Wochenbericht, 9.4. bis 15.4.2012

Die Nahostberichterstattung österreichischer Zeitungen stand in der vergangenen Woche weiter im Zeichen der Debatte über den Text „Was gesagt werden muss“, in dem der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass Israel scharf angriff, vor einem israelischen „Erstschlag“ warnte, der das iranische Volk „auslöschen“ könnte, und den jüdischen Staat der Gefährdung des Weltfriedens bezichtigte.

Allgemeiner Überblick

Insgesamt erschienen in den letzten sieben Tagen in den von MENA regelmäßig ausgewerteten Tageszeitungen 250 Beiträge mit Bezug zu den Regionen Nordafrika und Naher Osten, was im Vergleich zur Vorwoche einen leichten Rückgang von knapp über vier Prozent ausmacht, wobei allerdings zu bedenken ist, dass am Ostermontag keine Zeitungen erschienen sind. Die meisten relevanten Beiträge wurden dieses Mal wieder in der Presse veröffentlicht, wie in der folgenden Grafik zu sehen ist:

Der Blick auf die fünf Länder, die in der Berichterstattung am häufigsten genannt wurden, zeigt, dass das mediale Interesse in der vergangenen Woche recht untypisch verteilt war:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht - 16Apr12 - Tab2

In Bezug auf die Zahl der Nennungen lagen Israel, der Iran, Syrien und die Türkei auf hohem Niveau relativ knapp beieinander, während danach mit großem Abstand eine Überraschung folgt. Weder das häufig unter den Top 5 zu findende Ägypten, noch der manchmal darin vorkommende Irak folgt auf die vier „üblichen Verdächtigen“, sondern der kleine Golfstaat Bahrain. Der Grund dafür ist leicht zu identifizieren: Die Diskussionen darüber, ob das am 22. April geplante Rennen der Formel 1 zum zweiten Mal in aufeinanderfolgenden Jahren wegen der politische Instabilität im Lande abgesagt werden muss, führten dazu, dass Bahrain beispielsweise in der Kronen Zeitung in gleich vielen Beiträgen Erwähnung fand wie Syrien.

Die letztlich getroffene Entscheidung, den Grand Prix auf dem Bahrain International Circuit in diesem Jahr wie geplant am kommenden Wochenende durchführen zu wollen (Standard, 14. Apr. 2012; Kronen Zeitung, 14. Apr. 2012), birgt einige Probleme. Dabei stehen nicht unbedingt menschenrechtliche Fragen im Vordergrund – wenn der Formel 1-Zirkus das zum Kriterium für die Auswahl seiner Strecken machen würde, müsste er einige Termine aus seinem Kalender streichen, allen voran den Großen Preis, der just an diesem Wochenende im chinesischen Schanghai ausgetragen wurde.

Die Lage in Bahrain ist in doppelter Hinsicht brenzlig. Auf der einen Seite ist die Austragung des Rennens für das Regime zu einer Prestigefrage geworden – keinesfalls wollte man erneut Bahrain als Land dargestellt sehen, in dem die Sicherheit der Gäste aus der Welt des Rennsports nicht gewährleistet werden könne. Genau das macht aber auf der anderen Seite die Formel 1 zu einem Ziel der Opposition: Vor etwas mehr als einer Woche verkündete eine Dachorganisation des schiitischen Widerstandes gegen das sunnitische Herrscherhaus, dass die Teilnehmer, Sponsoren und Zuschauer des Rennens als Alliierte des Regimes betrachtet würden und warnte vor gewalttätigen Ausschreitungen. Anders als in China oder Abu Dhabi, wo die Formel 1 „nur“ Gast in einer Diktatur ist, ist sie in Bahrain selbst zu einem Element des Konflikts geworden und es besteht die Gefahr, dass ihr Gastspiel zum auslösenden Faktor einer gewalttätigen Eskalation der ohnehin angespannten Situation werden könnte.

Fortsetzung der Grass-Debatte

Das eindeutig dominierende Thema der letzten Woche war aber zweifellos erneut die Debatte, die durch die Veröffentlichung des Gedichts „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass ausgelöst worden war.

