Missing Links: Das Wiener Abkommen und die Institutionalisierung der iranischen nuklearen Gefahr

Nach dem Abschluss des Genfer Interimsabkommens im Streit um das iranische Atomprogramm im November 2013 warnten die ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger und George P. Shultz in einem Kommentar im Wall Street Journal vor den Unzulänglichkeiten der damals getroffenen Vereinbarung zwischen den P5+1 und dem iranischen Regime:

„Standing by itself, the interim agreement leaves Iran, hopefully only temporarily, in the position of a nuclear threshold power—a country that can achieve a military nuclear capability within months of its choosing to do so. A final agreement leaving this threshold capacity unimpaired would institutionalize the Iranian nuclear threat, with profound consequences for global nonproliferation policy and the stability of the Middle East.“

Mit dem nun in Wien beschlossenen Abkommen ist genau das eingetreten, wovor Kissinger und Shultz gewarnt haben: die Institutionalisierung der iranischen nuklearen Gefahr. Emily Landau fasst die Entwicklung des Atomstreits zusammen, die wahrlich wenig Anlass zur Freude bietet:

„The international negotiators – who had said very clearly that their goal was to prevent Iran from ever attaining a nuclear-weapons capability – ended up agreeing to a deal that in the best-case scenario will stop Iran from attaining nuclear weapons for 10 years. In a less favourable scenario, it could happen even sooner.“

Während es die diesbezüglichen Experten noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, die technischen Details des Abkommens im Detail zu analysieren, wird bereits jetzt massive Kritik am Abkommen formuliert. Ein erster Überblick über einige der relevanten Themen:

Inspektionen. Von der Forderung nach der Möglichkeit für IAEA-Inspektoren, verdächtige iranische Anlagen „anytime, anywhere“ inspizieren zu können, ist wenig übrig geblieben – Wendy Sherman, Staatsekretärin im US-Außenministerium und amerikanische Chef-Verhandlerin bei den Atomgesprächen, bezeichnet die frühere Forderung, mit der Kritiker besänftigt werden sollten, mittlerweile als rhetorische Floskel, die nie ernst gemeint gewesen wäre.

Das Abkommen sieht im Streitfall einen Mechanismus vor, der dem iranischen Regime eine Vorwarnzeit von beinahe einem Monat einräumt. Statt überraschende Inspektionen zu ermöglichen, werden diese unter dem verschleiernden Terminus „managed access“ unmöglich gemacht. Der israelische Premier brachte es in seiner Knesset-Rede auf den Punkt: „(T)he agreement gives Iran 24 days’ [notice] before an inspection; it’s like giving a criminal organization that produces drugs a 24-hour warning before performing a search“.

Sanktionen. Der Obama-Administration zufolge beinhaltet der Deal die Versicherung, dass die internationalen Sanktionen sofort wieder eingesetzt werden könnten („snapback“), wenn das iranische Regime gegen die Vereinbarungen des Abkommens verstoße. Das mag theoretisch stimmen, ist praktisch aber so unrealistisch, dass der Passus so gut wie hinfällig ist. Robert Satloff vom Washington Institute for Near East Policy weist auf einige der Probleme hin, die sich im Zusammenhang mit der Wiedereinsetzung von Sanktionen ergeben werden:

„According to my read of the agreement, there is only one penalty for any infraction, big or small – taking Iran to the UN Security Council for the ‚snapback‘ of international sanctions. That is like saying that for any crime – whether a misdemeanor or a felony – the punishment is the death penalty. In the real world, that means there will be no punishments for anything less than a capital crime. … The agreement includes a statement that Iran considers a reimposition of sanctions as freeing it from all commitments and restrictions under the deal. In other words, the violation would have to be really big for the Security Council to blow up the agreement and reimpose sanctions. That effectively gives Iran a free pass on all manner of small to mid-level violations.“

Der vereinbarte Sanktionsmechanismus setzt darüber hinaus voraus, dass die P5+1 überhaupt ein Interesse daran haben, Verstöße des iranischen Regimes aufzuzeigen. Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass schon die Hoffnung auf einen Deal dazu geführt hat, dass iranische Verstöße gegen bestehende Sanktionen sowie Versuche zum illegalen Erwerb nuklear relevanter Güter unter den Teppich gekehrt wurden. In Zukunft werden die Mitglieder der P5+1, allen voran Russland und Frankreich, lukrative Verträge mit dem iranischen Regime unterzeichnet haben und folglich keinerlei Motivation verspüren, milliardenschwere Geschäfte durch die Wiedereinsetzung von Sanktionen zu gefährden – genauso wenig wie jene, die mit dem Deal unbedingt in die Geschichte eingehen wollen, ein Scheitern des Abkommens öffentlich eingestehen werden wollen.

