Syrien: Wasser als politisches Machtmittel

Fluss Chabur. Quelle: Bertramz/Wikipedia

„Die wirtschaftliche und politische Stabilität Syriens hängt seit langem an einer komplexen Übereinkunft, die den Zugang zu Wasser regelt. Seit Hafez al-Assad 1970 die Macht ergriff, hat die syrische Regierung den öffentlichen Zugang zu Wasser zu politischen Zwecken manipuliert. Das Regime setzt Wasser ein, um politische Unterstützung zu erkaufen und aufrecht zu erhalten, Gegner einzuschüchtern und Aufstände zu brechen – alles in dem Bemühen, die Bevölkerung zu kontrollieren und zu unterdrücken. Wasser ist in Syrien schon immer eine politisierte Ressource gewesen. Angesichts der durch den globalen Klimawandel noch intensivierten Wasserknappheit im Mittelmeerraum wird Zugang zu Trinkwasser und zu Wasser für die Landwirtschaft aber zu einem noch wichtigeren Machtinstrument in den Händen der Assad-Regierung werden. (…)

Noch bevor Syrien Kriegsflüchtlinge produzierte, produzierte es Klimaflüchtlinge. So zerbrach die prekäre Übereinkunft, die vier Jahrzehnte lang für Stabilität gesorgt hatte. In den fünf Jahren, die dem Bürgerkrieg vorangingen, durchlebte Syrien eine der schlimmsten Dürren, die je dokumentiert wurden. Wenn Wasser die Währung der Regimetreue war, so stand die Assad-Regierung bald vor dem Bankerott. Im Osten Syriens fielen mehr als 86 Prozent der Nutztiere der Wasserknappheit zum Opfer. Im Schnitt fiel der Ernteertrag in künstlich bewässerten Gebieten um bis zu 23 Prozent und in Gebieten, die nur durch Regen bewässert wurden, um 79 Prozent. Von dem resultierenden Einbruch der Wirtschaft waren 1,3 Millionen Syrer betroffen, 800.000 verloren ihre Lebensgrundlage und Zehntausende waren gezwungen, vom Land in Elendsviertel in den Außenbezirken von Damaskus, Aleppo und Hama zu ziehen. UNO-Agenturen berichteten bereits 2009, dass 60 bis 70 Prozent aller Dörfer in der Provinz Hasakah und entlang des Chabur-Flussbettes gänzlich verlassen worden seien.

Die Auswirkungen der Dürre wurden durch die weit verbreitete Korruption und massive Misswirtschaft noch verschärft. In Jub Shaeer nahe Raqqa wuchsen noch Oliven- und Zitrusbäume auf den Anwesen von Anhängern des Regimes, deren Privilegien es ihnen erlaubten, illegale Brunnen zu betreiben, während ihre Nachbarn schon vor der Dürre in die Slums am Rande der westsyrischen Städte flohen. (…)

Genauso wie das Regime den Zugang zu Wasser vor dem Krieg nach der Regimetreue bemaß, wird es das wahrscheinlich auch im Laufe des Wiederaufbaus tun. (…) Wissenschaftler haben zu Recht argumentiert, dass der Syrienkrieg nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen sei. Gleichwohl ist klar, dass der Zugang zu Wasser das Verhalten des Staats auf Jahrzehnte hinaus bestimmen wird. Der Zugang zu Wasser ist in Syrien immer eine politische Frage gewesen, und Wasserknappheit wird die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in der Region auch weiterhin verschärfen.“ (Samuel Northrup: „The Growing Power of Water in Syria“)

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