WOCHENBERICHT, 31.12. BIS 6.1.2013

I. Allgemeiner Überblick

In der vergangenen Woche erschienen in den von MENA regelmäßig ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen insgesamt 199 Beiträge mit Bezug zu Nordafrika und dem Nahen Osten:

Auffällig daran ist die hohe Zahl an relevanten Artikeln, die in derKronen Zeitung veröffentlicht wurde. Verantwortlich dafür war unter anderem eine Geschichte, der in einer Boulevardzeitung naturgemäß viel Platz eingeräumt wurde: Allein sechs Beiträge befassten sich mit jenem Österreicher, der während eines Aufenthalts zum Sprachstudium im Jemen zusammen mit zwei Finnen entführt wurde. (Zum Vergleich: Im Standard war in den letzten sieben Tagen darüber gar nichts zu lesen, der Kurierberichtete zwei Mal über die Geschichte, die Presse und die Kleine Zeitung je ein Mal.)

Folgenden Ländern wurde in der Berichterstattung am meisten Interesse entgegengebracht:

II. Fatah feiert Geburtstag – und huldigt einem Nazi-Kollaborateur

Zum ersten Mal seit 2007 erlaubte die den Gazastreifen regierende Hamas ihrer inner-palästinensischen Konkurrenz von der Fatah, im Gazastreifen öffentlich zu demonstrieren. Anlass war der 48. Jahrestag der Gründung der Fatah, der am vergangenen Freitag in Gaza mit einer Massenkundgebung zelebriert wurde. Ein Sprecher der Hamas bezeichnete die Kundgebung in Gaza als einen „Schritt auf dem Weg, eine nationale Einheit zu erreichen.“ (Presse, 5. Jän. 2013) Wie die Presse berichtete, nahmen an der Kundgebung auch „ranghohe Berater von Palästinenserpräsident und Fatah-Chef Mahmoud Abbas teil“, Abbas selbst blieb aber im Westjordanland. (Ebd.)

Allerdings, und darüber wurde in österreichischen Medien nicht berichtet, lies der hierzulande stets als „moderat“ und „an einer Friedenslösung interessiert“ bezeichnete Abbas es sich nicht nehmen, eine Videoansprache zum Fatah-Jubiläum beizusteuern. Darin rühmte er einige Palästinenser, die sich in den vergangenen Jahrzehnten im Kampf gegen Israel hervorgetan hatten, darunter die ehemaligen Hamas-Führer Achmed Yassin und Abdel Aziz Rantisi – sowie Haj Amin al-Hussein, den ehemaligen Mufti von Jerusalem, den Abbas als „großen Mann“ würdigte, der den Palästinensern als Vorbild dienen sollte.

Bei dem von Abbas zur Nachahmung empfohlenen al-Husseinihandelte es sich um jenen Mann, der „eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des modernen Antisemitismus im arabischen Raum“ spielte. Dem Historiker Bernard Lewis zufolge war al-Husseini der „führende Architekt“ der im Laufe des Zweiten Weltkrieges „zustande gekommenen Allianz zwischen dem deutschen Nationalsozialismus, dem italienischen Faschismus und dem arabischen Nationalismus“, dem es um einen „Heiligen Krieg des Islams im Bündnis mit dem Deutschen Reich“ ging, „um die Endlösung des Judenproblems weltweit zu verwirklichen.“ Als Gast der Nazi-Führung in Berlin leistete al-Husseini, der unzweifelhaft wichtigste Führer der palästinensischen Araber in jener Zeit, seinen ganz persönlichen Beitrag zur nationalsozialistischen Judenvernichtung. Seine diesbezüglichen ‚Leistungen‘ bestanden unter anderem darin, im Dienste der Nazis in Bosnien muslimische SS-Verbände aufzustellen, sich persönlich bei deutschen und ausländischen Stellen dafür einzusetzen, dass auch noch das letzte jüdische Kind aus dem von den Deutschen besetzten Europa in die Gaskammern der NS-Vernichtungslager deportiert werden sollte und maßgeblich daran beteiligt zu sein, eine islamisierte Version der antisemitischen Nazi-Propaganda per Radio in die arabische Welt auszustrahlen. (Sehen Sie dazu die hervorragende Arbeit „Nazi Propaganda for the Arab World“ von Jeffrey Herf.)

