Wochenbericht, 12.11. bis 18.11.2012

Der Krieg im Gazastreifen war in der letzten Woche das dominierende Thema der Nahostberichterstattung österreichischer Medien. Wieder einmal wurde der vorhergehende palästinensische Raketenterror weitgehend ignoriert, nur um sich sodann umso mehr ins Zeug zu werfen, sobald Israel den Entschluss fasst, der permanenten Bedrohung seiner Bürger nicht weiter tatenlos zusehen zu können.

Allgemeiner Überblick

In den vergangenen sieben Tagen erschienen in den von MENA systematisch ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen insgesamt 265 Beiträge mit Bezug auf Nordafrika und den Nahen Osten:

Die beachtliche Steigerung der Berichterstattung um fast ein Viertel im Vergleich zur Vorwoche ist auf die Eskalation der Gewalt zwischen der palästinensischen Hamas im Gazastreifen und Israel zurückzuführen, wie auch anhand der folgenden Grafik zu erkennen ist:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht - 19Nov12 - Tab2

Wir wollen uns im Folgenden auf die Berichterstattung über den Gaza-Krieg konzentrieren und auf einige Aspekte der Berichterstattung eingehen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind, aber dennoch nicht unbeachtet bleiben sollten.

Militärische Präzision

Zu den bisherigen Tiefpunkten der Berichterstattung österreichischer Medien über den Gaza-Krieg gehört eine Reportage, die am vergangenen Samstag in der Kleinen Zeitung veröffentlicht wurde. Schon die grafische Gestaltung und der reißerische Titel ließen Böses erahnen: Den Hintergrund bildete ein Foto, auf dem die verweinten Augen einer Frau mit schwarzen Kopftuch zu sehen waren, darunter prangte die Überschrift: „Leiden und Sterben in Gaza“. Ein weiteres Foto zeigte eine Explosion, darunter war zu lesen: „Mit dem großflächigen Bombenabwurf über dem Gazastreifen will die israelische Armee nach eigener Aussage wieder eine Abschreckung erreichen“. Im Artikel erfahren wir: „Am ärgsten hat es die Familien erwischt, die im Norden und Osten des Gazastreifens leben. Aber auch die Bewohner im Süden von Gaza sind arm dran“, denn Israel „beschießt und bombardiert diese Gebiete“. Korrespondent Michele Giorgio erzählte die Geschichte eines Palästinensers, der seine Tochter ins Krankenhaus bringen musste; sie soll von einem Granatsplitter verletzt worden sein. Der Mann arbeite als Journalist für einen israelischen Fernsehsender. „Trotzdem fallen die Bomben auf ihn – so wie auf alle Palästinenser.“ (Kleine Zeitung, 17. Nov. 2012)

So dramatisch das klingt, so falsch ist der hier erweckte Eindruck, Israel würde mit „großflächigen Bombenabwürfen“ den gesamten Gazastreifen unter Beschuss nehmen und Bomben „auf alle Palästinenser in Gaza“ werfen. Giorgio gibt dies auch offen zu, wenn er von der Furcht der Menschen schreibt, „ins Visier der israelischen Jagdbomber zu geraten“ – diese „Angst ist unbegründet“, denn die Piloten „steuern nur große Ziele an: Gebäude und militärische Einrichtungen der islamistischen Hamas-Regierung“. Andere Gegenden würden angegriffen, „weil von hier aus Kämpfer der Hamas und andere bewaffnete Gruppen ihre … Kassam-Geschosse abschießen.“ (Dass die Islamisten sich hinter der Zivilbevölkerung verstecken und diese damit de facto zu Geiseln in ihrem Krieg gegen Israel machen, sei nur am Rande erwähnt.) Auch in der Kleinen Zeitung konnte man also durchaus lesen, dass die israelische Armee offenbar nur gegen sorgfältig ausgewählte Ziele vorgeht und Opfer unter der Zivilbevölkerung so gut wie möglich zu verhindern versucht. Trotzdem wurde aber kontrafaktisch behauptet, israelische Bomben fielen „auf alle Palästinenser von Gaza.“

