Wochenbericht, 21.7. bis 27.7.2014

In dieser Ausgabe:

I. Allgemeiner Überblick
II. Ein „israelisches Massaker“ in einer Schule? – Ohne Zweifel gegen den Angeklagten
III. Propaganda mit Zahlen
IV. Der Hetzer Seinitz und der Unterschied zwischen Krone und Bild

 

I. Allgemeiner Überblick

In der vergangenen Woche erschienen in den von MENA systematisch ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen 492 Beiträge mit Bezügen zum Nahen Osten bzw. zu Nordafrika:

Erneut war der Krieg zwischen Israel und der islamistischen Terrorgruppe Hamas im Gazastreifen das alles überragende Thema der Woche.

Auch ein großer Teil der Nennungen der Türkei stand im Zusammenhang mit dem aktuellen Gaza-Krieg, den der türkische Premier Erdogan zum Anlass nahm, um antisemitische Hetze von sich zu geben. Die Parteinahme der türkischen Islamisten für die Hamas ist nichts Neues. In den letzten Jahren ist die Türkei zu einem der wichtigsten Verbündeten der Hamas geworden, deren führende Repräsentanten auf Parteitagen der AKP wie Stargäste empfangen und mit stehenden Ovationen bejubelt wurden. Und dass Premier Erdogan ein Antisemit erster Güte ist, kann auch nur verwundern, wer in den letzten Jahren krampfhaft darum bemüht war, dessen antisemitische Ausfälle zu ignorieren oder als bloße „Israelkritik“ zu verharmlosen. Wenn sich überhaupt etwas verändert hat, dann höchstens, dass, wie Markus Bernath bemerkte, Erdogans Hetze gegen Israel im Laufe der Zeit noch „grotesker und demagogischer“ geworden ist. (Standard, 23. Juli 2014) Wobei Erdogans Antisemitismus fast noch gegenüber dem verblasst, den Mitglieder seiner Partei an den Tag legen. So postete der AKP-Abgeordnete Samil Tayyar auf Twitter: „Juden, möge eure Rasse ein Ende haben und Hitler nie zu weit weg sein“. (Kleine Zeitung, 25. Juli 2014) Geändert hat sich aber auf jeden Fall, dass die Hetze Erdogans nicht mehr nur das politische Klima in der Türkei vergiftet und Antisemiten im Nahen Osten bestärkt, sondern von seinen Fans hierzulande im Zuge des Gaza-Krieges aufgriffen wurde, um antisemitische Aufmärsche in Österreich zu organisieren – eine höchst bedenkliche Entwicklung, wie Hans Rauscher im Standard kommentierte. (22. Juli 2014)

Auch in den insgesamt 199 relevanten Beiträgen der wichtigsten Radio- und Fernsehnachrichtensendungen des ORF war der Gaza-Krieg das mit großem Abstand wichtigste Thema der Woche:

II. Ein „israelisches Massaker“ in einer Schule? – Ohne Zweifel gegen den Angeklagten

Glaubt man dem Gros der österreichischen Medien, hat Israel am vergangenen Donnerstag im Gaza-Krieg seinen „folgenreichsten Angriff“ unternommen (Salzburger Nachrichten, 26. Juli 2014) bzw. das „bisher schwerste Massaker“ (Kronen Zeitung, 26. Juli 2014) begangen. „Gaza: Mindestens 15 Tote bei Beschuss von UN-Schule“, lautete die Überschrift im Standard, unter der von einem „israelischen Granatenangriff“ auf eine UNRWA-Schule zu lesen war, in der „zahlreiche Menschen“ Schutz gesucht hätten. Der Direktor der Schule sprach von einem „Massaker“. (Standard, 25. Juli 2014) In der Überschrift der Kleinen Zeitung war von einem „verheerende(n) Blutbad in (der) UN-Schule“ zu lesen, dem bei einem „israelischen Angriff“ etliche Menschen zum Opfer gefallen seien. (Kleine Zeitung, 25. Juli 2014) Die Kronen Zeitung, im Umgang mit den Fakten immer ein wenig lockerer, wusste gar von einem „(i)sraelische(n) Luftangriff“ auf die UN-Schule zu berichten (Kronen Zeitung, 25. Juli 2014) – eine Behauptung, die nicht einmal von der sogleich angelaufenen palästinensischen Propagandamaschinerie vertreten und auch von der Krone in weiterer Folge zu einem „Volltreffer einer massiven Granate“ (Kronen Zeitung, 26. Juli 2014) herabgestuft wurde.

