Warum der Iran den IS in Syrien mit Raketen angriff

„Die USA schießen einen syrischen Kampfflieger ab. Der Iran beschießt den Osten Syriens mit Raketen. Russland droht, Flugzeuge der Koalition westlich des Euphrat anzugreifen. Was ist da los? Das ganze mag wie ein hoffnungsloses Chaos aussehen, doch sind die Konturen klar genug. In dem großen muslimischen Bürgerkrieg, der in Syrien seinen Mittelpunkt hat, steht mit der absehbaren Niederlage des Islamischen Staats ein neuer Abschnitt bevor. Es handelt sich um das Ende vom Anfang. Die Parteien manövrieren, um das zu beeinflussen, was als nächstes kommt. Es ist so wie 1945 in Europa, als der Krieg gegen Nazideutschland noch tobte doch alle den Ausgang schon kannten. Damals fand das Manövrieren überwiegend zwischen den nahenden Siegern – der Sowjetunion und den westlichen Demokratien – statt. Es ging darum, die Grenzen und Einflusssphären der Nachkriegsordnung zu abzustecken. Ähnlich steht es heute in Syrien. Jeder weiß, dass der Islamische Staat am Ende ist. Nicht, dass er als Ideologie, aufständische Bewegung oder beständige Quelle des Terrorismus sowohl in der Region als auch im Westen verschwinden wird. Aber als unabhängiges und organisiertes territoriales Gebilde im Herzen des Nahen Ostens ist er erledigt.

Das vom Iran, der Hisbollah und von Russland unterstützte Regime Bashar al-Assads hat im Landesinneren Syriens (insbesondere in Aleppo) die Oberhand über die nicht-dschihadistischen Aufständischen gewonnen und fühlt sich sicher genug, um sich den Osten Syriens vorzuknöpfen. Wenn es seine Kontrolle über ganz Syrien wiederherstellen will, muss es Raqqa und die umliegenden Gebiete unter der Kontrolle des Islamischen Staats zurückerobern. Doch die Streitkräfte in der Nähe Raqqas sind pro-westlich und dem Regime feindlich gesinnt. So erklärt sich der Angriff des syrischen Kampffliegers und dessen Abschuss durch die USA. Wir verteidigen unsere Freunde. So erklärt sich auch die russische Drohung, US-amerikanische Flieger anzugreifen. Die Russen verteidigen ihre Freunde. Am Tag des Abschusses schoss der Iran zudem sechs Boden-Boden-Raketen auf syrisches Gebiet ab, das vom Islamischen Staat kontrolliert wird. Warum? Vordergründig, um die Dschihadisten für die Terroranschläge vor zwei Wochen in Teheran zu bestrafen. Vielleicht. Doch ein offensichtliches Ziel war es, Saudi-Arabien und den anderen sunnitischen Arabern zu zeigen, wie weit die Waffensysteme und territorialen Ambitionen des Iran reichen. Für den Iran spielt Syrien die Schlüsselrolle, es ist der entscheidende Schauplatz für einen Krieg zwischen Schiiten und Sunniten um die regionale Vormachtstellung. Der nicht-arabische Iran führt mit Hilfe seiner arabischen Helfershelfer – der Hisbollah im Libanon, den schiitischen Milizen im Irak, der weitgehend unterwanderten irakischen Regierung und dem alawitischen Regime Assads – die schiitische Seite an. (Die Alawiten sind eine nicht-sunnitische Sekte, die oft mit dem schiitischen Islam in Verbindung gebracht wird.) Gemeinsam bilden sie einem enormen Bogen, den schiitischen Halbmond, der sich vom Iran durch den Irak, Syrien und den Libanon bis zum  Mittelmeer erstreckt. Falls  dieser konsolidiert würde, hätten die Perser einen Zugriff aufs Mittelmeer wie seit 2300 Jahren nicht mehr.“ (Charles Krauthammer: „The great Muslim civil war – and us“)

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