Wer schiebt wohin?

Im Standard widmete sich Gudrun Harrer gestern dem Neuorientierungsprozess, den die palästinensische Hamas in diesen Wochen vollzieht: Die Umbrüche in der arabischen Welt haben eine Stärkung des sunnitisch-islamistischen Spektrums zur Folge. Damit ist für die Hamas der Zeitpunkt gekommen, sich aus der engen Verbindung mit dem Iran, mit Syrien und der libanesischen Hisbollah zu lösen. So zutreffend Harrers Beschreibung der aktuellen Entwicklung ist, so kurios ist die Schlussfolgerung, die sie daraus zieht.

„Die Hamas“, so folgert Harrer nämlich, „wird sich entscheiden müssen, und zum Seitenwechsel gehört unweigerlich auch ein Schub an Pragmatismus in der israelisch-palästinensischen Frage.“ Warum eine Änderung der Haltung der Hamas im Konflikt mit Israel „unausweichlich“ sein soll, und warum ausgerechnet jetzt ein „Schub an Pragmatismus“ stattfinden müsse, das bleibt das Geheimnis Harrers und der von ihr nicht näher genannten „Beobachter“, die bereits Anzeichen dieses „Paradigmenwechsels“ zu erkennen vermögen.

Jahrelang hat sich die Hamas allem internationalen Druck zum Trotz geweigert, auch nur einen Millimeter von ihren Hardliner-Positionen im Konflikt mit Israel abzuweichen. Statt bisherige Verträge der Palästinenser mit Israel anzuerkennen, verzichtete sie lieber auf einen großen Teil der Gelder, die aus Europa und den USA in die palästinensischen Gebiete gepumpt werden. Lieber setzte sie den Gazastreifen einer weitgehenden Blockade durch Israel und Ägypten aus, als dem Terror gegen Israel, wenigstens in Form eines Lippenbekenntnisses, abzuschwören. Und vor allem: Niemals, so ein stets betonter Grundsatz, werde sie sich mit der Existenz des jüdischen Staates abfinden.

Seit einem Jahr haben sich nun die Rahmenbedingungen, denen das Handeln der Hamas unterworfen ist, erheblich verändert: Das Regime Hosni Mubaraks, des ein erklärter Feind der Achse Iran-Syrien-Hisbollah-Hamas war, existiert nicht mehr. Wie auch immer die politische Zukunft Ägyptens aussehen mag, klar ist, dass mit den Muslimbrüdern, der Mutterorganisation der Hamas, und den Salafisten zwei Gruppierungen ein gewichtiges Wort mitzureden haben werden, die von einem Frieden mit Israel in etwa so viel halten, wie die Hamas selbst.

Das Regime Assads in Syrien, bislang einer der wenigen Verbündeten der Hamas, könnte sich kurz vor seinem Sturz befinden, doch stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch dort in Zukunft die Muslimbrüder in der einen oder anderen Form an der Macht beteiligt sein werden. Und sollten sich die Beziehungen zum Iran abkühlen, so steht bereits ein neuer Förderer bereit: Die Türkei unter der Führung Erdogans hat sich binnen weniger Jahre von einem engen Partner zu einem ausgesprochenen Feind Israels und deklarierten Freund der Hamas gewandelt. Und selbst Jordanien sieht sich angesichts der aktuellen Entwicklungen gezwungen, den Kontakt mit der Hamas auf eine neue Basis zu stellen. Wie der Standard selbst berichtete, wurde der Chef der Hamas unlängst zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder von König Abdullah in Amman offiziell empfangen. Diskutiert wird sogar darüber, ob das Hauptquartier der Hamas vom unsicher gewordenen Damaskus nach Jordanien verlegt werden sollte.

Kurz gesagt: Im Verlauf des letzten Jahres haben sich exakt nirgendwo in der arabischen Welt Kräfte durchsetzen können, die Israel freundlicher gesonnen sind, als es die alten Regime waren. Im neuen Ägypten gilt selbst der ohnehin nur „kalte Friede“, der die letzten dreißig Jahre lang die Beziehungen zu Israel charakterisiert hatte, heute tendenziell als Hochverrat. Die Türkei ist unter Führung der islamistischen AKP zum offiziellen Förderer der Hamas mutiert – und das nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer unversöhnlichen Haltung gegenüber Israel. Anders als Harrer und die von ihr bemühten „Beobachter“ annehmen, gibt es demnach momentan nicht den geringsten Grund, weshalb die Hamas aus all diesen Entwicklungen den Schluss ziehen sollte, ausgerechnet jetzt wäre die Zeit jetzt reif für einen „Schub an Pragmatismus in der israelisch-palästinensischen Frage“. Was hier vor sich geht, ist schlicht das Gegenteil – kein Pragmatisierungsschub der Hamas, sondern ein Radikalisierungsschub der umliegenden Region.


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