Der Standard berichtete, dass die EU eine „sofortige und gründliche“ Untersuchung des Vorfalls fordere. „Wir sind extrem besorgt“, erklärte eine Sprecherin der EU-Außenpolitikbeauftragten Ashton, und rief „beide Konfliktparteien auf, die ‚Unantastbarkeit‘ von Uno-Einrichtungen zu respektieren.“ (Standard, 26./27. Juli 2014)

Was der Standard in seiner Berichterstattung beiseiteließ, war die ungewöhnlich „(s)charfe UNO-Kritik an der Hamas“, über die u. a. der Kurier berichtete. Der UN-Generalsekretär habe empört auf die in den Tagen zuvor bekannt gewordenen Raketenfunde in UNRWA-Schulen im Gazastreifen reagiert: „Die Verantwortlichen“, so Ban Ki-moon, „haben damit Schulen zu möglichen Angriffszielen gemacht und die Leben von unschuldigen Kindern, UN-Mitarbeitern und Schutzsuchenden in Gefahr gebracht.“ (Kurier, 25. Juli 2014) Dass der Standard entschied, über die Raketenfunde in den UNRWA-Schulen und die Proteste des UN-Generalsekretärs zu schweigen, ist umso seltsamer, als deren Signifikanz von anderen Beobachtern deutlich hervorgehoben wurde. Für Andreas Schwarz bewiesen die Raketenfunde, „dass die radikale Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschulde missbraucht“. Die eigene Bevölkerung sei ihr „herzlich egal, ja mehr noch: Ein paar Dutzend Tote mehr, Bilder von Kinderleid kommen ihrem Krieg gegen Israel sehr zupass“. (Kurier, 25. Juli 2014) Für Gil Yaron waren die Raketenfunde die „am besten belegten Beispiele, in denen die Hamas offensichtlich das Kriegsrecht verletzte.“ (Kleine Zeitung, 25. Juli 2014) Ohne das Hintergrundwissen um die Raketenfunde in den UNRWA-Schulen war es den Lesern des Standard auch nicht möglich, die Leistung der Ashton-Sprecherin zu würdigen, die diese mit ihrem Apell geboten hat, die „Unantastbarkeit“ von UN-Einrichtungen zu respektieren: Davon war natürlich erst die Rede, als den Israelis der Beschuss einer solchen Schule und ein damit begangenes „Massaker“ vorgeworfen wurde. Als es „nur“ um die Raketenlager der Hamas in den UNRWA-Gebäuden ging, bestand für die EU-Außenpolitiker offenbar noch kein Bedarf nach Ermahnungen im Dienste der „Unantastbarkeit“ von UN-Einrichtungen.

Der Standard, um mit ihm auch Presse und Kurier, verabsäumte es aber auch, den vermeintlichen israelischen Angriff in die Geschehnisse einzubetten, die sich an diesem Tag in Beit Hanun abgespielt hatten. In den von MENA ausgewerteten österreichischen Printmedien war es einzig Gil Yaron, der in seinen Berichten in den SN und der Kleinen Zeitung die schweren Gefechte erwähnte, die zwischen Terroristen der Hamas und israelischen Soldaten in unmittelbarer Nähe der Schule stattgefunden hatten. (Salzburger Nachrichten, 25. Juli 2014; Kleine Zeitung, 25. Juli 2014) Und nur in den Berichten Yarons und in zwei ORF-Beiträgen wurde auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der fatale Beschuss der UNRWA-Schule auf das Konto palästinensischer Terroristen gehen könnte. So informierte ein israelischer Armeesprecher darüber, dass im Laufe des betreffenden Nachmittags „mehrere Raketen, die von der Hamas abgeschossen wurden, in Beit Hanun landeten“. Das ist, wie Yaron hinzufügte, nichts Ungewöhnliches: „Weil sie ungenau sind, erreichen etwa 25 Prozent der palästinensischen Raketen Israel nie, sondern gehen in Gaza nieder.“ (Kleine Zeitung, 25. Juli 2014) Zweifel an der eindeutigen israelischen Verantwortung für die Toten in der UNRWA-Schule hätten aber nicht nur aufgrund der Erklärungen der israelischen Armee aufkommen sollen, die „von einem Fehlschuss, entweder durch die eigenen Streitkräfte oder durch die Hamas“ sprach (ZiB 13, 27. Juli 2014), sondern auch anhand des Statements, das UNRWA-Generalkommissar Pierre Krähenbühl zu dem Vorfall abgegeben hatte. „I condemn this callous shelling and the extensive loss of life in the strongest possible terms and call for an immediate investigation to ensure that circumstances and responsibilities are comprehensively and irrefutably established. … This is the fourth time in the past four days that an UNRWA school has been struck by explosive projectiles. Today‘s tragedy was yet another illustration that no one in Gaza is safe.“ An keiner Stelle machte Krähenbühl in seiner Erklärung Israel für den tödlichen Beschuss der Schule verantwortlich. Wer auch nur eine leise Vorstellung davon hat, wie schnell und geradezu habituell UN-Vertreter mit Anklagen Israels zur Stelle sind, kann erahnen, wie deutlich schon zu diesem Zeitpunkt die Hinweise darauf gewesen sein müssen, dass an der Israel-begeht-Massaker-in-Schule-Geschichte etwas nicht stimmen dürfte.

