Wochenbericht, 19.12. bis 25.12.2011

Die letzten Wochen des Jahres sind immer eine Zeit, in der in Zeitungen häufig über den Nahen Osten berichtet wird – allein dass kaum ein Medium es in der Vorweihnachtszeit verabsäumen will, über Jesus‘ angebliche Geburtsstadt Betlehem im heutigen Westjordanland zu berichten, treibt die Zahl der veröffentlichten Beiträge über die Region in die Höhe. Dass dennoch in dieser Woche die meisten Artikel über den Irak geschrieben wurden, ist Beleg für eine grundlegende Regel des Mediengewerbes: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Im Vergleich zur Vorwoche stieg in allen von MENA regelmäßig ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen die Zahl der über den Nahen Osten veröffentlichten Beiträge mehr oder weniger stark an. Mit insgesamt 207 publizierten Artikeln wurde eine neue Höchstmarke in diesem Monat erreicht.

Mit dem Anstieg der veröffentlichten Beiträge gingen diese Woche einige Änderungen im Hinblick auf den geografischen Fokus der Berichterstattung einher. In der folgenden Grafik finden Sie die sechs Länder, auf die in den untersuchten Tageszeitungen am häufigsten eingegangen wurde:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht Dez25 Tab2

Die auffälligste Veränderung der letzten Wochen betrifft, wie schon erwähnt, eindeutig die Berichterstattung über den Irak. Noch vor vierzehn Tagen beispielsweise fand sich in der Kronen Zeitung kein einziger Beitrag über den Irak, und in der Kleinen Zeitung gerade einmal eine Kurzmeldung über einen Terroranschlag (Kleine Zeitung, 6. Dez. 2011). Insgesamt erschienen nur acht Beiträge, die auf den Irak Bezug nahmen, darunter ein Buchtipp, ein Filmtipp sowie ein Hinweis auf eine Veranstaltung mit einem Exil-irakischen Schriftsteller. Diese Woche widmete sich dagegen fast ein Viertel aller erschienenen Beiträge (22,2 Prozent) den aktuellen Entwicklungen in dem Land, das nach dem Abzug der letzten US-Kampftruppen sofort in eine schwere politische Krise stürzte und dessen Hauptstadt am vergangenen Donnerstag zu alledem von einer Serie blutiger Bombenanschläge erschüttert wurde. (Standard, 23. Dez. 2011)

Darin kommt zum Ausdruck, dass Medien in der Regel nicht über einen schönen, ruhigen Tag in Bagdad berichten, aber sofort zur Stelle sind, wenn ein Selbstmordattentäter mal wieder einen verheerenden Anschlag verübt. Im Falle des Iraks wird dieses grundlegende Gesetz des Mediengeschäfts noch von einem politischen Aspekt überlagert. Der Irakkrieg stieß in großen Teilen Europas von Anfang an auf einhellige Ablehnung, und das verstärkte den eben beschriebenen Mechanismus der Berichterstattung: Versank der Irak in einem Chaos aus Terrorismus und Bürgerkrieg, so wurde darüber ausgiebig berichtet. Beruhigte sich die Situation hingegen, ging die Zahl der Anschläge und sonstigen Gewalttaten rapide zurück und wurden in manchen Bereichen Fortschritte beim Wiederaufbau des Landes erzielt, so war das nur selten eine Meldung wert. Jetzt aber, da das Land in Chaos und Gewalt zu versinken droht, sind die Scheinwerfer wieder auf den Irak gerichtet, wie um den gerade abgezogenen Amerikanern zum Abschied noch einmal nachzurufen: Wir haben es ja immer gewusst.

Bemerkenswert an der dieswöchigen Nahostberichterstattung ist neben dem Irak noch das weitgehende Fehlen seines unmittelbaren Nachbarlandes. Wie schon letzte Woche bemerkt, ist vom internationalen Aufschrei nach der Veröffentlichung des jüngsten IAEO-Berichts über das iranische Atomwaffenprogramm wenig bis nichts übrig geblieben. Im Augenblick sieht es jedenfalls nicht so aus, als würde der internationale Druck auf das Regime in Teheran nennenswert (wenn überhaupt) zunehmen.

 

Folgende Beiträge sind im Laufe dieser Woche auf www.mena-watch.com erschienen:

Wochenbericht, 12.12. bis 18.12.2011

Eine Seite der Unausgewogenheit. Über einen typischen Vorgang, bei dem mit zweierlei Maß gemessen wird (20. Dezember 2011).

Eine Geschichte, zwei Versionen. Über den KURIER, der in der Berichterstattung über Israel wieder einmal Ursache und Folge nicht unterscheiden kann (23. Dezember 2011)

Keine Überraschung. Blogeintrag über die UNESCO, die einem palästinensischen Jugendmagazin die Förderung entzieht, nachdem darin Hitler bejubelt wurde (23. Dezember 2011)

Dank an Erdogan. Blogeintrag über die erhellende Domonstration dessen, was „Islamophobie“ ist (24. Dezember 2011)


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login