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wen der „gemäßigte“ Mahmud Abbas seinen Landsleuten als Vorbild ans Herz legt, hier ein Auszug aus einer Rede al-Husseinis anlässlich des Jahrestages der Balfour-Deklaration, gehalten im Jahre 1943, als die NS-Vernichtungsmaschinerie in vollem Gang war: „Die Araber haben tatsächlich durch die Juden ein großes Unheil erlitten! … Diese Volk, welches die Welt seit altersher geplagt hat, ist der Feind der Araber und des Islams seit dessen Bestehen. … Deutschland kämpft auch gegen den gemeinsamen Feind, der die Araber und Mohammedaner in ihren verschiedenen Ländern unterdrückte. Es hat die Juden genau erkannt und sich entschlossen, für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt beilegen wird.“

Nach der Niederlage der Nationalsozialisten setzte sich al-Husseini nach Ägypten ab, um von dort den kaum unterbrochenen Kampf gegen das „Weltjudentum“ wieder aufzunehmen – jetzt ging es darum, die Entstehung Israels zu verhindern und die dorthin geflohenen Juden „ins Meer zu treiben“, wie man das in den Kreisen des Ex-Muftis zu nennen pflegte.

Ein fanatischer Antisemit und eifriger Nazi-Kollaborateur ist es also, dem der angeblich „moderarte“ Mahmud Abbas als „großen Mann“ huldigt, der den Palästinensern ein Vorbild sein sollte.

III. Mursi: „Abkömmlinge von Affen und Schweinen“

Als al-Husseini im Mai 1946 nach Ägypten kam, wurde er vor allem von den ägyptischen Muslimbrüdern frenetisch empfangen. Einer derjenigen, die über die Ankunft al-Husseinis in Kairo besonders erfreut waren, war niemand geringerer als Hassan al-Banna, der Gründer der Muslimbrüderschaft. In einer Rede erklärte er: „Oh Amin! What a great, stubborn, terrific, wonderful man you are! All these years of exile did not affect your fighting spirit. Hitler’s and Mussolini’s defeat did not frighten you. … Yes, this hero who challenged an empire and fought Zionism, with the help of Hitler and Germany. Germany and Hitler are gone, but Amin Al-Husseini will continue the struggle.”

Ganz in diesem Geiste al-Husseinis und al-Bannas stehen die Ansichten, die Ägyptens heutiger Präsident, der Muslimbruder Mohammed, im Jahre 2010 in einem jetzt aufgetauchten Video über Israel und die Juden zum Besten gab: Die „Zionisten“ seien „Blutsauger“, die die Palästinenser attackieren würden; sie seien „Kriegstreiber“ und „Abkömmlinge von Affen und Schweinen“, gegen die „alle Formen des Widerstandes“ angewendet werden müssten – vom „militärischen Widerstand im Land Palästina“ bis zum Boykott Israels und der Unterstützung der Kämpfer aus dem Ausland. Das sei die Aufgabe der Muslime und der Araber. Kein arabisches oder muslimisches Volk solle Kontakte zu den „kriminellen Zionisten“ pflegen; sie müssten „aus unseren Ländern vertrieben werden“; Verhandlungen mit Israel müssten „ein für allemal“ beendet werden. Der „Widerstand“, also der unablässige Terror und Krieg gegen Israel, sei der „einzige Weg zur Befreiung des palästinensischen Landes.“ In „Palästina“ sei jedenfalls „kein Platz“ für Zionisten.

Dass Mursi mit seinen eigenen Worten unter Beweis gestellt hat, dass er ein Antisemit ist, dessen Hass auf Israel und die Juden sich kaum von dem des palästinensischen Nazis al-Husseinis unterscheidet, war den österreichischen Medien bislang keine Meldung wert. Schließlich will man ja immer noch an der Illusion festhalten, dass Mursi und seine Muslimbrüder „gemäßigte Islamisten“ seien, die sogar zu Frieden und Stabilität in der Region beitragen könnten.

IV. Kein Antisemitismus, nirgends.

Das hat auch damit zu tun, dass es heutzutage fast unmöglich geworden ist, sich so zu verhalten, dass man von deutschsprachigen Journalisten als Antisemit gesehen wird. Karl Gaulhofer schrieb beispielsweise in der Presse einen Kommentar über den Fall Jakob Augstein – einige Aussagen des deutschen Journalisten haben es auf eine Liste des Simon-Wiesenthal-Centers (SWC) über die wichtigsten antisemitischen und anti-israelischen Ausfälle des Jahres 2012 geschafft, was wiederum in deutschen Medien eine heftige Debatte ausgelöst hat. (Anders als oft behauptet, hat das SWC Augstein nicht als einen der „schlimmsten Antisemiten der Welt“ bezeichnet, sondern eben nur einige Wortmeldungen von ihm in diese Liste der „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ aufgenommen. Es ist, als ob jemand einen Jahresrückblick mit den zehn schönsten Fußballtoren des Jahres erstellt hätte, und daraufhin immer wieder behauptet wird, es sei eine Liste der zehn besten Fußballer weltweit gewesen. So einfach der Unterschied ist, so hartnäckig wird er ignoriert – was an sich schon ein bezeichnendes Licht auf die Art wirft, in der die Debatte in Deutschland geführt wird.)