Die Woche begann mit der Meldung, dass Israel ein Einreiseverbot für Grass verhängt habe. Wolle der Schriftsteller weiterhin „seine Lügen verbreiten“, so wurde der israelische Innenminister zitiert, dann solle er das „vom Iran aus tun, wo er sicher auf ein wohlwollendes Publikum treffen wird.“ (Presse, 10. Apr. 2012) Der Schritt, der auch in Israel auf Widerspruch stieß, wurde von in österreichischen Zeitungen scharf kritisiert.

Für Hans Rauscher war er ein Beleg dafür, „was an der heutigen Konstellation in Israel unheilvoll ist“; Grass habe der religiösen Rechten einen „herrlichen Vorwand“ geliefert, „sich noch tiefer in ihrer Borniertheit einzugraben.“ (Standard, 10. Apr. 2012) Für Kurt Seinitz stellte das „Einreiseverbot für den Pöbel-Dichter eine völlig überzogene Retourkutsche“ dar, mit der Israel Grass zum Märtyrer gemacht habe. (Kronen Zeitung, 10. Apr. 2012) Die Kleine Zeitung zitierte in einer Presseschau das Urteil der spanischen Zeitung El Mundo, Grass habe seine „Autorität als moralische Instanz der europäischen Linken“ schon mit dem Eingeständnis seiner jugendlichen SS-Mitgliedschaft verloren. Seine „antisemitischen Faseleien nun als Staatsaffäre zu behandeln, ist übertrieben.“ In der gleichen Presseschau wurde auch aus der israelischen Haaretz zitiert, in deren Augen die israelische Regierung „hysterisch reagiert“ habe; ein Einreiseverbot wegen eines Gedichtes sei „eher für ein düsteres Regime wie den Iran typisch.“ (Kleine Zeitung, 10. Apr. 2012) In der Presse stellte Christan Ultsch fest: „Schwer zu sagen, was dümmer ist. Israels Einreiseverbot gegen Günter Grass oder dessen Gedicht.“ Die israelische Entscheidung sei „absurd und töricht“, weil Israel in der Lage sein sollte, auf eine „schwachsinnige Meinungsäußerung, die sich selbst disqualifiziert“, souverän zu reagieren. (Presse, 10. Apr. 2012) Grass selbst kommentierte das über ihn verhängte Einreiseverbot mit der Bemerkung, Ähnliches sei ihm bislang nur zwei Mal wiederfahren: in der DDR und in Burma. (Standard, 13. Apr. 2012; Presse, 13. Apr. 2012)

Der israelische Innenminister Eli Jischai reagierte auf die lautstarke Kritik mit der Bemerkung, sollte Grass „daran interessiert sein …, mit dem Schreiben antisemitischer Gedichte aufzuhören“, sei er bereit, sich mit dem Schriftsteller „in einem neutralen Land“ zu treffen und ihm zu erklären, warum ein ehemaliger SS-Mann „kein Recht hat, in das Land eines Volkes zu reisen, dessen Vernichtung er mitbetrieben hat.“ (Standard, 13. Apr. 2012)

Die israelische Reaktion auf das Gedicht mag insofern unklug gewesen sein, als sie Grass die Möglichkeit bot, in die Rolle des Opfers zu schlüpfen. Weshalb die israelische Entscheidung aber nicht nur auf Kritik stieß, sondern selbst bei ansonsten besonnenen Kommentatoren so heftige Emotionen auslöste, ist nicht so leicht zu erklären. Vielleicht hätte Israel das Einreiseverbot gegen Grass bereits verhängen sollen, als er nach Jahrzehnten des Schweigens bekanntgegeben hatte, in seiner Jugend bei der SS gewesen zu sein. Aber der langen Verleugnung stand damals wenigstens noch Grass‘ Reputation als jemand entgegen, der sich um die „Aufarbeitung“ der deutschen Vergangenheit verdient gemacht habe. Das fiel freilich in dem Moment weg, in dem Grass in seinem aktuellen Text Israel so vehement angriff.

