„Noch vor 20 Jahren sprach niemand von Muslimen“

„Identitätspolitik oder Politik der vollen Identität bedeutet, dass ein Teilaspekt individueller Identität zur identitären Definition eines Kollektivs überhöht wird. Noch vor rund 20 Jahren sprach niemand von Muslimen. Egal ob wohlmeinend oder abwertend wurde wahlweise von ‚Ausländern‘ oder eben von Türken, Bosniern, Arabern etc. gesprochen, was auch schon problematisch war. Heute jedoch werden alle Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus mehrheitlich islamischen Ländern kamen, unter der Bezeichnung ‚Muslime‘ subsumiert. Muslim ist zur Kategorie für das Andere – oder das Eigene – geworden. Anhand der Trennlinie ‚Muslim‘ wird die Gesellschaft in ein ‚Wir‘ und ‚die Anderen‘ geteilt. Hier findet eine geistige Zwangskollektivierung statt. Individuen werden nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern stattdessen vollständig mit der ihnen zugedachten imaginären Kategorie ‚Muslim‘ identifiziert. Imaginär, weil ein religiöses Bekenntnis kein angeborenes und unabwendbares Merkmal wie etwa die Hautfarbe ist. Es wird aber im Diskurs mittlerweile in gleicher Weise als quasi angeborenes Merkmal verwendet.

Das haben wir nicht nur den Rechten zu verdanken, die sich als vermeintliche Verteidiger des Abendlandes und der Aufklärung gegen Muslime positionieren, sondern ebenso den Vertreter/innen islamischer Organisationen in Europa, die fast alle den diversen Organisationen des politischen Islam nahestehen – und in deren Interesse es ist, eine muslimische Identität aufrechtzuerhalten bzw. zu befördern. (…)

Auch ein Teil des linken Diskurses wird von Identitätspolitik bestimmt: Um sich von der identitären Politik der Rechten abzugrenzen, werden Muslime vermeintlich in Schutz genommen, womit in der Regel gerade die konservativen, auf Identitätspolitik beharrenden islamischen Kräfte gemeint sind. Dementsprechend fallen die Reaktionen auf Ex-Muslime aus oder auf Menschen, die selbst einen muslimischen Familienhintergrund haben, aber öffentlich die Religion oder muslimische Communities kritisieren, wie etwa Hamed Abdel Samad, Necla Kelek oder Kamel Daoud. Sie gelten als Stichwortgeber der Rechten, als Störenfriede des vermeintlich antirassistischen Diskurses. Dafür, dass sie die ihnen zugewiesene volle Identität verlassen und eine individuelle Identität jenseits ihres Muslim-Seins beanspruchen, werden sie denunziert. Sie sind Opfer einer vermeintlich antirassistischen Ignoranz.“ (Heiko Heinisch: „Identitäre Diskurse“)

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