Unzufriedenheit mit Hisbollah unter schiitischer Bevölkerung im Libanon

Der Syrienkrieg hat nicht nur die Hisbollah militärisch verändert und ihre Rolle in der Region stark ausgeweitet, sondern auch die schiitische Community im Libanon und deren Wahrnehmung der Hisbollah. Die Gegensätze zwischen den Klassen sind im [schiitischen Beiruter Vortort] Dahiya dramatischer als je zuvor. Die armen Nachbarschaften stellen die Kämpfer, während jene der oberen Mittelschichten und der Reichen vom Krieg profitieren. In Hay al-Sollom pflastern Plakate der ‚Märtyrer’ die Mauern und Beerdigungen junger Männer sind zu einem fast täglichen Ereignis geworden. In jeder Wohnung, in jedem Haus ist der Krieg präsent, allerorten drehen sich die Nachrichten und Diskussionen um syrische Schlachten und Todesfälle. In anderen Nachbarschaften ist der Krieg dagegen fern, vor allem, weil die wohlhabenden Schiiten ihre Söhne nicht in den Krieg schicken. Etliche Funktionäre der Hisbollah haben sich die Kriegswirtschaft zunutze gemacht und ihre Investitionen vor Ort ausgeweitet. Läden, Restaurants, Hotels und Cafés florieren inzwischen in den wohlhabenden Teilen Dahiyas und im Süden. Das zunehmende Wohlstandsgefälle ist ein Teil der Erklärung für die Revolte der vergangenen Woche. Die armen brachten ihre Frustration über die Hisbollah-Funktionäre zum Ausdruck, die in schicken Wohnungen leben, Neuwagen fahren und ihre Kinder in Privatschulen und Universitäten in anderen Stadtteilen schicken. Bislang konnte diese Frustration gezügelt werden, weil die Hisbollah weiterhin als die Beschützerin aller Schiiten fungierte, ob reich oder arm. (…)

Die Hisbollah hat die schiitische Community in der Vergangenheit mehrmals in Kriege gegen Israel hineingezogen, doch waren dies relativ kurze Auseinandersetzungen und die Schiiten vor Ort wurden gewöhnlich mit reichlich Geld und Dienstleistungen belohnt. Doch beim Syrienkrieg ist das anders. Er zieht sich seit Jahren hin, beraubt die Hisbollah ihres Profils als ‚Widerstands’-gruppe sowie der Fähigkeit, Sozialleistungen bereitzustellen, und kostet zudem die Leben vieler junger Männer. Nachdem die Gruppe begann, sich mit den Ereignissen im Nachbarstaat zu befassen, konnte es die Drogenkartelle, Kleinkriminalität und illegale Bautätigkeit zu Hause nicht mehr in Schranken halten. In Dahiya kam es zunehmends zu Straßenkämpfen unter Schiiten und lauter werdenden Beschwerden, die darauf hinweisen, dass Fragen des Lebensunterhalts und der Grundversorgung den Anwohnern wichtiger sind als das Prestige der neuen Rolle der Hisbollah in der Region. Familien, die es sich leisten konnten, begannen, den Bezirk zu verlassen, und siedelten in den Süden oder andere Teile Beiruts um. (…)

Die Hisbollah hat die schiitische Community lange mit einer einfachen Formel an sich binden können: ‚Ich bin Euer Beschützer und Versorger, aber Ihr müsst meine Ideologie annehmen und meine Kriege führen und vergessen, dass ihr Bürger des libanesischen Staates seid.’ Diese Herangehensweise hat jahrzehntelang funktioniert – bis die Hisbollah selbst zu einem Staat wurde, der keine Leistungen bietet. (…) Der Abstand zwischen den wohlhabenden Funktionären der Organisation und den armen als ‚Märtyrer’ auserkorenen Fußsoldaten wird größer. So suchen die Menschen nach Alternativen. Es gibt jetzt vermutlich zwei Möglichkeiten: entweder wird der Ärger der Öffentlichkeit eingedämmt und die Armen werden sich einfach in die neuen Regeln fügen, oder ihr Unmut wird zu weiteren Spannungen und Zusammenstößen mit den reichen Nachbarschaften Dahiyas führen.“ (Hanin Ghaddar: „Shia Unrest in Hezbollah’s Beirut Stronghold“)

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