Sekundärer Antisemitismus

Christian Ultsch fand es „(b)esonders ärgerlich“, dass israelische Regierungsmitglieder „Grass leichtfertig als Antisemiten, also als Judenhasser“ verunglimpfen würden, denn es gäbe „keine Zeile des Schriftstellers“, die einen solchen Vorwurf begründen würde – auch „seine neun antiisraelischen Strophen“ gäben dazu keinen Anlass. Indem Grass von israelischen Politikern des Antisemitismus geziehen werde, lüden diese „damit das in 99 Prozent der Fälle unbegründete Klischee auf, wonach Israel bei Kritik reflexartig die Antisemitismuskeule auspacke.“ (Presse, 10. Apr. 2012)

In unserem letzten Wochenbericht haben wir davor gewarnt, die Diskussion über Grass‘ Gedicht auf die Frage zu reduzieren, ob es nun antisemtisch sei oder nicht: Was Grass über Israel und den Iran sagt, ist schlicht falsch und sollte deshalb in einer rational geführten Debatte über das iranische Atomprogramm und die davon ausgehenden Bedrohungen keinen Platz haben. Unabhängig davon lässt sich Frage nach dem antisemitischen Charakter des Gedichts aber sehr wohl beantworten.

Ob es in Grass‘ bisherigem schriftstellerischen Werk Stellen gibt, die auf Antisemitismus hinweisen, mögen kompetentere Menschen beurteilen, aber bei seinen „neun antiisraelischen Strophen“ handelt es sich um ein Paradebeispiel für das, was Theodor W. Adorno und andere Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung als sekundären Antisemitismus bezeichneten.

Der sekundäre Antisemitismus ist ein Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Seine Wurzeln sind die in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus besonders ausgeprägten Bedürfnisse nach Schuld- und Erinnerungsabwehr. Juden sowie Israel als jüdischer Staat repräsentieren die ungebetene Erinnerung an den von Deutschen und Österreichern begangenen systematischen Massemord und werden so zum Ziel einer Abwehraggression. Sie werden gehasst, weil sie der Versöhnung mit der nationalen Geschichte und der Verdrängung der Schuld an den nationalsozialistischen Verbrechen im Wege stehen. Der sekundäre Antisemitismus, der Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr, kann somit treffend durch den Satz charakterisiert werden: Die Österreicher und Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.

Dieser sekundäre Antisemitismus erfährt in der „Israel-Kritik“ eine besondere Aufladung. Im Kontext der Grass-Debatte analysiert der Kommunikationswissenschaftler Maximilian Gottschlich im Kurier: „Wenn es gelingt, den Opfern und deren Nachkommen Schuld zuzuschreiben, indem man sagt, ihr seid auch nicht besser als die Täter von damals, entlastet man sich selbst vom Gewicht der historischen Verantwortung. Wenn man den Opfern von damals, repräsentiert durch den Staat Israel, unterstellt, dass sie genauso schlecht sind wie die Nazis, führt das zu einer Einebnung des moralischen Gefälles zwischen Opfern und Tätern. Das ist der Kern des Antisemitismus in der Israel-Kritik.“ (Kurier, 15. Apr. 2012)