Dieser Verdacht wird auch durch die Ergebnisse der Untersuchung des Vorfalles durch die israelische Armee genährt, die bestreitet, für die Toten in der UNRWA-Schule verantwortlich zu sein. In der Gegend des Gebäudes hätten schwere Kämpfe stattgefunden, in deren Verlauf tatsächlich ein israelisches Geschoß im Hof des Gebäudes eingeschlagen habe – doch sei der zu diesem Zeitpunkt leer gewesen. Die IDF veröffentlichten folgendes Video, das den Einschlag ihrer fehlgeleiteten Granate zeigen soll:

Einem Sprecher der Armee zufolge könnten die 16 Getöteten und die zahlreichen Verwundeten entweder ins Kreuzfeuer der Kämpfe geraten und erst anschließend in die Schule gebracht worden sein, oder der Gebäudekomplex sei von Raketen oder Granaten getroffen worden, die von Terroristen abgefeuert worden seien. Anders als sonst üblich seien in diesem Fall von palästinensischen Medizinern keinerlei Angaben über die Art der Verletzungen öffentlich gemacht worden, aus denen sich die Todesursachen erschließen hätten lassen.

Selbstverständlich können wir zu diesem Zeitpunkt zu keinem abschließenden Urteil über den Vorfall kommen – aber das konnten Standard, Presse, Kurier, Kronen Zeitungen und über weite Strecken die Nachrichtensendungen des ORF auch nicht, was sie allerdings nicht davon abhielt, das „bisher schwerste Massaker“ des Gaza-Krieges so darzustellen, als bestünden an der israelischen Verantwortung keinerlei Zweifel.
 

III. Propaganda mit Zahlen

Dabei ist es aus Sicht der Hamas völlig unerheblich, wer im engeren Sinne für die Toten von Beit Hanun tatsächlich die Verantwortung trägt, zählen für sie doch ganz allein die Bilder von Toten und Verwundeten sowie die Gesamt-Opferzahlen, die in kaum einem Bericht fehlen dürfen und von den internationalen Medien in alle Welt verbreitet werden. Ein recht beliebiges Beispiel aus österreichischen Medien wäre ein Beitrag aus den Salzburger Nachrichten, in dem heute zu lesen war: „Die Gesamtzahl der Toten im Gazastreifen stieg bis zum Sonntag auf 1062, mehr als 6000 Menschen wurden verletzt. Mehr als zwei Drittel der Opfer sind nach palästinensischen Angaben Zivilisten. Auf der israelischen Seite kamen seit dem 8. Juli 43 Soldaten und drei Zivilisten ums Leben.“ (Salzburger Nachrichten, 28. Juli 2014)

