Netanjahus „Angst-Propaganda“

Sehr geehrte Redaktion der Kleinen Zeitung,

Nina Koren ist mit ihrem gestern veröffentlichen Interview mit dem israelischen Schriftsteller Nir Baram ein bemerkenswerter Beitrag zur Berichterstattung über den Gaza-Krieg gelungen – wenn auch in negativer Hinsicht. Baram wirft darin dem israelischen Premier Netanjahu „Angst-Propaganda“ und die gezielte Manipulierung der „Holocaust-Erfahrung für seine Zwecke“ vor. Dieses die reale Bedrohung Israels verharmlosende ‚Argument‘ wäre selbst in ruhigeren Zeiten vorsichtig gesagt ein wenig verschroben angesichts der buchstäblich Zigtausenden von der libanesischen Hisbollah auf Israel gerichteten Raketen sowie angesichts eines iranischen Regimes, für das die Vernichtung Israels zur Staatsräson gehört, das den Holocaust leugnet und an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet. Netanjahu aber manipulative „Angst-Propaganda“ ausgerechnet in einer Zeit vorzuwerfen, in der täglich Dutzende Raketen der Hamas in Israel einschlagen und rund 5 Millionen Israelis akut bedrohen, während in Europa tagtäglich antisemitische Massenaufmärsche stattfinden, ist im wahrsten Sinne des Wortes einfach verrückt.

Aber Baram kritisiert nicht nur den israelischen Premier, sondern hat auch für die Hamas kritische Worte auf Lager: „Die Hamas hat es verabsäumt, den Menschen im Gazastreifen Sicherheit zu bringen und eine Öffnung der Gesellschaft zuzulassen.“ Nur jemand, der sich in seinen Analysen von der Wirklichkeit nicht weiter beeindrucken lässt, kann einer islamistisch-totalitären Terrorgruppe wie der Hamas vorwerfen, an einer von ihr nie angestrebten „Öffnung“ der Gesellschaft gescheitert zu sein. Was würde man denn hierzulande von jemandem halten, der den Nationalsozialismus dafür kritisieren würde, zwischen 1933 und 1945 nicht genug für Multikulturalismus, religiöse Toleranz und die Gleichberechtigung aller Bürger getan zu haben?

Zu guter Letzt plädiert Baram für „einen Staat, in dem alle ethnischen Gruppen gleichberechtigt sind.“ [Hrvg. MENA] Das ist zwar in Israel der Fall, dessen Bürger vor dem Gesetz ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit gleichgestellt sind, doch will Baram auf etwas ganz anderes hinaus: Anders als die Hamas ist er zwar sicher nicht der Meinung, dass Juden im Nahen Osten grundsätzlich nichts zu suchen haben und getötet werden müssten, aber er ist doch in diesem einen Punkt mit ihr durchaus einer Meinung: Einen jüdischen Staat soll es nicht geben.

Es ist bezeichnend, dass in österreichischen Medien mit besonderer Vorliebe nach solchen israelischen Stimmen Ausschau gehalten wird, die in keinster Weise repräsentativ für den israelischen Mainstream sind und sich mit ihrer Ablehnung des heutigen Staates Israel am Rand des politischen Spektrums befinden. Sie erfreuen sich in Europa so großer Beliebtheit, weil sie nur das einseitige Bild von Israel untermauern, das hier unter dem Stichwort „Israelkritik“ Respektabilität erheischt. Dank Ihres Korrespondenten Gil Yaron hebt sich die Israel-Berichterstattung der Kleinen Zeitung öfters erfreulich von der vieler anderer österreichischer Medien ab. Das Interview mit Baram leistete dazu leider keinen Beitrag.

Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Florian Markl
Medienbeobachtungsstelle Naher Osten (MENA)


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