Wie bereits erwähnt, ist das Gedicht von Günter Grass ein Paradebeispiel für die eben beschriebenen Mechanismen. Wesentlich ist die gleich mehrfache Täter-Opfer-Umkehr: Indem er den Iran zum Opfer israelischer Aggression macht, wird der Staat der Juden in die Täterrolle gedrängt. Indem er vom israelischen „Erstschlag“ spricht, der das iranische Volk „auslöschen“ könnte, beschuldigt er, das ehemalige Mitglied der verbrecherischen Waffen-SS, die Israelis präventiv eines herbei fantasierten „Verbrechens“. Peter Michael Lingens weist im aktuellen profil darauf hin, wie auf diese Weise die eigene Schuld relativiert wird: Wenn Israel heute das iranische Volk „auslöschen“ und damit in die Fußstapfen der völkermordenden Nazis treten würde, würde das die Tätergeneration von damals gleich doppelt entlasten: „(Z)um einen, weil ihr Fehlverhalten dann keineswegs einmalig wäre – zum anderen, weil die Juden dann eben doch, wie Kreisky schon sagte, ein ‚mieses Volk‘ sind. … Wenn Israel bereit ist, das iranische Volk atomar auszulöschen, dann kann es nicht ganz so schlimm sein, dass Deutschland bereit war, das jüdische Volk zu vergasen.“ (profil Nr. 16/2012) Die Täter-Opfer-Umkehr wird schließlich vollendet, wenn Grass „uns“ als zukünftige „Überlebende“ eines vom Staat der Juden ausgelösten Nuklearkrieges bezeichnet und damit einen Begriff verwendet, der historisch auf die Shoah verweist und historisch ganz eindeutig konnotiert ist.

Dass Grass‘ Schilderung der Lage im Nahen Osten mit der Realität kaum etwas zu tun hat, sollte vor diesem Hintergrund nicht überraschen. Ist sein Gedicht wesentlich Ausdruck einer sekundär-antisemitischen Abwehraggression, so ist diese, wie andere Formen des Antisemitismus auch, gegen Fakten weitgehend resistent. Der Antisemitismus ist, wie Maximilian Gottschlich schreibt, „selbst der Grund, der sich die Tatsachen sucht, mit denen er operiert.“ (Das Zitat findet sich im Vorwort zu Maximilian Gottschlichs Buch „Die große Abneigung. Wie antisemitisch ist Österreich?“, das zwar kurz vor dem Grass-Gedicht erschienen ist, sich aber dennoch passagenweise wie dessen Analyse liest.)

Für die Diskussion über das iranische Atomwaffenprogramm reicht es aus, auf die groteske Verzerrung der Realität in der Darstellung von Günter Grass hinzuweisen. Will man aber die Motivation verstehen, die hinter diesem getrübten Blick auf die Wirklichkeit steht, so ist man gezwungen, sich mit den irrationalen Niederungen des sekundären Antisemitismus zu beschäftigen, ohne den sich nicht erklären lässt, wie um alles in der Welt Grass so gründlich danebenhauen konnte.

Neue Verhandlungen mit dem Iran

Israel war in der vergangenen Woche aber nicht nur wegen der anhaltenden Grass-Debatte prominent in den Zeitungen vertreten, sondern auch wegen der am Samstag in Istanbul stattgefundenen Verhandlungsrunde zwischen der so genannten 5+1-Gruppe, also den Vetomächten im UN-Sicherheitsrat sowie Deutschland, und dem Iran. Wie nicht anders zu erwarten, ging das Treffen ohne konkrete Ergebnisse zu Ende, sieht man davon ab, dass im Mai in Bagdad weitere Verhandlungen über das iranische Atomprogramm vereinbart wurden. Das wurde von der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton prompt als „Erfolg“ der Gespräche gewertet (Presse, 15. Apr. 2012) und darin ist sie sich sicherlich mit den iranischen Verhandlungsführern einig. Denn wenn es etwas gibt, was das iranische Regime im Hinblick auf sein Atomwaffenprogramm mehr braucht als alles andere, dann ist das Zeit. Jeder Monat, in dem der Iran seinem Ziel näher kommen kann, während er sich relativ sicher sein kann, dass ein Angriff auf seine Nuklearanlagen nicht unmittelbar bevorsteht, ist für ihn Goldes wert. Nachdem im Vorfeld der Verhandlungen von westlicher Seite öfters zu hören war, dass es bei den Gesprächen um die Verhinderung eines israelischen Militärschlages geht – und nicht etwa um die Verhinderung der iranischen Bombe –, kann Irans Chef-Verhandler Saeed Jalili mit der Vertagung in den Mai bestens leben. Dann wird man sich in Bagdad treffen, das „konstruktive“ Klima der Gespräche loben und sich wieder vertagen…


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