Solange dies die Art und Weise ist, in der über den Krieg Bilanz gezogen wird, hat die Propaganda der Hamas einen vollen Erfolg erzielt: In der im schlechtesten Sinne abstrakten Gegenüberstellung der Opferzahlen geht jeglicher Kontext verloren. Die Verantwortung für den Krieg kommt in ihr genauso wenig zum Vorschein, wie die höchst unterschiedlichen Intentionen und Vorgehensweisen der Kriegsparteien. Wenn die Bilanz auf 1062 zu 46 reduziert wird, was zählt es da noch, dass die hamas Hunderttausende Israelis ermorden würde, wenn sie dazu in der Lage wäre, während Israel auf der anderen Seite den Gazastreifen binnen einer halben Stunde dem Erdboden gleichmachen könnte, von derartig wahllosen Angriffen aber genau absieht und nach wie vor so gezielt wie möglich gegen die Infrastruktur des Terrors der Hamas vorgeht? Was macht es angesichts der großen Diskrepanz der Zahlen noch für einen Unterschied, dass diese nur zustande kommt, weil Israel Unsummen dafür ausgibt, das Leben seiner Bürger zu schützen, während die Hamas ihre Ressourcen für den Aufbau einer Terrorfestung verwendet, in der es Schutzräume nur für die eigenen Kader gibt, während die Bevölkerung als menschliches Schutzschild zu fungieren hat? Allein die Gegenüberstellung der Zahlen füttert den Vorwurf der „Unverhältnismäßigkeit“ des israelischen Militäreinsatzes, obwohl die sich aus den bloßen Zahlen überhaupt nicht ersehen lässt – weder in diesem Krieg, noch in irgendeinem anderen.

Die Zahlen, und viel mehr noch die Bilder von Getöteten oder Verwundeten, sollen Emotionen wecken und eine kritische Analyse verunmöglichen. Nichts passt deshalb besser ins Propagandakonzept der Hamas als Fotos von toten Kindern – je grässlicher entstellt, umso besser. Sie dienen dazu, die angeblich besondere Grausamkeit der Israelis zu belegen und die an der alten antisemitischen Ritualmordlegende orientierte Hetzparole vom „Kindermörder Israel“ zu untermauern, die auch auf den antisemitischen Massenaufmärschen in Europa stets zu hören ist. Die Tote-Babys-Strategie erweist sich als besonders wirksamer Bestandteil der israelfeindlichen Propaganda; gerade dies wird leider dazu führen, dass auf sie auch in Zukunft bevorzugt zurückgegriffen werden wird.

Obwohl die zynische Strategie der Hamas auch in österreichischen Medien ein ums andere Mal thematisiert wird, werden die aus palästinensischen Quellen stammenden Zahlen meist dennoch völlig unkritisch übernommen. Oftmals wird bei deren Angabe überhaupt nicht zwischen zivilen Opfern und Kämpfern von Hamas, Islamischem Dschihad und Terrorgruppen differenziert.

Darüber hinaus mangelt es in Österreich bisher an jeglichem Versuch, die Zahlen selbst zu hinterfragen, und das, obwohl es jede Menge guter Gründe gibt, diese anzuzweifeln. So hat die Hamas zu Beginn des Krieges die Order ausgegeben, prinzipiell alle Getöteten als „unschuldige Zivilisten“ darzustellen. Regelmäßig werden Mitglieder von Terrorgruppen als zivile Opfer ausgegeben. Ohne Zweifel werden auch all jene als „zivile Opfer“ gewertet, die ganz bewusst zu jenen Orten strömen und freiwillig als menschliche Schutzschilde Einrichtungen „schützen“, auf die die israelische Armee Angriffe angekündigt hat.

Besonders aufschlussreich ist eine Analyse der Altersstruktur der namentlich bekannten Toten, zeigen sich doch deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Alterskohorten unter den Opfern und deren Verteilung in der Bevölkerung des Gazastreifens: Obwohl 20- bis 24-Jährige unter zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, stammen fast 25 Prozent der Getöteten aus dieser Gruppe. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Alterskohorte der 25- bis 29-Jährigen, und auch die 30- bis 39-Jährigen sind unter den Getöteten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überrepräsentiert – somit also genau jene Altersstufen, aus denen sich die Mehrzahl der Kämpfer der verschiedenen Terrororganisationen rekrutieren. Das genau gegenteilige Bild ergibt sich, wenn man sich die Zahl der Kinder bis 14 Jahre und insbesondere der Kleinkinder ansieht. Eine solche Analyse fällt schwer, weil jedes getötete Kind eines zu viel ist. Dennoch ist ein nüchterner Blick auf die Fakten vonnöten, um der diffamierenden anti-israelischen Propaganda zu begegnen, die das Leiden und den Tod insbesondere der Kinder nur für ihre Zwecke manipuliert. Eine Analyse der Zahlen ergibt, dass 0- bis 4-Jährige über 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, unter den Opfern mit 5 Prozent aber glücklicherweise deutlich seltener zu finden sind. Anstatt die Propaganda vom rücksichtslosen Krieg Israels gegen die Zivilbevölkerung zu belegen, veranschaulichen diese Analysen das Gegenteil des hetzerischen Bildes vom rücksichtslosen „Kindermörder Israel“ sowie der Behauptung, Israel „bekämpft und bestraft die gesamte Bevölkerung in Gaza“, wie sie von einem palästinensischen Propagandisten zuletzt in der Presse aufgestellt wurde. (25. Juli 2014)

