Wochenbericht, 5.12. bis 11.12.2011

Im Vergleich zur Vorwoche ging die Berichterstattung über den Nahen Osten in den von MENA regelmäßig ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen von insgesamt 184 auf 130 veröffentlichte Beiträge zurück; das bedeutet ein Minus von fast 30 Prozent. Dieser Rückgang in absoluten Zahlen wurde von einem deutlichen geografischen Fokuswechsel begleitet.

Bei der quantitativen Analyse der Berichterstattung dieser Woche ergibt sich folgende Verteilung auf die von MENA regelmäßig ausgewerteten Tageszeitungen:

Die im Vergleich bemerkenswerteste Veränderung ist eindeutig der Rückgang der im Standard veröffentlichten Beiträge von 61 in der Vorwoche auf nur 27 in dieser Woche. Diese massive Verminderung der Zahl, die nur zum Teil mit dem weitgehenden Fehlen von Artikeln der leitenden Außenpolitikredakteurin, Gudrun Harrer, erklärt werden kann, war der Hauptfaktor des großen Rückganges der insgesamt publizierten Beiträge. Aber auch bei der Kleinen Zeitung (minus 35 Prozent) und dem Kurier (minus 25 Prozent) war eine deutliche Verminderung der Zahl der Beiträge zum Nahen Osten zu bemerken, während es bei Presse und Kronen Zeitung keine nennenswerten Veränderungen zur Vorwoche gab. (Bei diesen Zahlen ist in Betracht zu ziehen, dass Standard und Presse aufgrund des Feiertages ein Mal weniger als üblich erschienen sind.) Nach Artikelarten sortiert dominierten mit einem Anteil von 40,8 Prozent wieder Berichte (zuletzt 38,6), gefolgt von Kurzmeldungen mit 33,8 Prozent (zuletzt 24,5) und Kommentaren mit 6,9 Prozent (zuletzt noch 9,2).

Wie bereits erwähnt, war neben dem Rückgang der Zahl der veröffentlichten Beiträge auch eine deutliche geografische Akzentverschiebung zu bemerken:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht Dez11 Tab2

Lag der Fokus der Berichterstattung zuletzt eindeutig auf den Entwicklungen in Ägypten rund um die wieder aufgeflammten Proteste am Tahrir-Platz und dem Beginn der Parlamentswahlen mit dem unerwartet guten Abschneiden der Salafisten, so stand in dieser Woche Syrien mit mehr als einem Viertel aller Beiträge klar im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Und anders als zuvor, als in einer Vielzahl der Artikel das Land nur am Rande der Berichterstattung über den Bestechungsskandal bei der Banknotendruckerei der Österreichischen Nationalbank erwähnt wurde, ging es diesmal vermehrt um die Vorgänge in Syrien selbst: um Meldungen über durch Regierungstruppen verübte Massaker (Standard, 7. Dez. 2011; Presse, 7. Dez. 2011; Kurier, 11. Dez. 2011), um den Versuch der Oppositionsgruppen, im Ausland Ansprechpartner zu finden (Standard, 5. Dez. 2011; Kurier, 10. Dez. 2011) sowie um das bizarre Interview des amerikanischen Fernsehsenders ABC mit Bashar al-Assad, in dem der Diktator erklärte, nur Verrückte würden auf ihr eigenes Volk schießen, und allen Ernstes die Gewalt in seinem Land als einige wenige Übergriffe zu verniedlichen versuchte (Presse, 9. Dez. 2011). Wie die Kronen Zeitung berichtete, wurde Assads Auftritt vom US-Außenministerium mit der kurzen Bemerkung quittiert, Assad leide entweder unter Realitätsverlust oder sei verrückt. (9. Dez. 2011).

Ein Nebeneffekt der prominenten Stellung Syriens ist, dass die Türkei zu dem am zweithäufigsten genannten Land der medialen Berichterstattung dieser Woche wurde, waren es doch wieder türkische Politiker, die ihre Kritik am syrischen Regime und an dessen Vorgehen gegen die Opposition zum Ausdruck brachten (Standard, 10. Dez. 2011). Abgesehen davon geriet die Türkei ob ihrer Behandlung von Journalisten wieder einmal selbst ins Visier internationaler Proteste (Standard, 9. Dez. 2011).

Rang drei ging diese Woche mit 13,8 Prozent der Nennungen an den Iran. Während es um dessen Fortschritte bei der Entwicklung von Nuklearwaffen nach der Veröffentlichung des jüngsten IAEO-Berichts schnell wieder genauso still geworden ist, wie um die Stürmung zweier britischer Einrichtungen in Teheran durch regimeloyale Mobs vorige Woche, machte das islamistische Regime diesmal mit dem angeblichen Abschuss einer modernen amerikanischen Aufklärungsdrohne von sich reden, die von Revolutionsgardisten im iranischen Fernsehen präsentiert wurde (Presse, 10. Dez. 2011; Kleine Zeitung, 10. Dez. 2011).

Öfter als zuletzt waren in österreichischen Zeitungen Berichte über Staaten am Persischen Golf zu finden. Das hatte einerseits mit dem Vorhaben des Staatsfonds von Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) zu tun, seinen Anteil am österreichischen Mineralölkonzern OMV zu vergrößern und eine Sperrminorität zu erlangen – manche Beobachter fürchten bereits, dies könnte, wie zuletzt beim spanischen Ölkonzern Cepsa, binnen kurzer Zeit auf eine Übernahme der OMV hinaus laufen (Presse, 9. Dez. 2011). Andererseits zeigte sich anhand der bevorstehenden Premiere des neuesten Teils von „Mission: Impossible“, welch große Werbewirksamkeit es haben kann, als Drehort für einen Blockbuster zu fungieren – gleich mehrere Zeitungen berichteten über die Dreharbeiten zu diesem Film am höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai.

Abschließend fand noch ein Land Eingang in die Berichterstattung, über das hierzulande nur selten zu lesen ist: Bei der Explosion einer am Straßenrand deponierten Bombe wurden fünf französische Blauhelmsoldaten im Südlibanon verletzt. Auch wenn keine Österreicher zu Schaden kamen, rief der Anschlag die Gefährdung durch Terroranschläge für jene österreichischen Blauhelme in Erinnerung, die unlängst ihren Dienst im Rahmen der UNIFIL-Mission im Südlibanon antraten (Kurier, 10. Dez. 2011; Kronen Zeitung, 11. Dez. 2011).

 

Folgende Beiträge sind im Laufe der letzten Woche auf www.mena-watch.com erschienen:

Wochenbericht, 28.11. bis 4.11.2011

Nicht für einen Gottesstaat? Zur Presse-Berichterstattung über den Wahlerfolg der Salafisten in Ägypten (6. Dez. 2011)

Kaum eine seriöse Quelle. Blogeintrag über die Kleine Zeitung, die sich ohne weitere Erläuterung auf den Propagandasender al-Manar der Hisbollah im Libanon beruft (5. Dez. 2011)

Wer hätte das gedacht? Blogeintrag über Saudi-Arabiens mögliches Atomrüstungsprogramm (7. Dez. 2011)

Jerusalem, Israel. Blogeintrag über eine Pilgerreise, die in Jerusalem endete, ohne jemals durch Israel gegangen zu sein (8. Dez. 2011)

 


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