Youssef Rakha: Arabischer Frühling und arabischer Porno

Youssef Rakha

„Das Buch [‚Arab Porn‘] von Youssef Rakha läuft auf die fatalistische Einsicht hinaus, dass der Arabische Frühling letztlich auch deshalb scheitern musste, weil er lediglich die Politiker austauschen wollte, aber eine Kultur unangetastet ließ, die Gewalt als Männlichkeit wertet und Männlichkeit als Recht. Selbst die Revolutionäre glaubten, so Rakha, dass Ägypten nur von einem starken maskulinen Führer regiert werden könne. Der präpotente Steinewerfer sei das Spiegelbild des herrschsüchtigen Autokraten. Demokratische Aktivisten hätten deshalb nie eine Chance gehabt. Der Arabische Frühling habe letztlich nicht mehr bewirkt, als in Ägypten einen militaristischen Autokraten durch einen fundamentalistischen Autokraten zu ersetzen und Jemen, Libyen und Syrien in Bürgerkriege zu stürzen. Und das Medium des isolierten, machtlosen Mannes sei der Porno. Andererseits könnte das junge Genre des arabischen Internet-Pornos auch ein neues Zeitalter weiblicher Bildpolitik einleiten: ‚Sowohl der Revolutionär als auch die Pornodarstellerin begehen einen verzweifelten Akt des Ungehorsams gegen einen erdrückenden Status quo‘, schreibt Rakha. ‚Beide suchen nach der Souveränität der Psyche unter Zwang.‘

Mit dem Porno kamen in diesem Sinne auch eine neue Form der weiblichen Selbstbehauptung in den arabischen Raum: Rakha erzählt die Geschichte von Sirine, einer jungen Araberin, deren Masturbationsvideos zwar nicht die ersten ‚im arabischen Kanon‘ gewesen seien, die aber trotzdem wie ‚der Vorbote des Entstehens einer echten erotischen Demokratie im Internet‘ wirkten, weil sie ihrem Publikum die verschiedenen Formen selbstbewussten weiblichen Begehrens vorführten. Und er erzählt die Geschichte der 19-jährigen ägyptischen Studentin Aliaa Magda Elmahdy, die 2011 aus Protest gegen Gewalt, Rassismus, Sexismus, sexuelle Belästigung und Scheinheiligkeit kurz nach der gescheiterten Revolution ein Nacktfoto von sich veröffentlichte. Der Skandal, den das Foto auslöste, zwang sie im Jahr 2013 schließlich, Asyl in Schweden zu beantragen, wo sie, um die Sache im Westen weiterzuverfolgen, später Femen beitrat[.]“ (Felix Stephan: „Arabische Pornografie als politisches Instrument“)

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