Nicht einschätzen lässt sich momentan die Zahl der Opfer, die auf von Terroristen abgefeuerte Raketen zurückzuführen sind, die im Gazastreifen niedergehen. Da diese Raketen aber eine schutzlose Bevölkerung treffen, haben sie mit Sicherheit Tote und Verletzte zur Folge, die in den Statistiken freilich allesamt als Opfer israelischer Aggression dargestellt werden. Das gilt ebenso für all jene, die durch von Hamas und anderen Terroristen in zivilen Häusern installierte Sprengfallen zerfetzt werden, und all die Menschen, die von den Schergen der Hamas als „Kollaborateure“ mit dem verhassten Feind hingerichtet werden – mehr als 30 Personen, die den Israelis angeblich Informationen über Terrortunnel geliefert haben sollen, wurden während Kampfpausen in den vergangenen Tagen ermordet.

Die bloße Gegenüberstellung von Opferzahlen ist an sich schon höchst problematisch und leistet dem Propagandakrieg der Hamas Vorschub, selbst wenn die dabei präsentierten Zahlen nicht so falsch wären, wie die, die in der medialen Berichterstattung kursieren.
 

IV. Der Hetzer Seinitz und der Unterschied zwischen Krone und Bild

Den absoluten Tiefpunkt medialer Berichterstattung über den Gaza-Krieg stellen ohne Zweifel die inakzeptablen Auslassungen des Krone-Außenpolitikchefs Kurt Seinitz dar. Gleich nach Beginn der israelischen Militäroperationen machte er den israelischen Premier Netanjahu für die Eskalation verantwortlich und hetzte auf menschenverachtende Weise gegen Israelis, die sich keines anderen ‚Verbrechens‘ schuldig machen, als im Westjordanland zu leben: Diese seien samt und sonders „jüdische Kolonialsiedler“, eine „Brutstätte des Extremismus“ und „giftige(s) Natterngezücht“. (Kronen Zeitung, 9. Juli 2014)

Wer sich angesichts derartiger Stürmer-Diktion gefragt haben mag, was bloß in Seinitz‘ Kopf herumschwirrt, wenn er den israelisch-palästinensischen Konflikt betrachtet, dem gab er am vergangenen Samstag eine Antwort, wie sie klarer nicht hätte sein können.

„Der Gewinner heißt Hamas“, verkündete er da in seiner Kolumne, in der, weil das bei seinem Ausflug in die Wahnwelt und eine düstere Vergangenheit nur gestört hätte, vom Terror der Hamas mit keinem Wort die Rede war. Sollte der israelische Premier Netanjahu, neben den „Siedlern“ Seinitz’ zweitliebstes Hassobjekt, gehofft haben, mit dem Krieg „die Trennung der Gaza-Bevölkerung von der Hamas erreichen zu können, dann war das eine Fehlrechnung.“ Möglich gewesen wäre das nämlich nur „durch ein Ende der Abriegelung“. Die israelischen Bomben hätten nur das Gegenteil erreicht, leitete er seinen folgenden Ausflug ein: „Das weckt Erinnerungen an den alliierten Bombenkrieg gegen die deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg mit der Hoffnung, das deutsche Volk würde sich dadurch gegen Hitler erheben.“ Doch ein „Volk ohne Ausweg (heute die Gaza-Blockade, damals die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation Deutschlands) revoltiert nicht.“ Denn die „bestehende Führung, auch wenn man sie nicht mag, wird als der allerletzte Ordnungsfaktor empfunden, hinter dem der völlige Abgrund droht. Ein Volk ohne Ausweg handelt irrational. Das müsste man doch langsam verstehen lernen.“ (Kronen Zeitung, 26. Juli 2014)