Gaulhofer attestierte nun Augstein in der Presse, dass dieser „recht oft und leicht obsessiv“ über Israel herfalle und seine Meldungen „im Ton scharf und im Inhalt zuweilen überzogen“ seien. Dennoch seien Augsteins Angriffe auf Israel „frei von antisemitischen Vorurteilen“. (Presse, 5. Jän. 2013) Ratlos bleibt man als Leser zurück und fragt sich: Wenn sogar Gaulhofer Augsteins Fixierung auf Israel als „leicht obsessiv“ bezeichnet, um welche Obsession soll es sich denn dabei handeln?

Ein ähnlicher Fall fand sich am Wochenende in einem Bericht imStandard. „Die Neocons nehmen einen Republikaner ins Visier“ lautete die Überschrift zu Frank Herrmanns Artikel über Chuck Hagel, der zu diesem Zeitpunkt als heißer Tipp für die Nominierung zum neuen US-Verteidigungsminister galt. Hagel war in den USA in die Kritik geraten, u. a. weil er sich in der Vergangenheit stets gegen Sanktionen gegen den Iran ausgesprochen hatte, die libanesische Hisbollah von der US-Terrorliste streichen wollte und schon seit Jahren dafür plädierte, dass die USA mit der islamistischen Terrororganisation Hamas in Kontakt treten sollten. Die Kritik an Hagel kam übrigens, anders als von Hermann behauptet, keineswegs nur von „Neocons“ – viele republikanische und selbst einige demokratische Abgeordnete sprachen sich gegen Hagels Nominierung aus.

Der Vorwurf, Hagel sei ein Antisemit, gehe laut Herrmann auf einige Sätze Hagels aus dem Jahr 2008 zurück, als er gesagt habe, dass „die jüdische Lobby eine Menge Leute hier oben [im Kongress, Anm.] einschüchtert“. Herrmann setzte fort: „Die Wortwahl war falsch: Zweifellos gibt es eine proisraelische Lobby, sie besteht aber keineswegs nur aus Juden.“ (Standard, 5./6. Jän. 2013)

Wieder kann man sich nur wundern: Es stimmt, dass Sympathie für Israel in den USA keineswegs nur auf jüdische Organisationen beschränkt ist. Wenn Hagel trotzdem explizit über den Einfluss der „jüdischen Lobby“ in Washington sprach und ihm deshalb der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wird, wie kann Herrmann dann einfach behaupten, bloß „die Wortwahl war falsch“, abgesehen davon aber Hagel gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nehmen? Herrmann kommt offenbar gar nicht auf den Gedanken, dass Hagels Geraune über eine „jüdische Lobby“ genau das sein konnte, wonach es klang: eine antisemitische Verschwörungstheorie.

Das ist der Stand in der Debatte über „Israelkritik“: Wenn jemand „obsessiv“ über Israel herzieht, wird erklärt, er sei zweifelsohne „frei von antisemitischen Vorurteilen“; wenn sich jemand über den Einfluss einer „jüdischen Lobby“ beklagt, wird man von Journalisten belehrt, dass sich darin keineswegs antisemitisches Ressentiment Bahn bricht, sonders es bloß ein Fehler in der Wortwahl war: Eigentlich hätte es „israelische Lobby“ heißen müssen – und nur weil man die kritisiere, sei man ja noch lange kein Antisemit. Eine der wenigen vernünftigen Stimmen in der deutschen Debatte über Augstein hat die aktuelle Lage treffend zusammengefasst: „Egal wie stereotyp die heutige Israelkritik daherkommt, sie ist angeblich immer frei von Antisemitismus. … Keines der uralten Klischees über die Juden als heimliche Drahtzieher, Weltenherrscher, Unfriedenstifter und Kindermörder, als Krebsgeschwür der Menschheit gilt als antisemitisch, sobald es sich auf Israel bezieht. Die Israelkritik heute … etikettiert sich selbst stets als Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien: eben ganz ohne Antisemitismus.“


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