Türkei: Hetze gegen Silvester im Vorfeld des Anschlags

milli_gazette„Auf der Titelseite der Zeitung Milli Gazete prangten groß die Zeilen ‚Letzte Warnung. Feiert nicht Neujahr!‘ Das Blatt ist das Organ der türkischen Islamistenpartei Saadet, in der viele Politiker der heutigen Regierungspartei AKP groß wurden. Einer ihrer Hoffnungsträger war einst der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Er verstand aber, dass er breitere Kreise der Gesellschaft ansprechen musste, um die Macht zu bekommen, und gründete die gemäßigtere AKP. Die Warnung des Parteiblatts war Teil einer in den vergangenen Jahren immer intensiveren Kampagne gegen die traditionellen Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten in der Türkei. Vor allem Silvester wird zumindest bei säkularen Türken groß gefeiert, nach französischem Vorbild mit Geschenken, viel Musik und und ausgelassenen Feiern.

Die systematische Stimmungsmache gegen die allzu abendländische gute Laune wird schon seit Jahren von Stadtverwaltungen der Regierungspartei AKP gefördert. Sie weisen darauf hin, dass dies christlich-europäische, nicht türkische Traditionen seien. Dass es also nichts zu feiern gebe. So wurden in den vergangenen Tagen aus mehreren Landkreisen Anweisungen der Schulbehörden bekannt, jegliche Silvesterfeiern zu untersagen. (…) Und auch in der Freitagspredigt, die vom Präsidium für Religionsangelegenheiten an sämtliche Moscheen des Landes sowie auch an die beamteten Imame im Ausland – darunter knapp 1000 in Deutschland – geschickt wird, wurde Stimmung gemacht. (…)

[E]s gibt Indizien, dass für die Regierung Menschen, die auf einer Silvesterfeier in einer Diskothek ermordet wurden, nicht auf derselben Stufe wie andere Terroropfer stehen. Ansonsten werden, so problematisch dieser Begriff sein mag, auch zivile Terroropfer als ‚Märtyrer‘ bezeichnet, was Folgen für die etwaige staatliche Unterstützung für Hinterbliebene hat. Nun lautet die amtliche Sprachregelung, die fast alle Medien übernehmen: ‚Beim Terrorangriff auf das »Reina« ist ein Polizist, der an der Tür Wache stand, als Märtyrer gefallen; 38 weitere Menschen kamen ums Leben.‘“ (Boris Kálnoky: „Anschlag in Istanbul Für die türkische Regierung sind es Tote zweiter Klasse“)

 

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