Das regionale Umfeld. Obwohl es bei den Verhandlungen um nichts anderes gehen sollte als das Nuklearprogramm des iranischen Regimes, besteht nicht der geringste Zweifel, dass mit dem Deal massive Veränderungen im regionalen Kräfteverhältnis einhergehen. Noch einmal Robert Satloff:

„(T)his agreement is truly historic. It marks a potential turning point in America’s engagement in the Middle East, a pivot from building regional security on a team of longtime allies who were themselves former adversaries of each other – Israel and the Sunni Arab states – in favor of a balance between those allies and our own longtime nemesis, Iran. This deal does not mean that America and Iran are now partners; far from it. But it sends tremors throughout the region in laying out the potential for that partnership. And Iran doesn‘t have to pay for this huge strategic gain by giving up its use of terror, subversion or other problematic policies. The only payment Iran makes for this huge strategic gain is postponement of its nuclear ambitions.“

Die Obama-Administration verweist zur Verteidigung des Deals auf Vereinbarungen, die während des Kalten Krieges mit der Sowjetunion geschlossen wurden, und darauf, dass mit dem Abschluss der Verhandlungen mit dem iranischen Regime keineswegs dessen regionales Vormachtstreben aus dem Blick gerate oder akzeptiert werde. Doch wie Michael Singh erläutert, können diese Verweise nicht zufriedenstellen: Waffenkontrollabkommen mit der Sowjetunion seien nur ein Bestandteil einer viel umfangreicheren Eindämmungspolitik gegenüber dem Ostblock gewesen. Im Fall des Iran sei eine derartige Politik weit und breit nicht zu sehen. Der Wiener Deal unterstütze nicht eine kohärente Politik zur Eindämmung des iranischen Regimes, sondern stelle die Politik der letzten Jahrzehnte auf den Kopf:

„After years of opposition to the Iranian regime, Washington is seeking to cooperate with it – and possibly bolstering the state that some of our allies regard as their chief threat. Under the agreement, the U.S. will acquiesce to the gradual expansion of Iran‘s nuclear efforts after more than a decade of opposing them. We will comprehensively lift sanctions on Iran after more than three decades of adding to them. We will facilitate the transfer of funds to Iranian entities after years of seeking to block them. All of this looks like a stark strategic reversal.“

Dieser Punkt wird auch von Lee Smith betont: Wenn der amerikanische Kongress sich in den kommenden 60 Tagen mit dem Abkommen beschäftigen wird, sollte es nicht nur darum gehen, einen Deal abzulehnen, von dem jeder ernstzunehmende Mensch weiß, dass er keineswegs das Ende des langjährigen Atomstreits bedeutet, sondern vielmehr darum, ein von der Obama-Administration beharrlich verfolgtes, wenngleich nie öffentlich einbekanntes Vorhaben zurückzuweisen:

„Lebanon‘s Druze leader Walid Jumblatt writes that the ‚deal was signed with the blood of hundreds of thousands of Syrians who were killed to pave the way for this agreement.‘ Jumblatt has identified the issue precisely. The signing ceremony in Vienna last week was meant to formalize an arrangement between the Obama White House and Iran regarding the new order in the Middle East—an order to be managed by the clerical regime, in particular its hard men, its extremists, the Revolutionary Guard.“

Tatsächlich müsse von einem ‚historischen Durchbruch’ gesprochen werden, aber nicht in dem Sinne, in dem er in der Berichterstattung gegenwärtig ständig bemüht werde:

„Obama‘s historic achievement will provide Iran with $150 billion, while also lifting sanctions on the IRGC and Suleimani [die iranischen Revolutionsgarden und den Chef ihrer für Auslandsoperationen zuständigen al-Quds-Brigaden, Anm. MENA] and ending the U.N. arms embargo. In other words, the Obama White House is funding and arming its new regional partner. When Congress votes, the point will be not simply to strike down a bogus nuclear deal, but to reject an alliance with a criminal regime.“

Alternativen zum gegenwärtigen Deal. Die Obama-Administration und Vertreter der an den Verhandlungen beteiligten EU-Staaten werden nicht müde, das in Wien geschlossene Abkommen als ‚alternativlos‘ zu bezeichnen: Es gebe nur die Wahl zwischen diesem Deal und Krieg. Die Überlegung hinter dieser Argumentation ist nicht schwer zu verstehen: Kritiker des Abkommens, allen voran Israel, sollen mundtot gemacht werden, indem sie als verantwortungslose Kriegstreiber diffamiert werden. In der Times of Israel führt David Horovitz aus, was an dieser Argumentationsweise falsch ist, und kommt zu einem bitteren Urteil über den Wiener Atom-Deal:

„It is an act of unwarranted accommodation with a dark, dangerous and unreformable regime, and it is going to cost the free world dearly. To see ourselves being misrepresented and unjustly criticized by disingenuous leaders as this tragedy plays out, while we in Israel brace to battle against the repercussions of their insistent incompetence, is a contemptible case of adding insult to looming injury.“

Jeff Robins erläutert, warum die Diffamierung von Kritikern des Abkommen als Kriegstreiber darüber hinaus infam ist und alte antisemitische Klischees bedient.


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