„Fast 1000 Raketenangriffe flog die israelische Armee seit Mittwoch“, berichtete der Kurier am Sonntag. „In vier Tagen starben 45 Palästinenser“. (Kurier, 18. Nov. 2012). Das war die Gesamtzahl bis zu diesem Zeitpunkt, wobei keine Unterscheidung zwischen zivilen Opfern und legitimen Zielpersonen gemacht wurde. Die Wahrheit über den Krieg in Gaza lässt sich aus diesen Angaben erschließen, ist in der angemessenen Deutlichkeit allerdings in keiner österreichischen Zeitung zu lesen: Jeder unschuldig getötete Mensch ist einer zu viel, aber wenn nach über 1000 israelischen Luftangriffen auf Ziele, die sich in dicht bevölkertem Gebiet befinden, so verhältnismäßig wenige Menschen ums Leben gekommen sind, so handelt es sich beim aktuellen Militäreinsatz um den bei Weitem präzisesten, den es in der Geschichte der modernen Kriegsführung wohl jemals gegeben hat. (So sehr dies hervorgehoben werden muss, so viel Vorsicht ist dennoch geboten – es braucht nicht mehr als einen tragischen Fehlangriff, um diese Bilanz wenn schon nicht unbedingt faktisch, so doch in der öffentlichen Wahrnehmung zunichte zu machen.)

Heuchelei

Genau diese Präzision ist es auch, die die Stellungnahmen israelfeindlicher Politiker, wie jene des ägyptischen Präsidenten Mursi oder des türkischen Premiers Erdogan, als pure Heuchelei entlarvt. Der ägyptische Muslimbruder Mursi verurteilte die israelischen Militäraktionen als „unverhohlene Aggression gegen die Menschlichkeit“ (Standard, 17./18. Nov. 2012) Israel müsse verstehen, „dass wir diese Aggression nicht akzeptieren werden“. (Presse, 16. Nov. 2012) Über die Hunderten palästinensischen Raketen auf Israel – jede einzelne ein Kriegsverbrechen –, die der israelischen Reaktion vorausgingen, war aus dem Munde Mursis nichts zu hören.

Dramatischer noch als der ägyptische Präsident äußerte sich der „gewohnt Israel-kritische“ (Presse, 18. Nov. 2012) türkische Premier Erdogan, der Israel vorwarf, das Schweigen der Welt“ zu benutzen, um „seine Verbrechen zu begehen“. Dass „die Welt“ zu den israelischen Verteidigungsmaßnahmen „schweigen“ würde, ist zwar völliger Unsinn, aber mangelnder Realitätsbezug ist eben unverzichtbar Teil einer solchen Sicht auf die Dinge. Das wurde auch in der folgenden, im wahrsten Sinne des Wortes verrückten Behauptung Erdogans deutlich: „Israel verwandelt die Region in einen Sumpf aus Blut. Ägypten und die Türkei werden das nicht akzeptieren.“ (Presse, 19. Nov. 2012) Man sollte bei der Lektüre solcher Sätze wirklich kurz innehalten und sich deren Bedeutung klarmachen: Seit eineinhalb Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg, in dem die syrische Luftwaffe u. a. regelmäßig Stadtviertel bombardiert, in denen sie Rebellen vermutet; weit über 30.000 Menschen sind bei den Kämpfen in Syrien seit dem März vergangenen Jahres bereits ums Leben gekommen. Aber für Erdogan sind es die höchst präzisen israelischen Operationen, die die Region „in einen Sumpf aus Blut“ verwandeln.

Welch groteske Maßstäbe in der Region an Israel angelegt werden, lässt sich auch anhand folgender Meldungen demonstrieren. „Bei Angriffen der türkischen Armee auf Stellungen kurdischer Rebellen an der Grenze zum Iran und zum Irak starben 42 Menschen“, war unlängst im Kurier zu lesen. (Kurier, 11. Nov. 2012) Noch lapidarer berichtete der Standard einen Tag zuvor über den Beginn der türkischen Militäroperationen. Die Meldung in ihrem vollen Wortlaut: „Türkei. Bei einem Armeeeinsatz gegen die PKK starben am Freitag 15 Menschen.“ (Standard, 10./11. Nov. 2012) Das war’s. Presse, Kleiner Zeitung und Kronen Zeitung waren die über 40 Getöteten nicht einmal eine Erwähnung wert. Was auch immer die kurdischen Opfer zuvor getan haben mögen, sie haben mit Sicherheit nicht über Wochen und Monate hinweg Hunderte Raketen auf die Türkei abgefeuert. Was Erdogan anrichten würde, wenn die PKK Istanbul oder Ankara mit Raketen beschösse, mag man sich gar nicht ausmalen. Aber wenn Israel sich höchst gezielt gegen Gruppen zur Wehr setzt, die Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv abfeuern, ergeht er sich in diffamatorischem Hass gegen den jüdischen Staat.

