VORWEIHNACHTLICHES SCHWEIGEN

Im Standard nimmt Hans Rauscher das bevorstehende Weihnachtsfest zum Anlass, um sich Gedanken über das „Christentum am Ort seiner Entstehung“ zu machen. Die Kirchen des Nahen Ostens, so seine nüchterne Bilanz, seien „durch die Entwicklung in den Staaten der Region in Gefahr“. Anstatt die in Israel wie nirgends sonst im Nahen Osten praktizierte Religionsfreiheit hervorzuheben, schafft es der sich selbst stets als „Freund Israels“ darstellende Rauscher sogar in diesem Zusammenhang, negativ über den jüdischen Staat zu schreiben – und erwähnt mit keinem Wort die immer schlechter werdende Lage der Christen in den von den Palästinensern beanspruchten Gebieten des Gazastreifens und des Westjordanlandes.

Insbesondere die Entwicklung in Ägypten, so führt Rauscher aus, sei „alarmierend“. Neben der Häufung von Brandanschlägen und gegen Kopten gerichteten Gewalttaten sei die Entwicklung Ägyptens hin zu einem islamistischen Staat Besorgnis erregend. Im syrischen Bürgerkrieg „drohen die christlichen Gemeinschaften … unter die Räder zu kommen“, im Irak und im Libanon „ist vielen der Druck zu groß geworden, und sie haben das Land verlassen.“ Auch in der Türkei sei Religionsfreiheit für Christen „nur sehr eingeschränkt gegeben.“

Aber was ist eigentlich mit dem Christentum „am Ort seiner Entstehung“, über das Rauscher eigentlich schreiben wollte? Wie sieht die Lage der Christen im „Heiligen Land“ aus? Rauscher hat dazu nur so viel zu sagen: „Israel verhält sich zu den christlichen Arabern in seinem Herrschaftsbereich eher unfreundlich: So wurde versucht, die Erklärung der Geburtskirche in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu blockieren.“

Dass Israel sich dagegen ausgesprochen hat, Betlehem zum Weltkulturerbe zu erklären, mag gute oder schlechte Gründe gehabt haben, mutet jedoch im Vergleich zum Schicksal von Christen im Rest der Region geradezu läppisch an. Dass Christen ihre Religion in Israel völlig ungehindert leben können, das war Rauscher keine Erwähnung wert. Aber warum geht er eigentlich mit keinem Wort auf die Lebensumstände von Christen in den so genannten palästinensischen Gebieten ein? Warum verschweigt er die regelrechte Verfolgung, unter der Christen im Gazastreifen unter der Herrschaft der islamistischen Hamas zu leiden haben? Warum ist ihm der Exodus der Christen aus dem Westjordanland – besonders seit dem Beginn des Oslo-Friedensprozesses – anscheinend völlig egal? Warum erwähnt er beispielsweise nicht, dass in den 1950er-Jahren noch rund 80 Prozent der Bewohner des von ihm erwähnten Betlehem Christen waren, während es heute noch höchstens 10 bis 15 Prozent sind?

Über die Lage von Christen im Nahen Osten zu schreiben, dabei deren überaus prekäre Lage im Gazastreifen und Westjordanland zu verschweigen und statt dessen Israels Verhalten ihnen gegenüber als „eher unfreundlich“ zu bezeichnen, ist zwar inhaltlich grotesk, sagt aber einiges über die Art von „Freundschaft“ aus, die Rauscher seinem eigenen Bekunden nach mit Israel verbindet.


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