Türkei: Islamisierung gegen die Krise

„Derzeit sieht es danach aus, als wolle Erdoğan aus der Not eine Tugend machen. ‚Es ist an der Zeit, dass wir unsere Wirtschaft ebenso zurückerobern, wie wir am 15. Juli unsere Freiheit ergriffen haben‘, lautet eine seiner Parolen, die auf den Massenveranstaltungen der AKP stets wiederholt werden. Wie das konkret aussehen soll, dürfte aber auch Erdoğan nicht klar sein. Denn der zeitweilige Boom der Türkei basierte außer auf den Investitionen ausländischen Kapitals in die gigantischen Baumaßnahmen vor allem auf der Ausdehnung des privaten Konsums. Zwar ist die Staatsverschuldung der Türkei mit etwa 30,67 Prozent des BIP alles andere als besorgniserregend, aber die private Verschuldung nahm bereits in den vergangenen Jahren ein beunruhigendes Ausmaß an. (…)

Da der türkische Präsident entschlossen zu sein scheint, der wachsenden Instabilität weiterhin mit Islamisierung und einem autoritäreren Kurs zu begegnen, dürfte sich diese ökonomische Entwicklung fortsetzen. In einer Studie unter dem Titel ‚Rezession am Horizont‘ kamen Mitte Januar etwa die Analysten der Berenberg-Bank zu dem Ergebnis, dass ‚die türkische Wirtschaft in den nächsten Jahren erheblich verfallen‘ werde, wenn der bisherige politische Kurs fortgeführt wird. Dafür werde insbesondere die gigantische Kapitalflucht aus dem Land sorgen, die bereits zu Abwertungen der Kreditwürdigkeit durch die großen Rating-Agenturen geführt hat. Vor allem zwischen der Bekämpfung der Inflation und der Ausstattung türkischer Unternehmen und Privathaushalte mit Krediten sei dadurch ein unauflöslicher Widerspruch entstanden. ‚Aggressive Maßnahmen, die den Verfall der Lira aufhalten würden, hätten eine zusätzliche Schwächung der Binnennachfrage zur Folge‘, heißt es dort. Derzeit also ist Erdoğan dem Osmanischen Reich, das er so gerne wiedererschaffen würde, wenigstens im Titel nähergekommen: dem des ‚kranken Mannes am Bosporus‘, als der das schwächelnde Imperium im 19. Jahrhundert häufig geschmäht wurde.“ (Axel Berger: „Islamisierung hat ihren Preis“)

 

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