Missbrauch der Palästinenser

Das hohe Maß an Heuchelei, das hier im Spiel ist, wird an keiner Geschichte der letzten Tage so deutlich, wie am Besuch des ägyptischen Premiers Hisham Kandil in Gaza am vergangenen Freitag. Wie Stefan Schocher im Kurier berichtete, verstand Kandil es bei seinem Auftritt in Gaza, Emotionen zu schüren. „In einem Spital nahm er kurz die Leiche eines achtjährigen Buben in den Arm und trat dann mit blutigem Anzug vor die Presse. Diese archaische Szene sollte dem Publikum vor Ort und vor allem auch in Ägypten zeigen, wie sehr die neue, von den Muslimbrüdern dominierte Führung die israelischen Angriffe verabscheut.“ (Kurier, 17. Nov. 2012)

Es gibt nur ein Problem mit dieser eindrucksvollen Darbietung: Der Junge wurde nicht, wie in Medien aus aller Welt kolportiert wurde, bei einem israelischen Luftangriff getötet; vielmehr kam er ums Leben, als eine von Palästinensern abgefeuerte Rakete es nicht bis über die Grenze nach Israel schaffte, sondern schon im Gazastreifen niederging – glaubt man einer Twitter-Meldung der israelischen Armee vom Sonntag, war dies nur einer von bislang rund hundert derartigen Fällen.

Die Episode zeigt, warum es so haarsträubend ist, wenn Medien davon sprechen, Kandil und andere arabische oder türkische Politiker würden sich „auf die Seite der Bevölkerung von Gaza“ stellen. (Standard, 19. Nov. 2012) Denn in Wahrheit stellen sie sich gegen die palästinensische Bevölkerung auf die Seite der Hamas und anderer Terrorgruppen, für die palästinensische Zivilisten gerade einmal gut genug sind, um als menschliche Schutzschilde zu fungieren, hinter denen man sich verstecken kann, und aufwühlende Bilder für den Propagandakrieg zu liefern, wenn sie im angezettelten Krieg getötet werden. Das meinte ein Sprecher der Hamas, als er in einem Fernsehinterview einen Waffenstillstand für verfrüht erklärte, weil noch nicht genug Blut geflossen sei, um die gezielte Tötung ihres Spitzenfunktionärs al-Jabari (Standard, 15. Nov. 2012; Presse, 15. Nov. 2012) am vergangenen Mittwoch zu vergelten – vordergründig sprach er von israelischem Blut, doch konnte seine Bemerkung auch so verstanden werden, dass noch nicht genug Bilder palästinensischen Blutes in die Welt übertragen worden seien, um einen Propagandasieg gegen Israel reklamieren zu können.

In diese zynische Kalkulation hätte es auch gut gepasst, wenn Ägyptens Premier Kandil während seiner Gaza-Visite in einen israelischen Angriff geraten wäre. Deshalb brachen palästinensische Terroristen auch die temporäre Waffenruhe, der Israel für die Zeit seines Besuches zugestimmt hatte.

