Türkei versucht, Spuren religiöser Minderheiten auszulöschen

„Mindestens 100 historische Güter der aramäisch-sprachigen Kirchen in der Südosttürkei hat die türkische Regierung innerhalb der vergangenen fünf Jahre konfisziert. Diese Enteignungen reihen sich in ein breites Repertoire an Unterdrückungsmaßnahmen gegen christliche Minderheiten ein, deren trauriger Höhepunkt der Völkermord an den Armeniern und Aramäern während des Ersten Weltkrieges war. (…) [Die] Beispiele zeigen, dass Enteignungen christlicher Minderheiten in der Türkei programmatisch sind. Ein Blick in die Historie des Landes verdeutlicht, dass dieses Muster einer traurigen Tradition folgt: Bereits im Zuge des Völkermordes an den Armeniern in Anatolien enteigneten die Machthaber ab 1915 systematisch Minderheiten. Das konfiszierte Eigentum der ungefähr 1,5 Millionen Opfer aus nicht-muslimischen Volksgruppen, zu denen vor allem die Armenier, aber auch Griechen, andere christliche Minderheiten wie die Aramäer, und Juden gehörten, ermöglichte die Gründung der türkischen Republik erst, denn es stellte deren wirtschaftliche Grundlage dar. Großangelegte Enteignungswellen nicht-muslimischer Eigentümer wiederholten sich unter verschiedenen Vorwänden periodisch im 20. Jahrhundert. (…)

Sema Kiliçer von der Menschenrechtsdelegation der EU für die Türkei und Mine Yildirim von der Religionsfreiheitsinitiative des Norwegischen Helsinki Komitees beklagen in einer Publikation der Konferenz Europäischer Kirchen, dass religiöse Minderheiten in der Türkei gegenüber der muslimischen Bevölkerungsmehrheit systematisch benachteiligt werden. Ein Beispiel: Seit 2004 gibt es die Möglichkeit, in gleicher Weise wie für Moscheen auch für andere Gottesdienststätten eine Baugenehmigung zu beantragen. Allerdings haben die Kommunen bislang fast ausnahmslos auf dem Verwaltungsweg entsprechende Bauvorhaben boykottiert. Verwaltungsvorschriften, unzureichende Rechtsbestimmungen und uneinheitliche Umsetzung an der Basis verhindern Religionsfreiheit. Daher fordern die Betroffenen anstelle des existierenden Stückwerks von Einzelreformen eine grundsätzliche Gleichbehandlung aller Bürger und eine religiöse Neutralität des Staates. Christen in der Türkei sind nicht als einzige mit derartigen Problemen als Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land konfrontiert. Ähnliche Situationen bestimmen das Leben der Christen im Sudan, im Iran, in Ägypten und in weiten Teilen Nordafrikas und der arabischen Halbinsel. Die systematische Zerstörung von Kirchen durch den IS im Irak und in Syrien hatte zum Ziel, selbst die Spuren der vertriebenen religiösen Minderheiten auszulöschen.“ (Christof Sauer: „So raubt die Türkei Christen ihr Eigentum“)

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