Nur Unvermögen?

Die Österreichische Presseagentur (APA) beteiligt sich mit einer von ihr verbreiteten Meldung am inoffiziellen Wettbewerb um die absurdeste Darstellung der gegenwärtigen palästinensischen Terrorwelle. Wer sich vorstellen kann, dass auf die Überschrift: „Neue Gewalt in Nahost verschärft Spannungen“ ein Bericht über russische Luftangriffe in Syrien oder ein Selbstmordattentat auf schiitische Pilger in Bagdad folgen könnte, der hat noch nicht verstanden, wie diese Art von Journalismus funktioniert: Wenn in hiesigen Medien von „Nahost“ die Rede ist, ist ausschließlich der israelisch-palästinensische Konflikt gemeint – was im übrigen Nahen Osten passiert, ist irrelevant. Und wenn unspezifisch von „neuer Gewalt“ gesprochen wird, dann geht es in aller Regel um palästinensische Attacken auf Juden. So weit, so schlecht, so üblich. Was darauf aber im ersten Absatz der APA-Meldung folgte, ist mit sprachlicher Unfähigkeit allein nicht zu erklären.
 

Was ist geschehen?

Um die APA-Meldung ausreichend würdigen zu können, muss kurz dargestellt werden, was sich gestern zugetragen hat. Am Montagmorgen attackierte ein 22-jähriger Palästinenser in der Nähe von Hebron israelische Sicherheitskräfte. Ein 19-jähriger Soldat wurde durch Nackenstiche schwer verletzt, soll sich aber in stabilem Zustand befinden. Der Angreifer wurde erschossen. Später am Tag attackierte ein mit einem Messer bewaffneter palästinensischer Terrorist an einem Fußgänger-Checkpoint in Hebron israelische Soldaten; auch er wurde erschossen.

In der Nähe von Hebron warfen rund 150 Palästinensern Steine auf israelische Soldaten. Laut palästinensischen Quellen soll dabei ein 19-jähriger Palästinenser durch einen Kopfschuss getötet worden sein. Die israelische Armee konnte den Einsatz scharfer Munition nicht bestätigen und sprach vielmehr von Tränengas und Gummigeschoßen.

Darüber hinaus heulten im Süden Israels die Warnsirenen, nachdem Terroristen vom Gazastreifen aus wieder einmal eine Rakete auf Israel abgefeuert hatten. Die israelische Luftwaffe griff daraufhin zwei Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen an.
 

Die APA-Meldung

Nun kann es durchaus schwierig sein, all diese Vorgänge so zusammenzufassen, dass dabei ein alle wesentlichen Informationen enthaltender Absatz herauskommt. Aber selbst wenn Sie dies mehrfachen versuchten, wäre höchst unwahrscheinlich, dass Sie das zustande brächten, was die APA als Meldung verbreitete. Denn in deren einleitendem Absatz wurden die Geschehnisse folgendermaßen zusammengefasst:

 

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Mit keinem Wort war hier von palästinensischen Attacken die Rede, vielmehr kamen Palästinenser als handelnde Personen überhaupt nicht vor. Der einzige Akteur war die israelische Armee, die drei Palästinenser erschossen habe – warum und unter welchen Umständen, das wurde verschwiegen.

Dass der israelische Soldat von einem palästinensischen Attentäter lebensbedrohlich verletzt wurde, erschloss sich aus der Formulierung nicht. Die einzigen Angriffe, von denen die Rede war, waren israelische Luftschläge im Gazastreifen und der Umstand, dass das israelische Militär drei Palästinenser erschossen habe. Wenn von „einem der Angriffe“ gesprochen wurde, so konnte sich das eigentlich nur auf israelische Angriffe beziehen. Erst im zweiten Absatz wurden „angebliche Messerattacken“ erwähnt – so als sei es fragwürdig, ob es diese wirklich gegeben habe.
 

Israel schlägt als erster zurück

Der Raketenangriff aus dem Gazastreifen, der die Ursache für die israelischen Luftschläge war, blieb ausgeblendet. Der zweite Absatz der Meldung begann mit dem Satz: „Später flog Israels Luftwaffe zwei Angriffe auf Ziele im Gazastreifen.“ Vom palästinensischen Raketenangriff weiterhin keine Spur – der fand erst im dritten Absatz Erwähnung.

Die APA folgte hier einem übl(ich)en Muster: Nicht der palästinensische Raketenterror war es, der den Konflikt „zusätzlich angefacht“ habe, sondern die israelische Reaktion darauf. Wäre diese nicht erfolgt, so wäre der palästinensische Raketenbeschuss ganz beiseitegelassen worden.
 

Mehr als Unvermögen

Würde eine dermaßen misslungene Meldung eine Ausnahme darstellen, könnte man darüber hinwegsehen. Doch leider kann davon keine Rede sein. Die vergangenen Wochen haben erneut deutlich gemacht, dass es sich nicht allein um das Unvermögen handeln kann, Sachverhalte adäquat und klar wiederzugeben. Zu oft trifft man auf derartig verzerrende Meldung, zu uniform weisen sie stets in dieselbe Richtung.

Die Medien folgen dem Skript der üblichen „Nahost“-Berichterstattung, in dem die Rollen klar verteilt sind: Die Palästinenser sind Opfer israelischer Aggression. Erst dieser Blickwinkel, der den eigenen anti-israelischen Ressentiments geschuldet ist und die des Publikums bedient, macht verständlich, wie solche Meldungen zustande kommen können. Die große Diskrepanz zwischen Skript und Realität führt zu Berichten wie jenem der APA, in denen sich das Zurechtbiegen der Wirklichkeit in sprachlichem Unvermögen manifestiert.


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