Wochenbericht, 28.11. bis 4.12.2011

Auch in der vergangenen Woche war der Nahe Osten in der Berichterstattung österreichischer Medien überaus präsent. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Nach wie vor laufen in mehreren arabischen Ländern zum Teil weitreichende Umwälzungsprozesse ab, die in der medialen Berichterstattung ihren Niederschlag finden.

Eine quantitative Analyse der im Verlauf der letzten Woche erschienenen Beiträge ergibt folgendes Bild: Insgesamt publizierten die fünf von MENA regelmäßig ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen 184 Beiträge zu Nordafrika und dem Nahen Osten:

 

In absoluten Zahlen gesehen widmete der Standard dem Nahen Osten am meisten Aufmerksamkeit, gefolgt vom Kurier und der Presse, die beinahe gleichauf lagen. Das Schlusslicht bildete die Kronen Zeitung. Wie so oft erlauben die absoluten Zahlen allerdings nur ein oberflächliches Bild, denn wirft man einen etwas genaueren Blick auf die Zusammensetzung der Daten, so fällt auf, dass die 25 Beiträge der Kleinen Zeitung zehn Kurzmeldungen, zwei Filmtipps sowie vier Reisetipps, aber nur acht ausführlichere Berichte beinhalteten. Unter den 19 Beiträgen der Kronen Zeitung fanden sich dagegen nur drei Kurzmeldungen und zwei Reisetipps, aber 13 ausführlichere Berichte.

Nach Artikelarten sortiert waren 38,6 Prozent der Beiträge in den fünf Tageszeitungen Berichte (insgesamt 71), 24,5 Prozent Kurzmeldungen (45 an der Zahl) sowie 9,2 Prozent Kommentare (in absoluten Zahlen 17). In Bezug auf die Kommentare stach besonders der Standard hervor, der mit neun für mehr als die Hälfte aller Kommentare verantwortlich zeichnete.

Analysiert man die veröffentlichten Beiträge nach den darin erwähnten Ländern, erhält man folgendes Bild:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht Dez5 Tab2

Zum Teil liegt der Grund für diese Verteilung auf der Hand, zum Teil ist sie erläuterungsbedürftig. Beginnen wir mit den Selbstverständlichkeiten.

Dass Ägypten das Land war, das in der medialen Berichterstattung am häufigsten erwähnt wurde (in 21,7 Prozent aller eindeutig zuordenbaren Beiträge), ist nicht erstaunlich: Das Wiederaufleben der Proteste am Tahrir-Platz in Kairo in der Woche zuvor und die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, der Beginn der Parlamentswahlen am Montag sowie das noch alle Vorhersagen übertreffende gute Abschneiden der Islamisten bei diesen Wahlen waren unzweifelhaft die beherrschenden Themen der Woche. Insbesondere der letzte Punkt wird längerfristige Folgen haben und die Entwicklung Ägyptens in der nächsten Zukunft maßgeblich prägen. Dass die Islamisten unter Führung der Muslimbruderschaft die eindeutigen Gewinner der Wahlen sein würden, wurde allgemein erwartet; dass sie zusammen mit den noch weit radikaleren Salafistenparteien in einzelnen Wahlkreisen bis zu 70 Prozent der Stimmen „abräumen“ (Standard, 3. Dezember 2011) konnten, war dennoch eine Überraschung. Es bleibt zu hoffen, dass diese Ergebnisse bei all jenen Kommentatoren einen gründlichen Nachdenkprozess auslösen, die seit Beginn des Jahres ihren Lesern immer wieder einzutrichtern versuchten, das nichts auf die Islamisten als die letztlich großen Profiteure der Aufstände in der arabischen Welt hinweisen würde. Wahrscheinlich ist so ein Nachdenken aber nicht, denn es zeichnet sich bereits ab, wie diese Kommentatoren der Realitätsprüfung ihrer falschen Prophezeiungen entgehen werden: Angesichts des Erfolgs der Salafisten werden sie ihre Anstrengungen noch verstärken, die Muslimbrüder als „moderate“ Islamisten darzustellen, über deren Erfolg man sich eigentlich freuen sollte. Nun mögen die Muslimbrüder im Vergleich mit den Salafisten tatsächlich „moderater“ auftreten – aber eben auch nur in genau dieser einen Perspektive. Abgesehen davon ist das Argument in etwa so absurd, wie wenn man sich in Deutschland über Erfolge der rechtsextremen NPD freuen sollte, nur weil es noch weit radikalere Neonazis gibt.

Auch der zweite Platz der eindeutig zuordenbaren Artikel der letzten Woche für den Iran (19,6 Prozent aller Beiträge) ist alles andere als überraschend: Die Erstürmung zweier britischer Einrichtungen in Teheran, darunter die britische Botschaft, durch einen regimetreuen Mob musste zwangsläufig für Schlagzeilen sorgen. Wundern konnte man sich schon eher darüber, dass in diesem Zusammenhang in mehreren Medienberichten, der iranischen Propaganda folgend, von „iranischen Studenten“ und von der Botschaftsstürmung als „Proteste(n) der Studenten“ (Kleine Zeitung, 1. Dezember 2011) die Rede war. Nicht nur ist die Vorstellung absurd, im Iran könnte jemand unter den Augen der Polizei eine Botschaft stürmen, wenn er nicht zumindest von Teilen des Regimes in dem Unterfangen unterstützt oder dazu aufgefordert wurde. Die Bezeichnung der Gewalttäter als „Studenten“ ist darüber hinaus insofern obszön, als es sich bei ihnen, wie selbst die iranische Nachrichtenagentur nicht verschwieg, um Angehörige der „regierungstreue(n) Bassij-Milizen“ (Standard, 30. November 2011) handelte – und damit genau um die Schläger und Mörder, die im Sommer 2009 die Proteste jener Studenten (ohne Anführungszeichen) blutig niederschlugen, die gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen auf die Straßen gingen.

Platz drei der Nennungen für Syrien mit 15,2 Prozent der Beiträge (28 in absoluten Zahlen) erscheint auf den ersten Blick ebenso nachvollziehbar, dauerte der brutale Feldzug des Assad-Regimes gegen die Opposition auch in der letzten Woche unvermindert an. Die Vereinten Nationen gehen mittlerweile von über 4000 Getöteten aus (Kronen Zeitung, 3. Dezember 2011). Doch täuscht die relativ große Zahl an Beiträgen darüber hinweg, dass Syrien in acht der insgesamt 28 Artikel nur im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre bei der Banknotendruckerei der Österreichischen Nationalbank Erwähnung fand; bei elf der Beiträge handelte es darüber hinaus nicht um ausführlichere Berichte, sondern nur um Kurzmeldungen oder bloße Teaser für andere Artikel. Insgesamt hat sich somit am Trend nicht viel geändert, dass die Berichterstattung über Syrien angesichts dessen, was sich dort seit Monaten abspielt, bemerkenswert zurückhaltend ist.


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