NICHT FÜR EINEN GOTTESSTAAT?

Seit feststeht, dass islamistische „Extremisten“ bei den Wahlen in Ägypten bis zu einem Viertel der Stimmen gewinnen konnten, versuchen die Kommentatoren in unseren Medien, diese Überraschung zu verarbeiten. In der Presse (6. Dezember 2011) macht sich Matthias Sailer auf die Suche nach einer Erklärung für den Wahlerfolg der Salafisten und landet bei einer schwer zu beantwortenden Frage: Wie lässt sich erklären, dass so viele Menschen für Parteien stimmten, deren Ziele sie gar nicht teilen? Vor fünfzehn Jahren war eine vergleichbar schwere Frage Gegenstand einer hitzigen Debatte.

Der Auslöser dieser Debatte im Jahr 1996 war die Veröffentlichung von Daniel J. Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“. Was immer die zahlreichen Kritiker an Goldhagens Arbeit auch kritisieren mochten, einen Punkt musste man ihm zugestehen: Er hatte eine sehr richtige Frage gestellt. Bis dahin hatte fast die gesammte Historikerzunft ihre Zeit damit verbracht, zu erklären, weshalb so viele Deutsche und Österreicher im Nationalsozialismus an einem Massenmordprogramm teilnahmen, obwohl sie dessen ideologische Grundlagen nicht teilten und den Massenmord ablehnten. Goldhagen schrieb über die Historiker: „Sie alle gehen von der Vermutung aus, dass die Täter ihren Handlungen zumindest neutral, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstanden.“ Die verschiedenen Theorien (Befehlszwang, Gehorsam, Gruppendruck etc.) liefen „auf die Frage hinaus, wie man Menschen dazu bringen kann, Taten zu begehen, denen sie innerlich nicht zustimmen und die sie nicht für notwenig oder gerecht halten.“ Anstatt sich nun mit all den verschiedenen Theorien auseinander zu setzen, kritisierte Goldhagen die zugrunde liegende Frage und kam zu dem Ergebnis: Die Überzeugungen der Täter lieferten den Grund für ihre Bereitschaft zum Mitmachen. „Die Täter, die sich an ihren eigenen Überzeugungen und moralischen Vorstellungen orientierten, haben die Massenvernichtung der Juden für gerechtfertigt gehalten, sie wollten nicht nein sagen.“

Kommen wir zurück zu den Wahlen in Ägypten. Sailer schreibt in der Presse, die Moslembrüder hätten nicht vor, „Ägypten in einen Gottesstaat zu verwandeln.“ Denn: „Die Mehrheit der Ägypter hat mit den Islamisten nämlich nicht für die Errichtung eines Gottesstaates gestimmt“. Warum aber hätten so viele Menschen dann für sie stimmen sollen? Sailer zufolge, weil sie Organisationen wählten, „die sie im täglichen Überlebenskampf unterstützen.“ Doch nur wenige Zeilen zuvor verweist er auf eine Untersuchung von Pew Research: „In einer Umfrage sprachen sich vor einem Jahr 82 Prozent der Ägypter für Steinigung bei Ehebruch aus, das ist mehr als in irgend einem anderen islamisch dominierten Land. Sogar 84 Prozent wären für die Verhängung der Todesstrafe beim ‚Abfallen‘ vom Islam.“

Sailer verhält sich wie die Historiker, die erklären wollten, warum viele Menschen sich an Verbrechen beteiligten, die sie gar nicht für gut befanden. Anstatt den einfachen logischen Schluss zu ziehen, dass viele jener über 80 Prozent der Ägypter, die Apostaten hinrichten und Ehebrecher steinigen lassen wollen, für Islamisten stimmten, weil sie deren Ideologie teilen, will er den Lesern erklären, warum sie Islamisten wählten, obwohl sie deren Ideologie ablehnen. Welche ist wohl die wahrscheinlichere Variante?


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