Wochenbericht, 16.1. bis 22.1.2012

Die Berichterstattung österreichischer Zeitungen über den Nahen Osten gleicht in den letzten Wochen einer Hochschaubahnfahrt. Sah die Vorwoche ein Anwachsen der Zahl der relevanten publizierten Beiträge um knapp 30 Prozent, so war diese Woche mit einem Rückgang der Gesamtzahl um über 37 Prozent (von 239 auf 150) das genaue Gegenteil zu beobachten.

Auch wenn die Zahl der über den Nahen Osten veröffentlichten Beiträge in allen Zeitungen gesunken ist, war es wieder die Kleine Zeitung, bei der dieser Trend am deutlichsten ausgeprägt ist. Nachdem in der Vorwoche noch 37 Beiträge über die Region publiziert wurden, waren es in dieser Woche insgesamt nur elf, was einen Rückgang um über 70 Prozent bedeutet. Doch auch beim Standard mit einem Minus von 40 Prozent (von 65 auf 39 Artikeln), der Presse mit minus 35 Prozent (von 57 auf 37) und dem KURIER mit minus 27 Prozent (von 48 auf 35) fielen die Rückgänge beachtlich aus.

Bei der Kleinen Zeitung war bemerkenswert, dass der Nahe Osten in ihrer Berichterstattung an den ersten beiden Tagen der Woche überhaupt nicht vorkam und auch danach nur sehr spärlich vertreten war. Das führt im Wochenvergleich zu erstaunlichen Schwankungen: Waren in der Kleinen Zeitung zuletzt zehn Artikel über den Iran zu finden, so erschienen in dieser Woche gerade einmal zwei Beiträge mit Bezug zum islamistischen Regime in Teheran. Obwohl sich die Lage in Syrien in der Zwischenzeit kaum geändert und jedenfalls nicht gebessert hat, widmete die Kleine Zeitung diesem Land keinen einzigen Artikel; letztens waren es noch sechs. Und trotz des Rückgangs der Gesamtzahl der veröffentlichten Beiträge um über 70 Prozent änderte sich an der Zahl der Artikel mit Israel-Bezug gar nichts – wieder war Israel Gegenstand von drei Beiträgen.

Die genaue geografische Aufschlüsselung ergibt folgendes Bild:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht Jan 22 Tab2

Erneut war also der Iran in der Berichterstattung österreichischer Zeitungen das vorherrschende Land. Dominierend waren hierbei die Entwicklungen beim Bestreben des Westens, das islamistische Regime mittels härterer Sanktionen doch noch zu einem Umdenken im Bezug auf das iranische Atomwaffenprogramm zu bewegen. Die Europäische Union will dabei zur Erhöhung des Drucks neben dem bereits beschlossenen Ölboykott nun auch Maßnahmen ergreifen, die Transaktionen mit der iranischen Zentralbank verunmöglichen sollen. (Presse, 21. Jan. 2012) Nachdem zuletzt auch Japan eine drastische Reduktion seiner iranischen Ölimporte angekündigt hatte, wurde nun mit Spannung ein Treffen zwischen Saudi-Arabien und China verfolgt. (KURIER, 17. Jan. 2012) Rund 22 Prozent der gesamten iranischen Ölexporte gehen nach China, weshalb dessen Einschwenken auf den westlichen Sanktionskurs das islamistische Regime in gehörige Schwierigkeiten bringen würde. Peking warnte jedenfalls den Iran davor, seine Ankündigung, im Falle eines Ölboykotts die Straße von Hormus für die Schifffahrt zu blockieren, in die Tat umzusetzen. (Kronen Zeitung, 20. Jan. 2012) Die Perspektive verschärfter Sanktionen scheint in Teheran langsam aber sicher für einige Nervosität zu sorgen, warnte der Iran doch Anfang der Woche die Anrainerstaaten des Persischen Golfes schon einmal davor, im Falle eines westlichen Boykotts iranischen Öls als Ersatzlieferanten für den Westen einzuspringen. (Kronen Zeitung, 16. Jan. 2012) Im Iran selbst herrscht große Furcht vor einem Absturz der Staatswährung Rial, weswegen Iraner sich zunehmend darum bemühen, ihr Vermögen in Gold und Devisen anzulegen. (Presse, 16. Jan. 2012)

Doch nicht nur der zunehmende wirtschaftliche Druck auf Teheran war Gegenstand der Berichterstattung österreichischer Zeitungen, auch die Spekulationen über mögliche Militärschläge gegen das iranische Atomprogramm reißen nicht ab. Zunächst hieß es, die britische Regierung habe Militäraktionen gegen Teheran angedeutet. (KURIER, 16. Jan. 2012) Und während die USA Israel vor einem militärischen Vorgehen gegen den Iran warnten (Standard, 16. Jan. 2012, Presse; 16. Jan. 2012), war aus Israel zu hören, dass man im Moment von einem derartigen Unterfangen noch weit entfernt sei. (Presse, 19. Jan. 2012; Standard, 19. Jan. 2012) Um die in der letzten Zeit doch deutlich gespannte Lage nicht weiter zu verschärfen, verschoben die USA und Israel jedenfalls eine geplante, gemeinsame Militärübung. (Presse, 17. Jan. 2012).

