Warum die Türkei sich nicht rasch aus Syrien zurückziehen wird

tuerkische-panzer-richtung-syrienDie Türkei hat die Operation ‚Schutzschild Euphrat‘ offiziell als Akt der Grenzsicherung gegen den ‚Islamischen Staat‘ (IS) und die mit der PKK verbundenen kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG) in Syrien ausgegeben. Allein diese Behauptung wirft eine Menge Fragen auf. Drei Jahre lang steht der IS nun schon weitgehend unbehelligt an der türkischen Grenze. An Provokationen hat es nicht gefehlt. Da gab es zunächst die Geiselnahme des Personals des türkischen Konsulats in Mossul im Juni 2014. In der Folgezeit verübte der IS 14 Anschläge in der Türkei, bei denen 266 Menschen starben. Die türkische Kleinstadt Kilis wurde im April und Mai dieses Jahres vom IS mit Raketen beschossen; 21 Einwohner und syrische Flüchtlinge kamen dabei ums Leben. (…)

Rasch wieder zurückziehen, wie es einige Experten sagen, kann sich die Türkei nicht, schon weil ihre FSA auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein dürfte, sich allein zu behaupten. In einer Rede im grenznahen Gaziantep am Sonntag verglich Erdoğan den Einsatz in Syrien mit der Anwesenheit von türkischen Truppen im Irak. Diese sind dort seit Jahren gegen den erklärten Willen der irakischen Regierung. Außerdem sagte der türkische Präsident, dass auch weitere Gebiete okkupiert werden könnten. Der Kampf werde fortgesetzt, ‚bis die Wurzeln der Terrororganisation ausgerissen sind‘ – gemeint sind damit die YPG. Verbündete prophezeiten einen Vormarsch bis Kobanê, das sie in ‚Quelle des Islam‘ umbenannten.

Erdoğans Worte muss man nicht als unmittelbare Ankündigung verstehen. Noch gibt es die US-amerikanischen Truppen und die Übernahme eines größeren Gebietes wird auch für die Türkei schwierig. Doch die dauerhafte Trennung der Kurdengebiete bedeutet, dass die Türkei in einem Territorium von etwa 7 000 Quadratkilometern Fläche eine von ihr militärisch, ökonomisch und politisch abhängige Verwaltung aufbauen muss. Unter Berufung auf Militärkreise meldete die Zeitung Cumhuriyet, dass es auch Pläne für eine ‚Ansiedlung‘ gebe. Die Türkei könnte Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens dort ansiedeln. Das dürfte auf eine Erhöhung des arabischen Bevölkerungsanteils oder sogar eine gezielte Turkmenisierung hinauslaufen. Knifflig wird es, sollte die Türkei dafür EU-Gelder beantragen. Ein solches Gebiet könnte auch Ausgangsbasis für weitere Unternehmungen in Syrien sein. Unter türkischem Schutz könnte hier eine befriedete und relativ prosperierende Region entstehen, was Erdoğan betonen dürfte. Sie könnte als erste Umsetzung neoosmanischer Träume von einem muslimischen Großreich unter türkischer Führung erscheinen.

(Jan Keetman schreibt in der Jungle World: „Der Verlierer steht fest“)

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