Wochenbericht, 26.12. bis 1.1.2012

Die Berichterstattung österreichischer Medien über den Nahen Osten blieb zum Jahresende 2011 auf dem zahlenmäßig hohen Niveau der Vorwoche. Wie bereits vor drei Wochen, war es diesmal wieder die Presse, die am meisten über die Region zu berichten hatte. Der Schwerpunkt der Berichterstattung lag in den von MENA regelmäßig ausgewerteten Medien eindeutig auf den aktuellen Entwicklungen in Syrien. Aber auch ein anderer Schauplatz verdient unsere Aufmerksamkeit – in zumindest einem österreichischen Medium scheint ein realistischerer Blick auf die Türkei unter der islamistischen AKP Platz zu greifen.

Zum Abschluss eines Jahres, das zweifelsohne maßgeblich von den Revolten und Revolutionen in mehreren arabischen Staaten geprägt war, ergab die Berichterstattung über den Nahen Osten diese Woche quantitativ betrachtet folgendes Bild:

Wie nicht anders zu erwarten war, blieb das große Interesse, das österreichische Medien jüngst am Irak zeigten, ein kurzfristiges Phänomen. Handelten in der Vorwoche noch 22,2 Prozent der erschienenen Beiträge von den aktuellen Vorgängen im Zweistromland, so waren es in dieser Woche nur mehr 12,3 Prozent, und das, obwohl mehrere Zeitungen den Jahreswechsel zum Anlass nahmen, um zum offiziellen Ende des Irak-Einsatzes der amerikanischen Armee noch einmal eine Bilanz über den Krieg seit 2003 zu ziehen. (Kleine Zeitung, 30. Dez. 2011; Standard, 30. Dez. 2011)

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht - Jan1 2012 - Tab2

Der Schwerpunkt des medialen Interesses lag in dieser Woche auf Syrien, das im Zentrum von 25,6 Prozent aller zum Nahen Osten publizierten Beiträge stand. Ausschlaggebend für diese Aufmerksamkeit war die Ankunft der ersten Mitglieder der Beobachtermission der Arabischen Liga, die damit begannen, sich in Syrien ein Bild der Lage zu machen. (KURIER, 28. Dez. 2011) Allerdings hatte die Beobachtermission, mit der Zeitungsberichten zufolge große Hoffnungen auf eine Entspannung der Situation im Lande verbunden waren, einen äußerst holprigen Start. Für Unmut sorgte u. a. die Enthüllung, dass es sich beim Leiter der Delegation der Arabischen Liga ausgerechnet um einen sudanischen General und engen Weggefährten des wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschheit international gesuchten sudanesischen Präsidenten handelte, der im Verdacht steht, selbst am Massenmord in Darfur beteiligt gewesen zu sein. (Standard, 30. Dez. 2011; Presse, 29. Dez. 2011) Dass dieser Mann mit seinen für seine Aufgabe in Syrien höchst zweifelhaften „Qualifikationen“ nach einem Lokalaugenschein in Homs verkündete, „einige Plätze sehen ein bisschen durcheinander aus, aber ansonsten gibt es nichts Beängstigendes“ (Standard, 29. Dez. 2011), und hinzufügte, im Übrigen sei die Lage ruhig, gab der ohnehin vorhandenen Skepsis über die Beobachtermission weitere Nahrung. (Standard, 30. Dez. 2011)

Nach wie vor konstanter Fixpunkt der Berichterstattung ist Ägypten, wenngleich die Anfang des Jahres vorherrschende Begeisterung über die Revolte gegen Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak langsam aber sicher einer weit nüchterneren Bewertung der Entwicklungen Platz zu machen scheint. Je mehr Ergebnisse vorliegen, desto deutlicher wird der überwältigende Wahlsieg der Islamisten bei den Parlamentswahlen; die Sicherheitskräfte kümmern sich bei der Behandlung von Demonstranten unverändert wenig um grundlegende Menschenrechte (Kronen Zeitung, 29. Dez. 2011) und der regierende Militärrat überzieht Menschenrechtsorganisationen und andere NGOs, darunter die deutsche „Konrad Adenauer Stiftung“, mit einer Welle der Repression (Presse, 31. Dez. 2011; Standard, 31. Dez. 2011).

