Verharmlosung als Programm: Der ORF und der 9. November

Am 9. November 2013 jähren sich zum 75. Mal die Novemberpogrome von 1938. Der ORF will sich den Ereignissen, die „den Einbruch der Barbarei in unsere Gesellschaft“ markierten (ORF-Presseaussendung), mit einem umfassenden Programmschwerpunkt widmen. Er demonstriert dabei, wie historisches Gedenken in den Dienst der Verharmlosung gestellt wird: Der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus wird gedacht, der Antisemitismus von heute dagegen skandalös verniedlicht.

Mittel zu diesem Zweck ist die Ausstrahlung des Filmes „Defamation“ des israelischen Regisseurs Yoav Shamir. Schon die Vorankündigung dieses Machwerks in der ORF-Presseaussendung macht klar, worum es geht: um die „Spurensuche einer Verleumdung“. Denn „Defamation“ macht sich nicht auf die Suche nach „heutigen Erscheinungsformen von Antisemitismus“, wie der Kurier heute meinte, sondern ist, wie die Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich ausführte, „eine weitere demagogische Abrechnung mit Israel und all denjenigen, die den Antisemitismus zu bekämpfen versuchen.“ Denn in Wahrheit gebe es kaum mehr Antisemitismus, und wer das Gegenteil behaupte, sei entweder paranoid oder verwende den Antisemitismus-Vorwurf in verleumderischer Absicht, um Kritik an Israel abzuwehren. Übrig bleibt die „filmische Variante des Ressentiments, wonach ‚die Juden den Holocaust für ihre eigenen Zwecke‘ ausnützten.“

Damit die Botschaft, dass Antisemitismus heute im Grunde keine Rolle mehr spielt und nur mehr als Totschlag-Argument gegen Kritiker Israels Verwendung finde, auch nur halbwegs plausibel erscheinen kann, wird in „Defamation“ ein großer Teil der Realität ausgeblendet. Neil J. Kressel weist darauf in seiner lesenswerten Studie „Die Söhne von Schweinen und Affen. Muslimischer Antisemitismus und die Verschwörung des Schweigens“ hin: „The film does not even mention Jew-hatred in the Arab und Muslim world.“ Anstatt u. a. ausgerechnet in New York, dieser kosmopolitischen Hauptstadt der Welt, nach Antisemitismus zu suchen, hätte Regisseur Shamir sich von Israel aus nur wenige Kilometer in die Westbank, nach Ägypten, Syrien oder in den Libanon begeben, einen Blick nach Saudi-Arabien oder auf die Propaganda des iranischen Regimes werfen müssen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie alltäglich und virulent hier Judenhass von einer Sorte zelebriert wird, wie er im Westen tatsächlich nur relativ selten zum Vorschein kommt. Weil das aber das ganze Konzept von „Defamation“ über den Haufen geworfen hätte, unterbleibt jeglicher Hinweis auf die antisemitische Realität (nicht nur) des Nahen Ostens. Kressels Resümee über Shamir ist wenig hinzuzufügen: „His neglect of Islamic Jew-hatred, his failure to engage legitimate questions about the extent and significance of other strains of contemporary antisemitism, and his attempt to ridicule those in the Jewish community who do not share his perceptual limitations reflects a common bread of antisemitism denial or minimization.”

Der ORF wird Kritik an der Ausstrahlung von „Defamation” mit Sicherheit mit dem Hinweis darauf beantworten, dass dies ja nur ein Film im Rahmen eines umfassenden Programmschwerpunkts sei, doch liegt genau hier das Problem: Als einzigen Film der Sendereihe, in dem es um die Aktualität des Antisemitismus geht, sendet der ORF ein als „Dokumentation“ verkauftes Machwerk, in dem die Gefahr des zeitgenössischen Antisemitismus verharmlost wird. Generaldirektor Wrabetz wurde in der Presseaussendung zum Programmschwerpunkt „75 Jahre Novemberpogrome“ mit den Worten zitiert: „Nur wer die Vergangenheit kenn, versteht die Gegenwart.“ Dumm nur, dass die von ihm geleitete Fernsehanstalt gerade rund um den 9. November zum Verständnis des gegenwärtigen Antisemitismus offenbar nichts beitragen wird.

Update: Der ORF hat entschieden, „Defamation“ aus dem Programm zu nehmen und ihn nicht wie geplant am 3. November auszustrahlen.


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