Warum sich radikale Muslime in die Luft sprengen

„Anders als vielfach angenommen, ist der islamistisch motivierte Selbstmordattentäter eine historisch neue Figur. Vor vierzig Jahren hat es ihn noch nicht gegeben. Von 1979 bis 1989 führten die Islamisten, unterstützt von den USA, ihren Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan. In diesem Zeitraum fand kein einziges Selbstmordattentat statt, widerspricht doch dieses Kampfmittel dem Koran. Erstens verbietet auch der Islam das Menschenopfer für Gott, zweitens ist die Selbsttötung strikt untersagt, und drittens ist die Tötung von Unschuldigen, die sich zufällig am Ort des Massakers aufhalten, verboten. ‚Begeht nicht Selbstmord‘, heißt es etwa in Sure 4, Vers 29 und 30 des Koran. ‚‘Wer dieses tut …, den werden wir brennen lassen im Feuer.‘ (Nach der Übersetzung von Max Henning in der Reclam-Ausgabe des Koran.) Gewiss: Es finden sich im Koran zahllose Verse, die die Gläubigen aufrufen, nicht das diesseitige Leben, sondern allein das ‚jenseitige‘ zu lieben. Darauf aufbauend, entwickelten die 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbrüder ihren Märtyrerkult: Für sie war und ist ‚der Tod für die Sache Gottes ihr erhabenster Wunsch‘.

Und doch war ihr Aufruf, den Tod im Zuge des Dschihad gegen Ungläubige nicht zu fürchten, von der heutigen Praxis des suizidalen Massenmords, bei dem die Täterin und der Täter den Selbstmord willentlich vorbereiten, weit entfernt.

Es bedurfte der Beihilfe der islamistischen Schiiten, um die Kluft zwischen Märtyrerverherrlichung und Selbstmordkultur zu schließen.

1982, im Krieg zwischen dem Irak und dem Iran, schickte Irans Revolutionsführer Khomeini erstmals Tausende iranischer Kinder in den sicheren Tod: Er veranlasste sie, die Minenfelder mit ihren jungen Körpern zu räumen, um, so die Propaganda, ins Paradies zu kommen.

Im November 1982 kopierte der 15-jährige Schiit Ahmad Qusayr erstmals diese Methode und sprengte in der libanesischen Stadt Tyros sich selbst und einige Israelis in die Luft. Khomeini erklärte Qusayr zum ‚Helden des Islam‘ und ließ ihm in Teheran ein Denkmal errichten: Das Kampfmittel des suizidalen Massenmords war geboren, wie Josef Croitoru 2003 in seinem Buch ‚Der Märtyrer als Waffe‘ schrieb.

Es vergingen mehr als zehn Jahre, bevor auch die sunnitischen Islamisten ihre religiös bedingten Skrupel überwanden und dem Beispiel Ahmad Qusayrs folgten: 1993 starteten die Al-Qassam-Brigaden der Hamas ihre erste Selbstmordoperation.“ (Der Mena Watch-Gastautor Matthias Küntzel in der deutschen Tageszeitung Die Welt: „Die Menschheit muss Selbstmordattentate ächten“)

 

Matthias Küntzel auf Mena Watch:Flüchtlingskrise: Biedermann Steinmeier als Brandstifter

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