Am dritthäufigsten wurde diese Woche über die Türkei berichtet, und hier scheint sich langsam aber sicher eine Wende in der Berichterstattung abzuzeichnen. Während einige kritische Beobachter die Entwicklung der Türkei unter den Islamisten der AKP mit Premierminister Erdogan schon seit geraumer Zeit mit großer Sorge betrachten, konnte sich das Land unter westlichen Journalisten lange Zeit einer großen Popularität erfreuen – ungezählt allein all die Male, in denen die Türkei im Laufe des Jahres als großes Vorbild der Umwälzungen in der arabischen Welt gepriesen wurde. Doch mit der Zeit scheint sich auch bei manchen westlichen Journalisten die Erkenntnis durchzusetzen, dass vielleicht doch nicht alles so rosig ist, wie sie es lange Zeit sehen wollten. Als Beispiel dafür können die Artikel von Markus Bernath dienen, der seit einigen Monaten als Türkei-Korrespondent des Standard aus Istanbul berichtet. Waren seine Beiträge anfänglich noch von einer, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt überbordend kritischen Haltung geprägt, so wird ihr Tonfall zusehends desillusionierter.

Vor knapp zwei Wochen erst analysierte er die Kennzeichen der neuen türkischen Außenpolitik als „drohen, auf den Tisch hauen, in selbst zuerkannter Größe schwelgen.“ (Standard, 20. Dez. 2011) Und diese Woche sah er sich unter dem Eindruck einer erneuten Verhaftungswelle gegen Journalisten und dem Beginn eines „Schauprozess(es)“ gegen 13 weitere Berufskollegen und einen Schriftsteller in Istanbul zu der Feststellung gennötigt: „Im zehnten Jahr an der Macht hat die konservativ-muslimische Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) das Land in einen bösen Verdacht gebracht: Die Türkei wird autoritär.“ Die „Verhaftungswellen in türkischen Städten nehmen sich aus wie eine Hexenjagd auf politisch Andersdenkende, die so massiv ist, so weit in die Gesellschaft reicht und so wenig Sinn für das rechte Verhältnis erkennen lässt, dass sie die Frage nach dem langfristigen Ziel aufwirft“. Die Putschgeneräle von früher hätten den Machtkampf mit Erdogan verloren. „Doch an deren Stelle, so scheint es nun, ist die Polizei getreten. Sie kontrolliert, hört mit, verhaftet.“ Besonders störend am Handeln der türkischen Regierung sei ihr „eklatanter Mangel an Selbstreflexion, die Zurückweisung jeglicher Kritik, die seelenruhige Behauptung von offenkundig Unrichtigem.“ Bernaths Kommentar über die „Türkei auf gefährlichen Abwegen“ (Standard, 30. Dez. 2011) ist ein lesenswertes Dokument der Ernüchterung. Ihm ist hoch anzurechnen, seinen Blickwinkel auf die Türkei angesichts der Erfahrungen, die er vor Ort macht, modifiziert zu haben. Zu hoffen wäre, dass er diesbezüglich in der österreichischen Medienlandschaft nicht die Ausnahme bleiben wird. Und vielleicht führt dies ja auch noch dazu, die Zerrüttung des israelisch-türkischen Verhältnisses noch einmal unter die Lupe zu nehmen – vielleicht trägt daran ja doch nicht der „übliche Verdächtige“ die Schuld?

 

Folgende Beiträge sind im Laufe dieser Woche auf www.mena-watch.com erschienen:

Wochenbericht, 19.12. bis 25.12.2011.

Alles ist relativ. Über den neuen Trend der Medien, immer mehr „moderate“ Islamisten zu entdecken (28. Dezember 2011).

Fragwürdige Beobachter. Blogeintrag über die Beobachtermission der Arabischen Liga in Syrien, die ausgerechnet von einem sudanesischen General geleitet wird (28. Dezember 2011).

Eher plump. Blogeintrag über eine offenkundige Fälschung auf Welt Online (29. Dezember 2011).

Lob aus berufenem Munde. Blogeintrag über die Presse, die (nicht) über das Lob eines Nazis für Kreisky schreibt (1. Januar 2012).


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