Mit syrischen Truppen gegen den IS? Eine sehr schlechte Idee

Warum nicht auch syrische Regierungstruppen, fragte Frankreichs Außenminister, als er sich öffentlich Gedanken darüber machte, wer im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) als Bodentruppen zur Verfügung stehen könne. Zustimmung erhielt er von der deutschen Verteidigungsministerin, die sich ebenfalls „Teile der Truppen in Syrien“ als Verbündete vorstellen kann. Dass ein solcher (auch von Österreichs Außenminister Kurz) geforderter „Schulterschluss“ mit dem Assad-Regime politisch genau jene stärken würde, die für das Desaster in Syrien maßgeblich verantwortlich sind, und darüber hinaus eine moralische Bankrotterklärung Europas darstellen würde, ist eine Sache. Abgesehen davon zeugt der Vorschlag in militärischer Hinsicht von erstaunlicher Ignoranz: Ohne massive ausländische Unterstützung wären syrische Regierungstruppen nicht einmal in der Lage gewesen, das formal noch Assads Herrschaft unterstehende Rumpfsyrien gegen schlecht ausgerüstete Rebellen zu verteidigen.

Papiertiger

Auf dem Papier mag die syrische Armee beeindruckende Zahlen vorweisen können: rund 300.000 Mann stark soll sie vor dem Beginn des Krieges gewesen sein. Doch sobald der Konflikt losbrach, zeigte sich, wie irreführend derartige Angaben bisweilen sein können. Tatsächlich bestand die Armee hauptsächlich aus sunnitischen Rekruten, die sich bei der Unterdrückung der mehrheitlich sunnitischen Opposition als wenig zuverlässlich erwiesen. Rasch zeigte sich, dass das Regime vor allem mit einem demographischen Problem zu tun hatte: Es verfügte einfach nicht über genügend kämpfendes Personal, um Syrien wieder unter Kontrolle bringen zu können.

Deshalb zog das Regime sich aus Teilen des Landes zurück, um wenigstens das übrig gebliebene Rumpfsyrien besser verteidigen und sich selbst am Leben erhalten zu können. Anstatt auf die unzuverlässige Armee stützte es sich beim Kampf gegen die Rebellion darüber hinaus auf irreguläre Streitkräfte – die berüchtigten Schabiha-Milizen („Gespenster“), die in der Anfangsphase des Konflikts die Drecksarbeit des Regimes erledigten und im Laufe der Zeit in die neu aufgestellten National Defence Forces eingingen.

Milizialisierung

Es ist allseits bekannt, dass von einer einheitlichen Rebellion nicht gesprochen werden kann, sondern diese in hohem Maße zersplittert ist. Genaue Zahlen liegen nicht vor, Schätzungen gehen aber von Hunderten, wenn nicht gar über Tausend verschiedenen bewaffneten Gruppierungen aus, die sich dem Assad-Regime entgegenstellen.

Weniger bekannt ist jedoch, dass auch das Regime einen Prozess der Milizialisierung durchlaufen hat, in dem eine Vielzahl bewaffneter Einheiten die regulären Sicherheitskräfte und die Armee zunehmend ersetzten. Zu den bereits erwähnten National Defence Forces gesellte sich eine Vielzahl kleinerer bewaffneter Verbände (wie etwa die Bataillone der Baath-Partei sowie lokale Milizen), die allesamt außerhalb der formalen Befehlskette der syrischen Streitkräfte agieren. Was von außen oftmals als das vom Regime kontrollierte Territorium bezeichnet wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als Fleckenteppich vieler Akteure, über die das Assad-Regime bestenfalls lose Kontrolle hat.

Ausländische Kämpfer

Immer wichtiger wird zudem die Bedeutung ausländischer kämpfender Akteure, die zwar stets als das Assad-Regime unterstützende Kräfte betrachtet werden, in Wahrheit aber ihre eigenen Interessen verfolgen – von der libanesischen Hisbollah über die iranischen Revolutionsgardisten sowie vom iranischen Regime aufgestellte Einheiten bestehend aus Irakern, Afghanen oder Pakistanern, bis hin zu russischen Streitkräften. Oliver M. Piecha meinte angesichts dieser Präsenz internationaler Akteure  unlängst: „Man mag sich die taktischen Probleme vorstellen, wenn Urdu sprechende pakistanische Söldner unter dem Kommando iranischer Offiziere, syrische Armeeeinheiten und diverse schiitische Milizen mit russischer Luftunterstützung zusammen auf dem Gefechtsfeld agieren sollen.“

Sie alle mussten ins Land geholt werden, weil das Assad-Regime es aus eigener Kraft nicht einmal vermochte, sich gegen schlecht ausgerüstete Rebellen am Leben zu erhalten. Ohne die massive ausländische Unterstützung, so sind sich im Grunde alle Beobachter einig, wäre das Assad-Regime längst Geschichte. Je länger der Krieg andauert, umso geringer wird auf Seiten des Regimes der Einfluss der regulären syrischen Armee, die bereits Zigtausende Verluste erlitten hat, mit der hohen Zahl an Deserteuren sowie massiven Rekrutierungsproblemen zu kämpfen hat und deren Kampfmoral am Boden ist.

Darum keine syrischen Regierungstruppen

Dass immer mehr europäische Politiker in einer solchen Lage Hoffnungen darauf setzen, sich die syrische Armee als Verbündeten gegen den IS anzulachen, ist gleichermaßen Ausdruck ihrer verzweifelten Hilfslosigkeit im Angesicht des syrischen Desasters wie Beleg dessen, dass sie bestenfalls oberflächliche Ahnung davon haben, was sich in Syrien abspielt.


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