Im Laufe der Woche wurde darüber hinaus auch durch einige Berichte daran erinnert, was es heißt, unter der Herrschaft eines islamistischen Regimes leben zu müssen. Einerseits wurde erneut über Hinrichtungen berichtet: zwölf Männer sollen gehängt worden sein (Presse, 16. Jan. 2012), nachdem der Iran im vergangenen Jahr über 600 Menschen hingerichtet hat. (KURIER, 7. Jan. 2012) Andererseits verschärfte das Regime wieder einmal sein Vorgehen gegen „Symbole der permissiven westlichen Kultur“ – und schloss etliche Geschäfte, die Barbie-Puppen verkauften. (Standard, 21. Jan. 2012)

Nach dem Iran war Ägypten das Land, das in der Berichterstattung österreichischer Zeitungen am zweithäufigsten genannt wurde. Vorherrschendes Thema ist hier nach wie vor die Wahl des ägyptischen Parlaments, deren Endergebnis jetzt vorliegt: Insgesamt haben islamistische Parteien dabei 70,4 Prozent der Stimmen gewonnen. (Standard, 21. Jan. 2012; Kleine Zeitung, 22. Jan. 2012) Wie immer die politische Zukunft in den verschiedenen arabischen Ländern auch aussehen mag, deutlich dürfte schon jetzt sein, dass die arabischen Frauen zu den Verlierern der neuen Ordnungen zählen werden. Über Ägyptens Frauen, so formuliert es die Presse, droht nun ein arabischer Winter hereinzubrechen; im neuen Parlament sind sie so gut wie nicht vertreten. (Presse, 22. Jan. 2012) Aber auch im allgemein als westlicher geltenden Tunesien, wo ebenfalls Islamisten als Gewinner aus den ersten freien Wahlen nach dem Umsturz hervorgingen, verschlechtert sich die Situation von Frauen. Die Bloggerin Lina Ben Mhenni schrieb darüber in ihrem Blog: „Ich hätte nie gedacht, dass wir uns in den Kugelhagel gestellt haben, um die Polygamie wieder einzuführen.“ (profil, 3/2012)

Dass Israel in dieser Woche das am dritthäufigsten genannte Land der Nahostberichterstattung österreichischer Zeitungen war, erstaunt ein wenig, denn im Grunde gab es wenig zu berichten. Einige der Nennungen standen in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um das iranische Atomwaffenprogramm, andere bezogen sich auf die Uraufführung eines Stücks des israelischen Dramatikers Joshua Sobol in Wien. (Standard, 19. Jan. 2012; KURIER, 19. Jan. 2012; Kronen Zeitung, 19. Jan. 2012) Doch ist nur schwer zu erklären, weshalb beispielsweise selbst über Syrien weniger berichtet wurde, wo die Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und der Opposition unvermindert fortgehen. Einer der interessantesten Beiträge in dieser Woche, der leider nur im Online-Standard veröffentlicht wurde, widmete sich denn auch der Situation in Syrien: Der Algerier Anwar Malek war Mitglied der Beobachtermission der Arabischen Liga, bis er, entsetzt über die Verbrechen des syrischen Regimes und ernüchtert über den Zweck der Beobachtermission, das Land verließ. Im Interview mit dem Online-Standard schilderte er nicht nur die Gewalt des Regimes gegen die Opposition, sondern auch die Gefahren, denen er selbst ausgesetzt war und ist, seit er sich öffentlich über die Verbrechen der Assad-Diktatur geäußert hat. In Paris, wo er sich heute befindet, ist er ständig mit Drohungen konfrontiert; am Telefon wurde gar angekündigt, man werde ihm die Kehle durchschneiden, wenn er den Mund nicht halte. Die Beobachtermission der AL diene in den Augen Maleks „nur der Aufrechterhaltung des Regimes.“ (derStandard.at, 18. Jan. 2012)

 

Folgende Beiträge sind im Laufe dieser Woche auf www.mena-watch.com erschienen:

Wochenbericht, 9.1. bis 15.1.2012.

Das israelische „Regime“? Leserbrief an die Kleine Zeitung, die meint, Israels politisches System als „Regime“ bezeichnen zu müssen (16. Januar 2012).

Letztklassige Karikatur. Leserbrief an die Kleine Zeitung über eine miese Karikatur von Petar Pismestrovic (19. Januar 2012).

Über Selbstverständliches. Blogeintrag über Sari Nusseibehs Ablehnung von Selbstmordattentaten (17. Januar 2012).

Hamas auf der Suche. Missing Link über den Umoriertierungsprozess der palästinensischen Hamas nach den arabischen Umwälzungen (20. Januar 2012).


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