Das neue regionale Umfeld

In keiner Zeitung durfte in der Berichterstattung über den Gaza-Krieg die Bemerkung fehlen, Israel habe noch nicht verstanden, dass sich mit den Umwälzungen in Ägypten und anderswo das regionale Umfeld geändert habe. In der Kronen Zeitung las sich das unter der Überschrift „Die Schrift an Israels Wand“ so: „Netanyahu sah, falls er nicht gänzlich blind ist, seit einem Jahr die gewaltigen Umwälzungen in der arabischen Welt, aber ohne die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen: dass nämlich der ‚kalte Frieden‘ mit Arabiens Diktatoren unwiderruflich begraben ist und dass Israel mit einem neuen strategischen Umfeld konfrontiert ist, auf dem die arabischen Völker selbst das Geschehen bestimmen.“ In seiner „Militärfestung Israel“ habe Netanjahu es verpasst, die nötigen politischen Initiativen gegenüber der arabischen Welt zu unternehmen. (Kronen Zeitung, 18, Nov. 2012) Ganz ähnlich schrieb Wieland Schneider in der Presse über „Israels Problem mit der neuen arabischen Welt“, der eine unter Journalisten besonders beliebte, nichtsdestotrotz aber reichlich realitätsfremde Floskel zum Besten gab: „Für Israel bieten die Umbrüche im arabischen Raum die Chance, Abkommen nun nicht mehr nur mit Potentaten zu schließen, sondern mit einer ganzen Bevölkerung. Doch so weit ist es noch nicht.“ (Presse, 17. Nov. 2012) Wie auch Karim El-Gawhary betonte, „weht Israel heute ein heftiger regionaler Gegenwind entgegen, der auch ein neues Selbstbewusstsein der Regionalmächte zeigt.“ Für Israel „verschieben sich die regionalen Gewichte derzeit rasant zu seinen Ungunsten.“ (Presse, 19. Nov. 2012) Die Krone warnte vor den Gefahren eines langen Krieges: „Er radikalisiert und gefährdet die neuen Regime in Tunesien, Libyen und Ägypten“. (Kronen Zeitung, 18. Nov. 2012)

Glaubt man diesen Analysen, dann macht Israel einen schweren Fehler, wenn es glaubt, gegen die Hamas jetzt auf die Macht der Abschreckung setzen zu können. Dies sei genau die Art von veraltetem Denken, das noch aus der Zeit vor den Umwälzungen in Israels Nachbarschaft stamme und heute einfach nicht mehr aktuell sei. „Die israelische Stammtisch-Logik, wonach die Araber von Zeit zu Zeit ‚eine Lektion benötigen‘, um sie unten zu halten, wird zum Bumerang“, erläutert Kurt Seinitz in einem Medium, in dem Stammtisch-Logik ansonsten für das Maß aller Dinge gehalten wird. (Kronen Zeitung, 18. Nov. 2012)

Kaum jemand unter Österreichs Journalisten kommt dagegen auf die Idee, dass Israel die Veränderungen in der Region nicht nur sehr wohl zur Kenntnis genommen hat, sondern von Anfang an sehr viel besser als so mancher illusionsbeladene westliche Beobachter wusste, was es für die eigene Lage bedeutet, wenn etwa in Ägypten die antisemitischen Muslimbrüder an die Macht kommen.

Wie falsch die Analysen sind, die angebliche Experten hierzulande über die Folgen der regionalen Veränderungen anstellen, lässt sich an Gudrun Harrer zeigen, die Ende Jänner noch der Ansicht war, das Resultat des Siegeszuges des sunnitischen Islamismus werde für die Hamas „unweigerlich auch ein Schub an Pragmatismus in der israelisch-palästinensischen Frage“ sein. (Standard, 31. Jän. 2012) MENA hat Harrer schon damals widersprochen und hervorgehoben, dass genau das Gegenteil stattfindet: kein Pragmatisierungsschub der Hamas, sondern ein Radikalisierungsschub der umliegenden Region.

Die Eskalation der Angriffe auf Israel ist Resultat genau dieses Radikalisierungsschubes in der Region. Wie Jonathan Spyer ausführt, ging die Hamas davon aus, dass die neu gewonnene Unterstützung durch maßgeblich Akteure – hier ist in erster Linie natürlich an Ägypten unter der Herrschaft der Muslimbrüder zu denken – ihr und anderen Gruppierungen in Gaza eine freiere Hand bei Aktionen gegen Israel ermögliche. Die Hamas-Führung setzte darauf, dass Angst vor der neuen regionalen Kräfteverteilung die Israelis davon abhalten würde, auf die verstärkten Attacken ernsthaft zu reagieren. Würden die Israelis so denken wie die Mehrzahl österreichischer Journalisten, hätte die Hamas mit ihrer Kalkulation gute Aussichten auf Erfolg gehabt. Stattdessen stellen sie unter Beweis, dass sie über die Vorgänge in der Region weit besser Bescheid wissen als diejenigen, die sich in einer Mischung aus Ignoranz und mangelnder Selbsteinschätzung bemüßigt fühlen, ihnen ständig erklären zu müssen, was gut für sie sei.


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