Selten hat man ein so eindrucksvolles Dokument der Macht der Projektion gesehen, die in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nie außer Acht gelassen werden darf, wenn von Israel die Rede ist. Ohne viel Federlesens überträgt Seinitz den Umstand, dass er den Alliierten des Zweiten Weltkriegs deren Bestehen auf eine bedingungslose Kapitulation des Dritten Reichs offenbar noch immer nicht verzeihen kann, auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas. Dass das deutsche Volk bis zur letzten Sekunde nicht im Traum daran gedacht hat, gegen den bis zuletzt – zumal in Österreich – jederzeit mehrheitsfähigen Nationalsozialismus zu revoltieren, lügt er in die Erfindung vom „Volk ohne Ausweg“ um – das freilich nur deshalb vor dem „völligen Abgrund“ stand, weil es zuvor ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hatte und für den Tod von Abermillionen Menschen verantwortlich war. So wenig es heute mit Bomben gelingen könne, die Bevölkerung Gazas von der Hamas zu trennen, so wenig hätten die Alliierten demnach auf der Zerschlagung des Dritten Reiches beharren dürfen, sondern – ja was eigentlich? Den Nationalsozialismus an der Macht belassen? Den Krieg beenden, weil das Volk, das die Führung angeblich nicht gemocht hat, sich dann erhoben hätte? Mit den Nazis eine Verständigung anstreben, während die in den Vernichtungslagern den systematischen Massenmord fortführten?

Dass Seinitz nicht anders kann, als an den alliierten Bombenkrieg gegen Nazi-Deutschland zu denken, wenn Israel gezwungen ist, gegen die Hamas vorzugehen, die im Hinblick auf ihren eliminatorischen Antisemitismus durchaus würdigen Nachfolger der Nazis, mag aus ihm ein interessantes Studienobjekt für das Scheitern der Aufarbeitung der Vergangenheit machen, sollte aber die Herausgeber der Kronen Zeitung dazu bringen, ihn nicht weiter über Dinge schreiben zu lassen, in denen er – gelinde gesagt – ein wenig befangen zu sein scheint.

Und sie sollten es ihm verunmöglichen, weiter in Stürmer-Manier gegen Juden zu hetzen: Während ein großer Teil der österreichischen Öffentlichkeit über den antisemitischen Hass und die Gewalt schockiert ist, die sich in Pro-Hamas-Massenaufmärschen und Angriffen auf israelische Fußballer niederschlagen, zeigt Seinitz sich völlig unbeeindruckt und legt noch einmal nach, indem er erneut gegen das „Natterngezücht der rechtsextremen Siedlerbewegung“ in Israel vom Leder zieht und in einem Kommentar fordert, Israel solle gefälligst die Kosten der „humanitären Katastrophe“ im Gazastreifen bezahlen. (Kronen Zeitung, 28. Juli 2014). Wenn der jüdische Staat sich also schon nicht einfach ohne Gegenwehr mit Raketen beschießen lassen will, sollte er wenigstens für die Folgen des gegen ihn betriebenen Terrorkrieges aufkommen.

In Deutschland hat die in mancherlei Hinsicht mit der Krone zu vergleichende Bild-Zeitung den neu aufgeflammten Hass auf Juden zum Anlass für eine Kampagne gegen den Antisemitismus genommen und distanziert sich in deutlichen Worten von dem „mörderische(n) Abfall“, der in den Köpfen vieler Menschen herumspukt:

„Um es einmal ganz klar zu sagen:
► Wir bei BILD und BILD.de wollen solche Menschen nicht.
► Wir wollen sie nicht als Leser, nicht als User, nicht als Facebook-Freunde, nicht als Twitter-Follower.
► Wir wollen mit ihnen nichts zu tun haben.
► Wir wollen ihr Geld nicht, ihre Klicks nicht, ihre Zeit nicht, ihre Aufmerksamkeit nicht.“

Wahrscheinlich wäre es zu viel erwartet, von der Krone ähnlich klare Stellungnahmen zu erwarten. Aber sie könnte wenigstens der Hetze ihres Außenpolitikchefs einen Riegel vorschieben.


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