagdad, um ihn im Gefängnis zu besuchen.

„Als ich dort ankam, schubsten sie mich in einen Raum, verprügelten mich und traten mich zusammen. Im Raum daneben, nur durch eine dünne Wand getrennt, sagten die Wärter zu Fuad: ‚Auf der anderen Seite der Wand ist deine Frau. Sie ist schwanger. Wenn du dich nicht schuldig bekennst, werden wir sie vergewaltigen und anschließend ihren Bauch aufschneiden und das Kind herausschneiden.’ Am nächsten Tag hörte ich in der Übertragung des Prozesses, wie Fuad sich schuldig bekannte, dass er an diesem und jenem Tag hier und dort gewesen sei und Geheimnisse an Israel gesendet hätte. Als ich die Daten überprüfte, merkte ich, dass er zu all diesen Zeiten bei mir und den Kindern gewesen war. Er hatte die Geschichte erfunden, um uns zu retten.“

Am Morgen des 27. Januar 1969, so Selima, waren die Straßen noch lauter und überfüllter als sonst:

„Es war der Tag der Hinrichtungen. Ein Tag des nationalen Jubels. Ich konnte hören, wie die Nachbarn enthusiastisch brüllten. ‚Hängt die israelischen Spione.’ Tänzer, die von weither gebracht worden waren, tanzten unter den Galgen. Die Busse und Züge konnten kostenlos benutzt werden, damit die Leute kommen und unter den Leichen feiern konnten. Und worum ging es bei den Feiern? Die irakische Nation nahm kollektiv Rache für die Niederlage einer Division an der jordanischen Front im Sechs-Tage-Krieg, und darum sendete das irakische Fernsehen Bilder von neun gehängten jüdischen Leichen, unter ihnen mein Ehemann Fuad, allesamt unschuldige Leute. Die Lautsprecher verkündeten, dass die Leichen ab 16 Uhr herabgenommen werden würden, damit der Mob sich mit ihnen auf den Strassen beschäftigen konnte. Ich kehrte nach Basra zurück, wo die Leute, darunter auch Juden, mich mieden, aus Angst, mit den sogenannten Aktivitäten meines Mannes in Verbindung gebracht zu werden.“

Morris Abdulezer, ein irakischer Jude, der heute in Kanada lebt, erinnerte sich vor einigen Jahren gegenüber der Jerusalem Post an die Nacht vor der Hinrichtung:

„Ich erinnere mich genau, wie verschreckt und verwirrt wir während des gesamten Prozesses waren und vor allem in der Nacht des 26. Januar, als das ‚Schuldig’-Urteil vom Militärrichter verkündet wurde. Wir glaubten nicht, dass die Strafe des Todes durch Erhängen vollstreckt werden würde … Wir warteten in Angst, beteten in unserem jüdischen Glauben und hofften darauf, dass die internationale Gemeinschaft in letzter Minute Druck ausüben würde, dieser Farce ein Ende zu bereiten.“

Als der Druck kam, war es zu spät. Der Druck des Auslands half indessen, darauf hinzuwirken, dass Saddam Hussein im Lauf der 1970er Jahre den verbliebenen irakischen Juden die Ausreise erlaubte. Im Juli 1971 wanderte Selima mit ihren Kindern nach Israel aus. In Or Yehuda bei Tel Aviv – wo es ein Zentrum zur Bewahrung des jüdisch-babylonischen Erbes gibt – erinnert heute ein Gedenkstein an die am 27. Januar 1969 unschuldig erhängten irakischen Männer.

(Geringfügig überarbeitete Version des Textes, der zuerst auf Audiatur Online erschienen ist.)

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