Waren die arabischen Diktaturen eine Form des Säkularismus?

Saddam Hussein küsst den Koran

„Schon während des gesamten 20. Jahrhunderts lebte die arabische Welt entweder in einem islamistischen oder in einem nationalistischen Bezugsrahmen. Es wurde zwar die Frage nach einem ‚dritten Weg‘ oder nach einem entsprechenden Diskurs unter Mitwirkung arabischer Intellektueller gestellt, aber die Antwort darauf war selten positiv. Im Allgemeinen bewegen sich alle arabischen Ideologien innerhalb der beiden genannten Pole. Trotz der politischen Divergenzen und Konflikte zwischen beiden Konzepten – bisweilen auch blutig ausgetragen – ist die Existenz des einen unweigerlich mit der des anderen verbunden. Tatsächlich ist die aktuelle missliche Lage in der arabischen Welt und vor allem in der Levante eine Folge dieser Dynamik. Auf den Abfall von der nationalistischen Ideologie folgte die Hinwendung der Araber zum Islamismus. Das sehen selbst die Islamisten so. Doch das soll nicht Gegenstand meiner Betrachtung sein. Vielmehr sind es die mutwillig falschen Behauptungen der Islamisten, die arabisch-nationalistische Diktatur sei ein Kind der Moderne und folglich des Säkularismus. Die Islamisten bieten sich immer wieder als alleinige Alternative zu politischen Regimen an, die auch noch an der Verbreitung dieser irreführenden Behauptungen mitwirken. (Nicht selten heißt es, die islamistische Ideologie sei eine ‚naturgegebene Alternative‘. Warum? Weil wir Araber sind, geht man davon aus, wir seien instinktiv islamistisch!) (…)

Diese Entwicklungen wurden als Beleg angeführt, die arabische säkulare Ideologie sei gescheitert und mit ihr der Eckpfeiler der Diktaturen. Beide irrigen Behauptungen beruhen auf zwei Sichtweisen: Erstens einer politischen Sicht, nach der die Tyrannei der arabischen politischen Systeme mit der westlichen Moderne gleichgestellt wird. Und zweitens einer religiösen Sicht, nach der die tyrannischen arabischen politischen Systeme atheistisch gewesen seien und sich somit gegen den Islam gestellt hätten, der wiederum der naturgegebene Zustand der Araber sei. Beide Sichtweisen sind das Ergebnis eines größeren fundamentalen kulturellen Kontextes. Dies gilt vor allem in Bezug auf den Versuch, den Säkularismus zu delegitimieren, indem dessen moderne Inhalte diskreditiert werden und er lediglich als ‚eine andere Ideologie‘ hingestellt wird. Parallel dazu wird die Rückkehr zum islamischen Erbe als kultureller und historischer Weg hin zu gegenwärtigen und künftigen arabischen Ambitionen betrachtet. Dieses Erbe wird tausendfach zum Nutzen der Despoten und Islamisten beschworen. Die Gleichstellung von Säkularismus und westlicher Welt fördert die Mär von der Feindschaft gegen den Islam. Die arabischen nationalistischen Diktaturen haben leider nichts dazu beigetragen, diesen intellektuellen Unsinn der Islamisten aufzudecken. Ganz im Gegenteil: Stets wollten sie unter Beweis stellen, noch islamistischer zu sein als die Islamisten selbst. (…) Wer den Säkularismus mit arabischen Diktaturen verschränkt, will den Säkularismus schlicht und einfach diskreditieren. Zur Befreiung von der Tyrannei, [müsse] folglich die aus der Diktatur erwachsene säkulare Kultur bekämpft werden. (…) Solche arabischen intellektuellen Denkmuster sind mit den aktuellen islamistischen intellektuellen Diskursen verwandt“. (Hammud Hammud: „Säkularismus – ‚eine andere Ideologie‘?“)

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